Münkler und die Detektive – Seite 1

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler gehört zweifellos zu den profiliertesten Vertretern seiner Zunft. Er prägte hierzulande nicht nur den Begriff der "neuen Kriege", sondern wirkt auch als öffentlicher Intellektueller, der polarisierende Meinungsbeiträge verfasst, vielfach in Talkshows auftritt oder politische Institutionen berät.

Der Professor der Berliner Humboldt-Universität, der in außen- und sicherheitspolitischen Fragen eine, so kann man gewiss sagen, konservative Haltung vertritt, also beispielsweise den Einsatz von Kampfdrohnen verteidigt oder das militärische Engagement Deutschlands in internationalen Konflikten gerne ausgeweitet sähe, ist damit in linken Kreisen schon seit Längerem zur Reizfigur avanciert. Auf drastische Weise zeigte sich das dieser Tage, da Münkler zum Objekt eines sogenannten Watchblogs geworden ist.

Seine aktuelle Vorlesung "Politische Theorie und Ideengeschichte" steht nun nämlich buchstäblich unter Beobachtung. In einem Blog namens Münkler-Watch hat eine Gruppe von Bachelor-Studenten des Sozialwissenschaftlichen Instituts, zumindest behaupten die bis dato anonym gebliebenen Aktivisten solche zu sein, eine Plattform eingerichtet, auf der seit Beginn des Sommersemesters jede Vorlesung zusammenfasst und "frei gewählte Versatzstücke" kritisch kommentiert werden.

Das wäre nun an sich höchstens eine Randnotiz wert, stünde dieser Blog nicht unter der Überschrift: "Rassismus, Sexismus, Militarismus?" Und schon ein kurzer Blick auf das Blog reicht aus, um zu erkennen, dass das entsprechende Fragezeichen hier lediglich rhetorisch gemeint ist. Rassismus, Sexismus und Militarismus, das sind schwerwiegende Vorwürfe, die gegen einen der prominentesten Intellektuellen der Bundesrepublik erhoben werden.

Münkler, der hinter dem Blog jene Jugendorganisation der trotzkistischen Partei für soziale Gleichheit vermutet, die im vergangenen Jahr bereits den Osteuropahistoriker Jörg Baberowski attackierte, hat die Anwürfe unterdessen als "Denunziation" zurückgewiesen. Seine Aussagen würden verdreht und "Zitate ins Gegenteil entstellt".  

Keine Zensur, keine Denunziation

Medial hat Münkler derweil viel Unterstützung erfahren. Wie viele andere Journalisten attestierte etwa Regina Mönch in der FAZ dem Watchblog "Zensur" und ebenfalls "Denunziation".

Nun lohnt es sich, an dieser Stelle zunächst einmal begrifflich genau zu sein. Denn von "Zensur" kann im vorliegenden Fall keine Rede sein, schließlich ist eine Gruppe von Studenten kein staatlicher Akteur, der Münkler irgendeine Äußerung verbieten könnte. Und auch der Begriff der "Denunziation" geht hier zunächst fehl. Darauf hat Patrick Bahners, seinerseits ebenfalls Redakteur der FAZ, in einem Facebook-Post hingewiesen: "Die öffentliche Verbreitung öffentlicher Äußerungen kann nicht den Tatbestand der Denunziation erfüllen, ganz abgesehen davon, dass Denunziation die Anzeige bei einer Obrigkeit ist."

In diesem Zusammenhang entkräftete Bahners gleich auch die vielfach vorgebrachte Kritik, dass die bloggenden Studenten sich im Schutz der Anonymität bewegen: "Auch und vor allem setzt das Recht zur Kritik nicht voraus, dass sich der Kritiker mit seinem Namen oder Gesicht zu erkennen gibt." Vielmehr sei für die wissenschaftliche Sphäre der Namenszwang schon gar nicht selbstverständlich. "Eher war früher die Anonymität die Regel. Einige der berühmtesten Rezensionsorgane wie die Edinburgh Review und das Times Literary Supplement haben jahrzehntelang prinzipiell anonyme Rezensionen publiziert." Prinzipiell ist Bahners beizupflichten. 

Man könnte allein einwenden, dass eine Universitätsvorlesung zwar de jure eine öffentliche Veranstaltung ist, die theoretisch von jedem besucht werden kann, dort de facto aber eine spezifische Sprechsituation vorliegt, die sich von einer allgemeinen öffentlichen Äußerung, beispielsweise in einer politischen Talkshow, dadurch unterscheidet, dass sie ein bestimmtes akademisches Publikum adressiert und traditionellerweise auch Freiraum für eine überspitzte oder ironische Diktion bietet.  

Was wohl Humboldt dazu sagte?

Gerade in Bezug auf Letztere hat Münkler den Betreibern des Watchblogs vorgeworfen, diese in ihrer Dokumentation der Vorlesung nicht berücksichtigt zu haben. Gleichwohl ändert auch dies letztlich nichts an der Tatsache, dass die kritische Kommentierung einer Vorlesung erst einmal legitim ist.

Mehr noch: Im Kontext des Konzepts einer freien und kritischen Universität, die idealerweise autonome Individuen hervorbringt, erscheint ein Unternehmen wie Münkler-Watch, insbesondere vor dem Hintergrund, dass aller Orten die vermeintlich unkritische Generation Y beklagt wird, womöglich sogar wünschenswert. Also theoretisch. Und nicht zuletzt hätte auch Wilhelm von Humboldt, der die Freiheit als "erste und unerlässliche Bedingung" der Bildung sah und empfahl, sich "möglichst umfassend an der Welt abzuarbeiten", indem man "sich um Frieden, Gerechtigkeit, um den Austausch der Kulturen, andere Geschlechterverhältnisse oder eine andere Beziehung zur Natur" bemühen solle, solch ein Projekt eigentlich begrüßen müssen.  

Also, wie gesagt, theoretisch. 

Belegen kann das Blog nichts

Praktisch gesehen, sieht die Sache nämlich schon anders aus. Obschon Münkler-Watch grundsätzlich insofern nicht zu beanstanden ist als eine kritische Meinungsäußerung, sei sie auch harsch und anonym vorgetragen, im Rahmen einer demokratischen Öffentlichkeit glücklicherweise eben nicht automatisch als "Denunziation" oder gar "Zensur" verbucht werden darf, wird der hochproblematische Charakter des Projekts dennoch relativ schnell deutlich. 

Einerseits kann das Blog die Vorwürfe gegen Münkler nämlich schlichtweg nicht belegen. Die detektivistische Diskursanalyse, die man hier geboten bekommt, wirkt bisweilen eher wie eine rote Parodie des Schwarzen Kanals. Zum anderen reproduziert der mitunter haarsträubende Schematismus der Argumentation auch jene Rabulistik, die die Aktivisten zu bekämpfen vorgeben. Und gerade weil Münkler-Watch deshalb eine Art exemplarisches Beispiel für jene neodogmatische Linke abgibt, die überall Widersprüche sieht, außer ihre eigenen, lohnt es sich, einige Argumente der Aktivisten genauer unter die Lupe zu nehmen.

Interessenorientierte Ahnungslosigkeit

Warum wird Herfried Münkler nun also "Rassismus, Sexismus und Militarismus" vorgeworfen? Drei Beispiele mögen dies – eben nicht – verdeutlichen: Ein Vorwurf bezieht sich etwa auf eine Äußerung, die Münkler im Kontext des bundesrepublikanischen Kampfs um die Frauenrechte in den siebziger Jahren macht. Laut seiner kritischen Chronisten bemerkte der Politologe, "dass der Ehemann, sozusagen seiner Frau die selbstständige Arbeit untersagen (konnte), für sie also gewissermaßen kündigen konnte – eigentlich ungeheuerlich".

Der Teufel, so befindet nun Münkler-Watch, stecke bei dieser Aussage im Detail. Genauer gesagt: im Adverb. "Beachtenswert ist dabei", so heißt es in dem Blog, "die von ihm vorgenommen Einschränkung mithilfe von 'eigentlich', als sei dieser Umstand nicht wirklich – eben nur 'eigentlich' – ungeheuerlich gewesen".

Wie plausibel es tatsächlich ist, aus diesem Satz nun virulenten Sexismus abzuleiten, erklärt sich – eigentlich – von selbst.

Ein zweiter Vorwurf lautet sodann, dass Münkler einer "subtilen" Manipulation des Auditoriums allein dadurch Vorschub leiste, indem er etwa dem Staatsrechtler Carl Schmitt besonders viel Platz in einer Vorlesung einräume. Und weil Schmitt, der sich den Nazis bekanntlich als "Kronjurist" andiente, Faschist war, sei auch Herfried Münkler quasi ein proto-faschistischer "Extremist der Mitte", allein, weil er ihn in seiner Vorlesung behandle.    

Spätestens an dieser Stelle offenbart sich das studentische Engagement als interessenorientierte Ahnungslosigkeit. Aufklärerisch gemeinter Aktivismus kippt hier in pseudo-informierte K-Gruppen-Clownerie. Und zwar freilich nicht nur deshalb, weil Carl Schmitt von Münkler-Watch bisweilen sogar falsch buchstabiert wird ("Schmidt"), sondern vor allem deswegen, weil sich hier eine Hermeneutik des Verdachts offenbart, die keine politischen Gegner, sondern nur Schreibtischtäter kennt, die keinen Diskurs, sondern lediglich Aufmerksamkeit will.

Imperiale Herrschaftslogik

Der Vorwurf, dass Münkler Schmitt behandele, ist gleich doppelt absurd. Zum einen stimmt es zwar freilich, dass Carl Schmitt in der Zeit des Nationalsozialismus unsägliche Texte wie Der Führer schützt das Recht verfasst hat. Das ändert jedoch nichts daran, dass vor allem sein 1932 veröffentlichter Essay Der Begriff des Politischen, der in seiner Analyse vollkommen frei von jedwedem faschistischen Gedankengut ist, einer der wichtigsten und einflussreichsten Klassiker der politischen Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts bleibt. Problematisch wäre es somit vielmehr, würde Münkler Carl Schmitt nicht ausführlich behandeln.

Wie absurd der Vorwurf in puncto Carl Schmitt ist, zeigt sich zudem aber auch daran, dass dieser gerade in der linken Theorie stark rezipiert wird. Für die belgische Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe, eine der wichtigsten Vertreterinnen des postmarxistischen Denkens, bildete die Schmitt'sche Freund-Feind-Unterscheidung etwa einen der wichtigsten Bezugspunkte, um ihr Konzept der radikalen Demokratie zu entwickeln. In ihrem 2007 erschienenen Buch Über das Politische, das bereits im Titel die Bezugnahme zu Schmitt verrät, entwickelt sie dessen kritische Auseinandersetzung mit dem Liberalismus weiter und hält fest, dass "Schmitts Kritik heute relevanter denn je ist."

Das dritte Beispiel betrifft schließlich den Vorwurf des "Eurozentrismus". Indem Münkler fast ausschließlich weiße westliche Männer auf der Literaturliste habe, so die Anschuldigung der Studenten, verenge er den politikwissenschaftlichen Blick und reproduziere quasi eine imperiale Herrschaftslogik.

Nun ist die Kritik an der Fokussierung auf rein westliche Sichtweisen an sich berechtigt. Aber abgesehen davon, dass Münkler am Anfang des Semesters bekannte, dass postkoloniale Studien nicht sein Fachgebiet seien, ist darüber hinaus unklar, wen die Studenten denn gerne behandelt hätten. So wichtig postkoloniale Theoretiker_innen wie etwa Gayatri Chakravorty Spivak oder Homi K. Bhabha nämlich sind, so stellt sich schon die Frage, ob sie Teil einer Grundlagenvorlesung zur politischen Ideengeschichte sein können, die durch den engen Zeitrahmen sowieso schon unter enormem Selektionsdruck steht. Sprich: Welchen alten weißen Mann sollte man denn dafür von der Literaturliste streichen? Aristoteles? Thomas Hobbes? Jean Bodin? Karl Marx?

Und so problematisch man "Eurozentrismus" auch finden mag, so verhält es sich mit diesem dann doch etwas komplizierter, als der eine oder andere Weltbürger unter den Watchbloggern es wahrhaben will.

Slavoj Žižek, einer der prominentesten Vertreter der radikalen Linken, hat beispielsweise kürzlich in einem Interview bemerkt, dass er sich als "linken Eurozentriker" betrachte. Denn, so der slowenische Philosoph, "die westliche Philosophie ist einmalig. All die Vorstellungen von radikaler Demokratie, Gleichheit und Feminismus konnten nur im Westen auftauchen mit der griechischen Idee der Demokratie, die nicht dasselbe ist wie die vormoderne Stammesdemokratie, mit einer auf Gleichheit ausgerichteten Gemeinschaft von Gläubigen im Christentum und schließlich mit Descartes".

Ist Žižek ob solcher Einlassungen nun ein neoimperialer Chauvinist? Gar ein Rassist?

Kein Freifahrtschein

Um nicht missverstanden zu werden: Man kann kritisieren, dass Münkler im Beirat der Bundesakademie für Sicherheitspolitik sitzt. Man kann kritisieren, dass er Drohnen für eine vermeintlich "humane" Waffe hält. Und man muss sogar energisch kritisieren, dass er etwa eine repressive Flüchtlingspolitik fordert. Kurzum: Man kann gegen viele seiner Positionen Stellung beziehen. Nur macht eine konservative Haltung eben noch keinen "Extremisten der Mitte", keinen rassistischen Militaristen.

Das Problem an Münkler-Watch und dem linken Neo-Dogmatismus ist natürlich nicht, dass sich hier Menschen für jene Political Correctness einsetzen, die eigentlich nur eine urbürgerliche Tugend meint: Anstand und Respekt vor dem Anderen. Das Problem ist vielmehr, dass sich hier ein Denken offenbart, das letztlich ohne Schattierungen, Ambivalenzen und (eigene) Widersprüche auskommt. Ein Denken, bei dem Differenzierung schon immer unter dem Verdacht der Relativierung steht. Ein Denken, das einen rhetorischen Maximalismus in Stellung bringt, der keine Unterschiede mehr machen will.

Und natürlich gibt es jene "Extremisten der Mitte" auch tatsächlich. Es sind Hobbygenetiker wie Thilo Sarrazin oder nationalistische Clowns wie Akif Pirinçci; es sind AfD-Funktionäre, die Gender-Mainstreaming als "Geisteskrankheit" bezeichnen oder "besorgte Bürger", die Asylbewerberheime anzünden. Das zu benennen und zu bekämpfen, erscheint dieser Tage nötiger denn je. 

Allein leitet sich daraus aber kein Freifahrtschein ab, jede politische Haltung, die einem nicht passt, als Rassismus oder Militarismus zu brandmarken. Diskursstrategisch ist man sonst dem Vulgär-Konservatismus nicht so fern, der im Angesicht von linker Theorie sofort "Staatsfeind!" oder "Stalinismus!" ruft. Soviel dialektisches Denken darf man den Aktivisten von Münkler-Watch aber offensichtlich nicht zutrauen.