Brüssel hat eine neue Lokalzeitung. Sie heißt Politico, erscheint jeden Donnerstag und wird von 40 international erfahrenen Journalisten für eine Zielgruppe von lediglich 1.000 potenziellen Lesern produziert. In Berlin sind zum Beispiel die Prenzlauer Berg Nachrichten mit diesem hyperlokalen Ansatz ziemlich bekannt geworden.

Politico richtet sich an die Bewohner des europäischen Regierungsbezirks, der so etwas wie eine Stadt in der Stadt ist, in der alle Einwohner in 30 Sprachen über dieselben Themen sprechen. Welche Themen das genau sind, haben bislang die großen Medienhäuser aus London, Berlin, New York vorgegeben, weshalb in der medialen Diskussion stets der Blick aus den nationalen Machtzentren auf Brüssel dominierte. Eine Zeitung, die die Welt aus Brüsseler Perspektive aufarbeitet, gab es lange nicht. Am Donnerstag haben Politico-Redakteure nun die erste Ausgabe vor dem Brüsseler Berlaymont verteilt, dem Sitz der Europäischen Kommission. Ab sofort findet man Politico überall dort, wo das Unternehmen seine Zielgruppe vermutet: in den EU-Institutionen, in Hotels und Fitness-Clubs.

Neben dem wöchentlichen Magazin und der täglich aktualisierten Homepage verschickt Politico vor allem Newsletter. Jeden Morgen, wenn in Brüssel die Bürotüren aufgehen, sendet die Redaktion via E-Mail das Politico Playbook, das die wichtigsten Themen des erwachenden Tages zusammenfasst. Das erste Politico Playbook, das Mitte dieser Woche verschickt wurde, hatte bereits 35.000 Abonnenten und wurde um die 28.000 Mal geöffnet.

Dieses Playbook kann man sich etwa so vorstellen wie die Morgenshows privater Radiosender: Es geht um die Nachrichtenlage und gute Laune. Weil die EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager gerade kurz hintereinander erst gegen Google und dann gegen Gazprom wegen ihrer marktbeherrschenden Stellung vorgegangen ist, steht im Politico Playbook: "Sieht so aus, als stünden den G’s harte Zeiten ins Haus. (...) Erst Google, jetzt Gazprom. Wer ist der nächste? Vielleicht General Electric? Oder muss Godiva mit einer überraschenden Razzia im Morgengrauen rechnen?" Godiva, das wissen die Insider natürlich, ist ein bekannter Brüsseler Chocolatier. Good Morning, Brussels.

"Wir haben nicht vor, zehn Millionen Klicks pro Monat zu generieren", sagt der Strategie-Chef Gabe Brotman, "wir richten uns an die 1.000 Menschen, die wirklich Entscheidungen treffen." Das Kalkül: Wenn man erst einmal zum Leitmedium der wichtigsten Entscheidungsträger in der Hauptstadt der Europäischen Union geworden ist, kommen alle anderen von allein. In Washington, wo Politico im Jahr 2007 gegründet wurde, hat das schon einmal geklappt. "Wir wollen Menschen erreichen, die in hohem Maße an der Entwicklung der EU Anteil nehmen", sagt Brotman, "weil sie zum Beispiel dort arbeiten, weil sie finanzielle Interessen haben oder weil sie sich einfach für Politik interessieren, wie andere sich eben für Sport interessieren."

Politico nimmt damit einen wichtigen Perspektivwechsel vor: Es ist das erste Medium, das das Brüsseler EU-Soziotop als eine Gemeinschaft anspricht, die selbstverständlich gemeinsame Interessen hat. Die Redaktion zählt darauf, dass ein einziges Medium den ideellen Horizont seiner Leser auch dann abbilden kann, wenn sie in mehr als 28 verschiedenen Ländern aufgewachsen sind.

"Spaß an der Debatte"

Dass die nationalen Perspektiven hinter der europäischen in den Hintergrund geraten, ist vor allem für viele junge Europäer  selbstverständlich: Die Erasmus-Studenten wissen das, die EU-Angestellten und ihre Praktikanten erleben es jeden Tag und auch die Arbeitsmigranten, die zwischen der Londoner City und dem Frankfurter Bankenviertel unterwegs sind, verhalten sich zuerst als Europäer. Selbst europäische Nationalisten arbeiten mittlerweile über die Landesgrenzen hinweg zusammen. Trotzdem gab bislang kein Medium, das sich diese Perspektive zu eigen gemacht hat. Sobald man die Zeitung aufschlug, landete man immer wieder tief im Nationalstaat.

Das Blatt folge keiner Ideologie, sagt der geschäftsführende Redakteur Florian Eder, der von der Tageszeitung Die Welt gekommen ist. Politico gehe es vor allem um den "Spaß an der Debatte". Allerdings muss man hinter die Begriffe schauen: Wirtschaftsvertreter begreifen sich selbst gern als postideologische Realisten, die aus den Sachzwängen lediglich das Beste zu machen versuchen. Dass der Neoliberalismus von innen nicht wie eine Ideologie, sondern wie die einzig gültige Realität aussieht, hat er mit allen anderen Ideologien gemein. Es gibt zahllose Indices, die diese Wirklichkeit belegen, und was messbar ist, so die Logik, kann nicht ideologisch sein.

Während Eder also den Ideologieverdacht von sich weist, spricht sein Magazin eine andere Sprache: Politico denkt investorenfreundlich, wirtschaftsnah und entschieden transatlantisch. Überraschend ist das kaum, die Ausrichtung bewegt sich im Bereich der Erwartungen: Die europäische Ausgabe von Politico wird maßgeblich von der Axel Springer AG betrieben.

Stoltenberg und Hollande auf Augenhöhe

Die Titelseite der ersten Ausgabe verkündete gestern also zum Beispiel: "Die Nato zieht in den Krieg – um Montenegro". Was zumindest missverständlich formuliert ist: Im Artikel stellte sich der "Krieg" als Meinungsverschiedenheit zwischen dem französischen Präsidenten François Hollande und dem Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg über eine mögliche Osterweiterung des Militärbündnisses heraus. Wobei der Artikel Stoltenberg, der als Nato-Chef kein gewählter Politiker ist, eine Rolle in der Gestaltung der europäischen Außenpolitik zuweist, die ihm selbst kaum behagen dürfte.

Der Premierenaufmacher offenbart einen Blick auf die EU, dem für die europäischen Mentalitäten ein wenig die Geduld fehlt. Der Politico-Chefredakteur Matthew Kaminski ist in den USA aufgewachsen und vom Wall Street Journal zu Politico gewechselt. Dass ein europäischer Blattmacher den Nato-Funktionär Stoltenberg auf Augenhöhe mit dem französischen Präsidenten geschrieben hätte, ist kaum vorstellbar.

Griechenland nicht westlich?

Diese Tonlage zieht sich durchs Blatt: Wir erfahren, wie der Suchmaschinenmonopolist Google gegen mögliche EU-Sanktionen vorgeht, dass die Wall Street nichts von einem griechischen Euro-Austritt hält und dass Belgien endlich ein Gesetz vorlegt, das den amerikanischen Taxi-Dienst Uber legalisiert, indem es die Fahrer zu selbstständigen Unternehmern macht. Für das amerikanische Unternehmen wäre das ein Durchbruch auf dem europäischen Markt, die europäische Sozialgesetzgebung aber würde so weiter aufgeweicht. Ein paar Tage zuvor hatte Politico in seiner Onlineausgabe einen Kommentar veröffentlicht, der nach Alexis Tsipras’ Besuch in Moskau die These aufstellte, Griechenland, die Wiege der Demokratie, sei "nicht westlich". Was bislang nicht vorkommt: Flüchtlinge, Frontex, kollabierende südeuropäische Sozialsysteme.

Die Stärke der amerikanischen Politico sei immer die große Nähe zu ihrer Zielgruppe gewesen, sagt Florian Eder. Das wolle man nun auch in Europa schaffen. Sollte Politico tatsächlich abbilden, worüber Brüssel so nachdenkt, hätte Europa ein Problem: Die neuen linken und rechten Bewegungen, die vor allem in Südeuropa Millionen Bürger mobilisieren, werden hier als possierliche Kuriositäten abgehandelt. Während der Niedriglohnsektor in Deutschland immer größer wird, die französischen Sozialsysteme unter Druck geraten und Griechen Wertsachen verkaufen müssen, um Ärzte bezahlen zu können, erkundigt sich Politico bei der Wall Street nach dem Stand der Dinge. Die Welt, die Politico als Interessenshorizont der Brüsseler Elite anbietet, wirft die Frage auf, für wen dort eigentlich Politik gemacht wird.

Es ist ein wichtiger Schritt, dass Politico als erstes Medium der stetig wachsenden politischen Bedeutung Brüssels Rechnung trägt und die Europäer als Interessens- und Schicksalsgemeinschaft anspricht. Aber im Sinne der europäischen Meinungsvielfalt sollte Politico nicht allzu lange konkurrenzlos bleiben.