Ich war schon früh Feministin, wahrscheinlich schon in der Pubertät, spätestens mit Anfang zwanzig. Hallo Welt, hier bin ich, war mein Schlachtruf, ich kann tun, was ich will und keiner wird mich stoppen. Mein weiblicher Stolz war damals noch nicht von der Wirklichkeit herausgefordert worden, noch ungeübt im Umgang mit Hindernissen. Ich trug ein durchgedrücktes Kreuz zur Schau, gepaart mit einem hochgereckten Kinn und einem Komm-schon-wenn-du-dich traust-Zucken um die Mundwinkel. Denn dass die Frauensache politisch noch nicht restlos ausgestanden war, davon hatten wir gehört. Na und? Die Verhältnisse hatten vielleicht unsere Mütter an ihrer Entfaltung behindert, aber uns doch nicht!

Drei Kinder und zwanzig Jahre Berufstätigkeit später bin ich da, wo alle sind. Ich bin der 41-jährige weibliche Mainstream dieses Landes. Ich arbeite 28 Stunden die Woche, die sich anfühlen wie 38 und bezahlt werden wie 15. Halbtags = Karrieresackgasse, Freiberuflichkeit = prekäres Arbeitsverhältnis, Frau = sowieso schlechter bezahlt.

Ich weiß das alles. Ich kann Gendertheorien rückwärts im Schlaf singen. Aber mein theoretisches Wissen hilft mir nicht weiter bei der Frage, wie ich diese Woche meine zwei Deadlines schaffen soll, wenn ein Kind mit Bauchschmerzen daheim ist und bei dem anderen die Lehrer streiken. Mein Gehirn, das so gerne geistreiche 25.000-Zeichen-Essays zur Lage der Welt schreiben möchte, ist geflutet von Alltagsschwachsinn: Die Spültabs sind leer! Regenhose für die Klassenfahrt! Vorher noch zur Bücherei! Geschenk fürs Patenkind! Und apropos: Sind eigentlich alle Familienmitglieder ordnungsgemäß durchgeimpft?

Auch im Jahr 2015 machen Frauen einen Großteil der Familienarbeit. Wir sind der Kitt, der den Haufen nach innen und außen zusammenhält. Verantwortungsgefühl meets Kontrollzwang. Ich weiß auch das, ich habe bestimmt 30 Bücher über die Blödheit von Frauen gelesen und warum sie selbst ihr größtes Problem sind.

Wir hatten kaum Vorbilder und haben immer noch keine

Was also tun? Wir grübeln, wir streiten uns, wir zweifeln an allem – und wissen trotzdem nicht, wie es besser gehen könnte. Wir hatten kaum Vorbilder und haben immer noch keine. Unsere Mütter: im Westen Hausfrauen, im Osten zwangsläufig Vollzeit berufstätig und trotzdem allein für Kinder und Küche zuständig. Freie Wahl sieht anders aus.

Heute gebären amerikanische CEOs ihre Kinder in der Mittagspause zwischen zwei Meetings. Vierfach-Model-Mütter, denen man unter keinen Umständen ihre Schwangerschaften ansehen darf, casten kleine Mädchen fürs Bulimie-Business. Ministerinnen haben manchmal ein Kind und manchmal sieben, die sieht man aber nie, weil sie in großen Häusern in der Provinz geparkt werden.