Diese Woche jährt sich das Ereignis zum hundertsten Mal. Die Rede ist vom "Verschwinden" der christlichen Minderheiten im Osmanischen Reich. Über die Anzahl der deportierten Armenier, Assyrer, Aramäer, Chaldäer und so weiter wird bis heute gestritten. Die offizielle türkische Geschichtsschreibung spricht von 300.000 Menschen, die "umgesiedelt" wurden. Andere Schätzungen sprechen von 1,5 Millionen Opfern.  

Nur eine Fußnote über das Ausmaß der Katastrophe: Im kurdischsprachigen Diyarbakır steht heute wieder die armenische Kirche Surp Giragos. Vor 1915 lebten ungefähr 130.000 Armenier dort. Surp Giragos versammelte die größte armenische Gemeinde des Nahen Ostens. Heute leben in Diyarbakır 50 Armenier. So geht das in der Türkei Dorf für Dorf, Stadt für Stadt, Landstrich für Landstrich, Provinz für Provinz. Die einstigen christlichen Bewohner der heutigen Türkei sind "weg". Spazieren jedenfalls waren sie nicht.

Überhaupt wird in der Angelegenheit der Vertreibung mit einkalkulierter Todesfolge um Worte, Vokabeln und Einordnungen gerungen, als ginge es darum, Leben zu retten. War es ein Vorfall oder ein Völkermord? In den vergangenen 100 Jahren gab es für die Ereignisse während des Ersten Weltkriegs im türkischen Alltagsgebrauch verschiedene Begriffe. Tragödie, Katastrophe, Vertreibung, Umsiedlung, Vernichtungszug, Völkermord, Auslöschung, Genozid. Die Sanktionen für die Verwendung dieser Begriffe in der Türkei fielen unterschiedlich aus. Hrant Dink, der armenisch-türkische Publizist, wurde für die bloße Erwähnung und Erinnerung daran, dass die Armenier "verschwunden" sind, unmöglich gemacht, für vogelfrei erklärt und am Ende erschossen.

Heute liest man wie selbstverständlich Kommentare und Kolumnen, in denen die Einordnung als Völkermord verhandelt wird. Die Diskussionen sind hart und unversöhnlich, aber sie finden statt. Und natürlich sind alle Worte für das, was stattfand, ungenügend. Worte sind eine nachträgliche Benennung. In den Deportationsbefehlen war die Rede von "Marschrouten" und "Sammelpunkten". Wenn die zuständigen Gouverneure ihre Arbeit taten, meldeten sie nach Konstantinopel, dass der Befehl ausgeführt sei. Niemand telegrafierte: "Habe mich erfolgreich am soykırım beteiligt." Um diesen Begriff geht es in der Türkei. Um soykırım. In der Übersetzung der türkischen Artikel wird mit Völkermord übersetzt. Soy ist die Abstammung, die Blutsverwandtschaft, die Sippe und kırım ist eher mit "zum Opfer fallen" oder "Auslöschung" zu übersetzen. In kırım steckt kırmak, also brechen.

Wer die Diskussionen auf Türkisch verfolgt, kann sich nur wundern darüber, wie in Deutschland wegen des Begriffs Völkermord herumlaviert wird. Selbst in Telegrammen des deutschen Botschafters Hans von Wangenheim war ohne Umschweife von "Metzeleien" die Rede und von "Schandtaten" und dass man den "Bluthund" stoppen müsse. Mit "Bluthund" war jener Gouverneur gemeint, der für den Rausschmiss der 130.000 Armenier aus Diyarbakır lediglich drei Tage benötigte. Am Freitag nun wird eine Resolution von allen im Bundestag vertretenen Parteien verabschiedet, in denen es darum geht, den Völkermord an den Armeniern anzuerkennen. Zuvor äußerte sich Außenminister Frank-Walter Steinmeier allerdings mit Bedenken, weil durch die Verwendung der Vokabel Völkermord die diplomatischen Bemühungen behindert werden könnten:

"Was wir wollen, ist, die Türkei und Armenien in ein Gespräch zur Aufarbeitung des Geschehens von damals miteinander zu bringen."

Mit anderen Worten: Wir, Deutschland, möchten durch die Vermeidung der Einordnung der Verhältnisse einen Dialog zwischen den verfeindeten Ländern in Gang bringen. Also: Türkei und Armenien. Anschließend fand eine Zeitungsdebatte darüber statt, ob und wie man das Ganze nun nennt. Nicht gesprochen wurde über die Rolle Deutschlands während des Massenmords an den Armeniern. Nur ein neutrales Land wäre in der Lage, die Türkei und Armenien zu versöhnen. Deutschland aber war nicht neutral, sondern in die Verbrechen verstrickt. 

Während des Ersten Weltkriegs waren die Deutschen die engsten Verbündeten des Osmanischen Reiches. Deutsche Militärs bildeten die Elite des osmanischen Heeres. Es waren Deutsche, die Zeugen des Völkermordes an den Armeniern und anderen Christen in der Türkei waren. Es ist sogar die Rede davon, dass deutsche Militärs im osmanischen Heer Deportationsbefehle gegeben haben sollen. Und nun tut Deutschland, der große Mahner, so, als hätte es mit dem millionenfachen Tod der Armenier nichts zu tun. Und ruft zur Versöhnung auf und verabschiedet Resolutionen.

Abgesehen davon, dass man sich nach 100 Jahren den Begriff Völkermord unter parlamentarischem Geeiere abringt, wäre die Zeugenschaft Deutschlands unter dem Gesichtspunkt eines Völkermords historisch und juristisch natürlich neu zu bewerten. 100 Jahre danach wäre ein geeigneter Zeitpunkt, ausführlich darüber zu debattieren, "zwecks Aufarbeitung der Geschehnisse", und beide Länder "in ein Gespräch zur Aufarbeitung von damals" zu bewegen und so. Also: Deutschland und die Türkei.

Und dann kann man ja noch überlegen, warum man am 24. April dieses Jahres zur staatlichen Gedenkzeremonie ins armenische Jerewan nicht Außenminister Steinmeier oder Präsident Gauck entsendet, oder gleich die Kanzlerin, sondern nur irgendeinen Staatssekretär, den niemand kennt.