Als ich meinem Kollegen Jan Brandt erzähle, dass ich am nächsten Tag mit Oliver Rohrbeck zum Interview verabredet bin, überrascht er mich nicht nur damit, dass er mit Die drei ??? bestens vertraut ist, sogar mit den jüngsten Folgen; er sagt auch den mysteriösen Satz: "Ich war schon mal in Rocky Beach." Eigentlich ist das natürlich unmöglich.

Rocky Beach ist der fiktive Vorort von Los Angeles, in dem Die drei ??? Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews wohnen und als jugendliche Hobby-Detektive bisher jeden ihrer 174 Fälle gelöst haben. Wie gesagt, fiktiv, genauso fiktiv wie, dass die drei bei ihren Ermittlungen auf Fahrrädern auf US-Highways von Städtchen zu Städtchen fahren. Aber, sagt Jan Brandt, Recherchen innerhalb der Die-drei-???-Fankreise hätten ergeben, dass im Großraum Los Angeles nur im Stadtteil Pacific Palisades der Strand ein wenig felsig, also "rocky", sei. Und er, Jan Brandt, sei also genau dort 2014 gewesen. Als Stipendiat. In der Villa Aurora.

Am nächsten Tag grübele ich auf dem Weg zum Interview immer noch darüber nach; aber eigentlich ergibt das absolut Sinn, dass ein quasi heiliger Ort der deutschen Literatur so eng mit der weltweit erfolgreichsten Hörspielreihe verbunden ist. Denn Die drei ??? sind ein rein deutsches Phänomen, obwohl die Buchvorlagen dafür aus den USA der 1960er stammen. Während in allen anderen Ländern die Reihe eingestellt wurde und die Hörspiele floppten, gibt es sie in Deutschland immer noch. Seit mehr als 35 Jahren. Insgesamt verkaufte Tonträger: 45 Millionen. Nicht mitgerechnet die unzähligen Merchandise-Produkte und die äußerst erfolgreichen Live-Auftritte der drei Hörspielsprecher seit 2002. Denn: Oliver Rohrbeck, Jens Wawrczeck und Andreas Fröhlich sprechen die Rollen der jugendlichen Detektive bis heute.

Oliver Rohrbeck alias Justus Jonas ist sicherlich der bekannteste der drei, auch weil er auf vielen anderen Kinderhörspielen aus den 1970ern mitspielte und er damit zur Stimme einer Generation wurde, von seinem Debüt als Sechsjähriger in Pinocchio über Lillebror in Karlsson vom Dach oder Grisu bis zum Julian in Fünf Freunde. Dabei teilt Rohrbeck aber nicht das Schicksal anderer Kinderstars, die später nicht so recht in die Erwachsenenwelt passten: Mit seiner Lauscherlounge betreibt er sein eigenes erfolgreiches Label für Hörspiele, führt Synchronregie und ist auch als Synchronsprecher sehr präsent, als Stimme Adam Sandlers oder als Gru in Ich – Einfach unverbesserlich. Und als ich Rohrbeck dann gegenübersitze, muss ich nur kurz die Augen schließen, und der entspannte Mann mit Brille und Glatze, der jetzt tatsächlich 50 Jahre alt wird und mit einem leichten Berliner Akzent spricht, verwandelt sich für Sekunden in die Helden meiner Kindheit: Lillebror, Theodor Huxtable, Julian und vor allem Justus Jonas.

ZEIT ONLINE: Wie wird man denn eigentlich als Kind Sprecher bei Filmen und Hörspielen?

Oliver Rohrbeck: 1971 wurde ich von Bekannten meiner Eltern gefragt, ob ich mal bei der Sesamstraße mitmachen wollte. Damals war das noch die amerikanische Sesamstraße in Deutschland. Und da waren dann immer so dreiminütige Clips drin von Schicksalen von Kindern auf der Straße. Da war ich dann zum Beispiel ein Junge, der Pflaumenkerne spuckte und von einer alten Frau deswegen beschimpft wurde.

ZEIT ONLINE: Und wie geht man dann damit um?

Rohrbeck: Damals gab es ja im Prinzip nur drei Sender. Da hat sich das dann also sehr schnell in dieser kleinen Fernsehszene herumgesprochen, dass da ein Junge ist, der schauspielern kann. Und da wurde man im Prinzip weiterempfohlen und weitergereicht.

ZEIT ONLINE: Sie wohnten ja damals in Westberlin. Das Studio von Europa, in dem die meisten Ihrer Hörspiele produziert wurden, war aber in Hamburg. Das muss ja damals für Sie als Kind, noch zu DDR-Zeiten, eine interessante Reise gewesen sein …

Rohrbeck: Das war großartig. Ich habe mit zehn angefangen, alleine zu fliegen. Und habe dann auch meinen Eltern gesagt: Nein, ich will auch nicht, dass Ihr mich da hinbringt. Dieser Prozess, man nimmt sich ein Taxi, lässt sich eine Quittung geben, checkt ein, nein, ich will nicht von der Stewardess ins Flugzeug gebracht werden, nein, ich will keinen Brustbeutel um den Hals haben mit einem Namensschild, checkt ein, fliegt die halbe Stunde mit der Pan Am, trinkt einen Tomatensaft und dann ist man schon in Hamburg: Das war ein Ritual. Ich konnte das gar nicht fassen, dass ich morgens hinfliege und abends wieder zurück.

ZEIT ONLINE: Spielte denn die Zeitgeschichte je in Die drei ??? mit hinein? Seit 1979 ist ja doch eine ganze Menge passiert, der Fall der Mauer, 9/11 …

Rohrbeck: Das ist, glaube ich, immer ein ganz eigener Kosmos gewesen. Es hat da wirklich nichts von dieser ganzen Entwicklung reingespielt. Das wird ja auch nie erwähnt, was in der Welt in der Zwischenzeit so vor sich gegangen ist. Wäre bestimmt ein interessanter Fall für Die drei ???, zu klären, warum die Mauer nicht schon viel früher gefallen ist. Wir sind jetzt natürlich als Hörspielmacher nicht für die Stoffe verantwortlich. Wir kriegen die ja von den Buchautoren, die das für einen ganz anderen Verlag schreiben. Ob die jetzt irgendwelche Vorgaben haben, im Sinne von: Nehmt jetzt auf gar keinen Fall irgendwelche politischen Entwicklungen mit rein, das glaube ich eigentlich nicht. Aber das tun die von alleine nicht. Wahrscheinlich, weil das nicht in die Welt dieser zehn- bis vierzehnjährigen Zielgruppe gehört, und man sagt: Da sollt Ihr Euch noch keine Gedanken drüber machen.