Die Lage muss schlimm sein, wenn Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles, öffentlich um die Zukunft der Volksbühne bangt, den alten Intimfeind. In einem Brief wirft er dem Regierenden Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller Versagen vor. Peymann beklagt, dass Müller ihm auf die schriftliche Bitte vom 18. Dezember um ein persönliches Gespräch über das Fehlen jeglicher Perspektive und Vision in der Berliner Kulturpolitik nie geantwortet habe. Dabei sei Müller als amtierender Kultursenator "für die Agenda der Berliner Kulturpolitik verantwortlich". Die Lage ist sehr ernst, wenn man nicht umhinkommt, dem Egomanen Peymann wenigstens teilweise zuzustimmen. Müller zeigt in der Tat kein Interesse an der Theaterentwicklung.

Ja, in Berlin ist wieder mal richtig was los. Theater bedeutet wieder etwas. Aber was? Gute Unterhaltung ist jedenfalls garantiert. Peymann nennt Kulturstaatssekretär Tim Renner "die größte Fehlbesetzung des Jahrzehnts". Törööö! "Mir bricht buchstäblich der Angstschweiß aus, wenn ich mir vorstelle, was dieser unerfahrene und in dieser Position völlig überforderte Mann bereits angerichtet hat – und was uns noch erwartet", poltert Peymann; er ist ästhetisch um das Jahr 1980 stehen geblieben. Der 77-Jährige, der naturgemäß auch mit seinem eigenen Nachfolger am Berliner Ensemble, Oliver Reese, nicht glücklich ist, springt Frank Castorf bei, ausgerechnet: "Nun soll auch noch die einst so ruhmreiche Volksbühne zum soundsovielten Event-Schuppen der Stadt gemacht werden."

Was hat Tim Renner mit der Volksbühne vor?

So ist das, wenn ein Revolutionär wie Castorf, der zum Monarchen wurde, abdankt. Unfreiwillig. Um die Erbfolge hat er sich nicht gekümmert, er wollte ja den Thron behalten. Und der alte Senat hat im Fall der Volksbühne unglaubliche Indolenz gezeigt. Hat Castorf das Haus überlassen wie ein Landgut mitten in der Stadt. Und plötzlich will es Tim Renner krachen lassen mit einer spektakulären Anti-Theater-Besetzung. Wie begründet er seine Idee? Was wird mit den Theatertechnikern, den Schauspielern?

Es gab das alles schon einmal, so ähnlich – als aus der Freien Volksbühne im Westen das Haus der Berliner Festspiele wurde. Eine herrliche Bühne, auch mit großer, wenn auch kürzerer Schauspieltradition, ein Hauptstadttheater, das an vielen Abenden im Jahr nicht genutzt wird. Jetzt wird die andere, die große, hundertjährige Volksbühne – frei.

Der Sprecher von Kulturstaatsministerin Monika Grütters warnt schon davor, Doppelstrukturen bei den Berliner Kultureinrichtungen zu schaffen: "Außerhalb von Berlin könnte die berechtigte Frage entstehen, ob das hohe finanzielle Engagement des Bundes noch vertretbar ist." Da wird also vonseiten des Bundes gedroht, schließlich muss ein neuer Hauptstadtvertrag verhandelt werden. Es wird befürchtet, dass sich vom Bund finanzierte Einrichtungen wie die Berliner Festspiele oder das Haus der Kulturen der Welt programmatisch wiederholen in einer Kuratoren-Volksbühne, die vom Land Berlin getragen wird.

Dann wächst nicht Vielfalt, sondern Einerlei in der reichen Kulturstadt.