Pfingsten ist immer auch Pause vom politischen Betrieb. Außer dem Eurovision Song Contest gab es über die Feiertage kaum öffentliche Erregung. Der Singwettbewerb vermarktet sich als unpolitisches Ereignis. Und ist selbstverständlich eine politische Veranstaltung. Nehmen wir das Beispiel Russland. Eine elfenhafte Russin singt mit flehendem Blick und weißem Flattergewand einen dramatischen Appell an mehr als 100 Millionen Fernsehzuschauer aus 40 Nationen. In ihrem Lied heißt es "Wir glauben an den Traum. Wir beten für Frieden."

Ist Frieden tatsächlich nur mithilfe eines Gebetes zu erreichen? Denkt man so in Russland? Ist Frieden nicht das Resultat politischer Arbeit? In Russland findet sich alles, was Frieden und Freiheit ruiniert: Hetze gegen Minderheiten, Zensur, Annexionen, Kriegstreiberei, Propaganda. Von Menschenhand geschaffen. Eine solche Sängerin zu entsenden ist Teil einer politischen Propaganda. Fast hätte das Mädchen gewonnen. Ein Alptraum! Denn dann hätte auch der russische Präsident Putin gewonnen, der sie quasi eigens ausgesucht hatte, um diese Show abzuziehen. Die Ukraine indes konnte und wollte am ESC nicht teilnehmen. Aufgrund der aktuellen politischen Lage. An der Russland nicht unschuldig ist. Kurz: Der ESC spiegelt die politischen Verhältnisse und Beziehungen.

Wie also mit Russland umgehen? Vom Sänger-Wettbewerb ausschließen? Vielleicht wäre es eine Idee, sinnvoller als alle anderen Sanktionen. Nämlich jene Länder, die an Kriegen beteiligt sind, an Megaevents wie dem Eurovision Song Contest, den Olympischen Spielen und der Fußballweltmeisterschaft nicht mehr teilnehmen zu lassen. Das würde die Anzahl der Wettbewerbsteilnehmer erheblich dezimieren. Wer ist denn gerade nicht in einen Krieg verwickelt?

Im September vergangenen Jahres hat die EU angesichts der Ukraine-Krise eine Vielzahl von Sanktionen gegen Russland verhängt. Dazu zählt auch eine Reihe von Personen, deren Konten gesperrt wurden und die ein EU-Einreiseverbot erhielten.

Wie reagiert Russland darauf? Natürlich pampig. Es verweigert im Gegenzug eben auch bestimmten Personen die Einreise. Zum Beispiel dem CDU-Abgeordneten Karl Georg Wellmann, der Mitglied der deutsch-ukrainischen Parlamentariergruppe ist und sich in Russland ein wenig umhören wollte. Was man halt so macht als Gesandter. Die Reaktionen auf das Einreiseverbot für den Abgeordneten fielen ungewöhnlich schnell und einstimmig aus. Das ist zunächst erstaunlich. Denn Sanktionen sind ja keine Klangschalenanwendung. Sie sollen den Betroffenen aus dem Ruder laufen lassen. Ihm den Einklang mit sich gründlich verderben. Sanktionen sind Bestrafungen. Und nicht selten wird der Bestrafte bockig.

Die Bundesregierung intervenierte und verlangte sofortige Einreise. Das Auswärtige Amt, traditionell etwas eleganter in der Rhetorik, befand die Situation als "inakzeptabel". Bundestagspräsident Norbert Lammert von der CDU zeigte sich sogar "enttäuscht". Sein Stellvertreter, Bundestagsvizepräsident Johannes Singhammer von der CSU, sagte gleich seine bevorstehende Moskau-Reise ab. Aus Empörung darüber, dass

einem Bundestagskollegen ohne Begründung auf dem Moskauer Flughafen die Einreise verwehrt wird.

All diese Reaktionen sind nachvollziehbar, wenn auch dumm, überflüssig und übertrieben. Wollte man die russische Regierung nicht mit den Sanktionen treffen? Offenbar ist das gelungen. Dann gebietet es die parlamentarische Würde, souverän zu regieren und zu sagen: "Danke, Botschaft ist angekommen. Wir bleiben dabei. Russland gehört sanktioniert. Und bis dahin senden wir auch niemanden mehr aus, sondern treffen uns auf neutralem Boden oder nur auf Einladung." Denn jedes Land kann entscheiden, wen es über seine Grenzen lässt und wen nicht. 

Zum Schluss noch ein Nebengedanke, denn damit fing es ja an – mit dem Missbrauch einer öffentlichen Bühne für die politische Botschaft. So wie das Friedensgebet im russischen ESC-Beitrag grotesk ist, weil Frieden kein himmlisches Geschenk ist, sondern das Ergebnis irdischer Anstrengung, ist auch die Empörung der Herren Lammert und Singhammer anlässlich eines Rausschmisses eines Parlamentariers an der russischen Grenze lächerlich.

Die Europäische Union verweigert täglich Hunderten Flüchtlingen ohne Begründung die Einreise über unsere Grenzen. Egal ob sie an Flughäfen, Bahnhöfen, Küsten oder Wäldern festsitzen. Ihre Würde wird dadurch beschädigt. Ihre Freiheit eingeschränkt. Ihr Menschsein verletzt. Als Europäer scheitern wir damit täglich an unseren Werten wie Freiheit und Gleichheit, die wir auch an den russischen Präsidenten richten. Wir lassen diese Werte ertrinken, misshandeln, demütigen. Was ist da im Gegenzug schon ein deutscher Abgeordneter, der, angekommen in Moskau, ins nächste Flugzeug steigen musste und nach zweieinhalb Stunden sicher zu Hause ankam? Wie sehr wünschte man sich, dass für jeden schutzbedürftigen Menschen, der zu uns gelangen wollte und nicht durfte, Regierung, Ministerien und Abgeordnete zügig und einstimmig Empörung zeigten. Denen hilft leider kein dream und kein prayer, kein Flatterkleid, nichts.