Ist dieses ganze Getwittere und Gefacegebooke nicht eine ungeheuerliche Selbsterhöhung? Man muss sein Anliegen für eine derartige Unentbehrlichkeit halten, dass man es gehashtaggt durch die medialen Netzwerke jagt. Natürlich sind es immer die Benutzer dieser Kommunikationsformen, die beharrlich darauf hinweisen, dass Twittern, also das telegrammhafte Versenden einer Nachricht, wertvoll sei.

Eine schlüssige Argumentation hat man bisher zwar nie gehört, außer den Einwand, dass es eben so sei. Der Mensch möchte sich offenbar mitteilen, vielleicht hat die Anthropologie eine klügere Antwort. Es ist auch eine Folge des Niedergangs der guten, alten amtlichen Bekanntmachung auf der Pinnwand des Rathauses. Wiedenborstel beispielsweise hat zwölf Einwohner. Wer aber auch noch die Menschen in Bonebüttel und Todenbüttel erreichen möchte, für den scheint Twitter aufgrund seiner Reichweite über die Heimatgemeinde hinaus ideal.

Soziale-Netzwerk-Analphabeten gehen natürlich davon aus, dass es sich bei den wichtigen Botschaften um eine Art SOS handelt. Also: "Aufgepasst, Sicherheitskräfte nehmen Demonstranten fest, dreht um, kommt nicht!" oder "Biggi, mein Mann hat eine andere! Leihst du mir deinen Revolver?". Die ausführlichen Erklärungen zu einer Twittermeldung folgen zumeist auf Facebook. Facebook hat sich zu einer Art Slowfood unter den sozialen Medien entwickelt. Es ist das Lettre International unter den zivilen Quasselstrippenmedien. Wer mehr als 140 Zeichen tief gehen möchte, klemmt seine Bekanntmachung an die Pinnwand und lässt sich dafür liken. Ob es schon Menschen gibt, die für einen Like töten würden?

Jedenfalls teilt sich die Menschheit in soziale und asoziale Mediennutzer. Das gilt auch für Politiker. Manche twittern noch aus der Sitzung heraus, weil sie Angst haben, dass der Fraktionskollege mit den beiden Teufelsdaumen schneller als sie sein könnte. Man hört schon von Daumenyoga und Zeigefingerpilates für schnelleres und gesünderes Twittern. Und es gibt die anderen Politiker, die bei spannenden Ereignissen überlegen, eine Pressemitteilung herauszugeben. Nächste oder übernächste Woche.

Als an diesem Montag Sebastian Edathy, Mitglied der SPD, überraschend ein Schuldeingeständnis ablegte und den Konsum von Kinderpornografie zugab, um einen drohenden Gerichtsprozess zu verhindern, polterte es twitternd aus Ralf Stegner, dem Landesvorsitzenden der SPD in Schleswig-Holstein, heraus:

Wer Gewalt gegen Kinder rechtfertigt, was mit unseren Grundwerten überhaupt nicht vereinbar ist, hat nix verstanden und sollte SPD verlassen!

Dabei kann bei einem Schuldeingeständnis von einer Rechtfertigung doch gar keine Rede sein. Niemals hat Stegners Parteikollege Sebastian Edathy Gewalt gegen Kinder gerechtfertigt. Er hat über dieses Thema in der Öffentlichkeit zu keinem Zeitpunkt Stellung genommen.

Und weil Stegner Angst hatte, dass sein Getwittere untergehen könnte, legte er wenig später nach:

Keinerlei Einsicht oder Reue, keinerlei Unrechtsbewusstsein und maximaler Schaden

Und weil er offenbar sonst nichts zu tun hat und von seiner eigenen Begriffsstutzigkeit auf andere schließt, wiederholte er erneut:

Keinerlei Wort für die Opfer, keinerlei Einsicht oder Reue+politischer Maximalschaden für unsere Grundwerte-SPD will damit nix zu tun haben!

Dass diese Form der Kommunikation schon aus ästhetischen Gründen eine Katastrophe ist, darüber muss man nicht sprechen. Das verkürzte Mitteilen wirkt stets wie ein dahin geworfener Kommentar im Vorbeigehen. Man stellt sich die Leute immer ein wenig so vor, als würden sie sich im Laufen schnell noch eine Currywurst reindrücken und mit der anderen Hand besinnungslos rumtippen, während der Ketchup aus den Mundwinkeln tropft: "SPD will nix damit zu tun haben", mampf, mampf. Meine Güte, muss Stegner geladen gewesen sein! "Reue" und "Einsicht", woher will denn Stegner wissen, was Edathy fühlt? Man kann auch beschämt sein, ohne es dreimal in die Welt hinauszutwittern. Man kann schockiert sein, krank sein, reuig sein, einsichtig, ohne den permanenten Drang zu verspüren, es zu kommunizieren.

Konsumenten von Kinderpornografie einfach nur zu verdammen, ohne zu begreifen, dass es sich hierbei um eine wirkliche Störung handelt, der mit Reue und dem Verlassen der SPD nicht beizukommen ist, der will sich mit dem Thema nicht auseinandersetzen, sondern einfach nur öffentlich empört sein. Die Kinderpornografie hat ihre Anhänger quer durch alle Schichten. Dass sich in Volksparteien Kinderpornografiekonsumenten aufhalten, ist statistisch sehr wahrscheinlich. 

Wenn Stegner etwas dagegen hat, muss er das generalisieren, das Thema zur Agenda erheben, sich dem Kampf verpflichten und losstürmen und Gesetze erlassen und sich mit dem Internet anlegen. Kann er das? Will er das? Ist einer, der regelmäßig schon nach dem Aufstehen twittert: "Guten Morgen aus Bordelsholm", oder wahlweise "einen schönen Dienstag","einen schönen Donnerstag","einen schönen Freitag" oder "einen schönen Wochentag" wünscht, überhaupt noch an Inhalten interessiert oder nur noch am Senden des Sendens willen? Fragen, die nur der stellvertretende Parteivorsitzende Ralf Stegner beantworten kann. Wie auch die Frage, wie sich die vielbeschworenen Grundwerte, die er so ausdrücklich besingt, mit seinem Musiktipp des Tages (Bamboleo von den Gipsy Kings) vereinbaren lassen.