Ein Gedankenexperiment: Stellen Sie sich vor, eine Jugendzeitschrift in Deutschland mit einer Auflage von 1,24 Millionen würde Kindern und Jugendlichen die Themen GdL-Streik, Streikrecht und Umgang mit dem Holocaust in folgendem Ton vermitteln: "Jemand nimmt einen Job an und weiß genau, wie viel er in diesem Job verdient und wie viele Stunden er die Woche arbeiten muss. Er ist auch damit einverstanden, weil er ja einen Arbeitsvertrag unterschreibt. Aber dann beschließt er hinterher, sich einfach mit ein paar Hundert anderen Mistfotzen zusammenzutun, […], um dann gemeinsam den Arbeitgeber mit unendlich vielen Streiks zu erpressen […]. Und das alles passiert nicht in Hurensöhnistan, sondern in Deutschland."

Unter einem Bild einer Gaskammer lesen die 10- bis 14-jährigen Fans weiter: "Vergasen sollte man diese Mistviecher. Wisst ihr noch, wie die Juden mit Zügen nach Auschwitz transportiert wurden? Man sollte die Zugführer alle dahin bringen."

Genau das ist gerade passiert, nur dass die Jugendzeitschrift der Videoblogger Julien Sewering ist, der nach dieser Einführung vorschlägt, den Zug nach Auschwitz persönlich und unentgeltlich zu fahren. Julien Sewerings Kanal auf Googles Videoplattform YouTube hat 1,24 Millionen Abonnenten. Damit erreicht er mehr Menschen als die meisten deutschen Printmedien.

Vielen Erwachsenen ist der Einfluss, den solche YouTube-Kanäle insbesondere auf Kinder und Jugendliche haben, noch nicht vollkommen bewusst. Erst langsam wird der deutschen Öffentlichkeit klar, dass sich in den vergangenen Jahren auf YouTube eine eigene Welt voller Stars und Sternchen entwickelt hat, die mit ihrer Selbstinszenierung Millionen von Jugendlichen täglich fesseln. Einer dieser Stars ist der 26-jährige Julien Sewering, der mit dem Streuen von Desinformation, Hass und Hetze bei YouTube allein durch die Beteiligung an den Werbeeinnahmen nach konservativen Schätzungen von Branchenkennern persönliche Einkünfte von 8.000 bis 16.000 Euro pro Monat generiert.

Nachdem sich in den sozialen Netzwerken Widerstand geregt hat, lehnte Google zunächst kategorisch ab, das Video zu sperren, weil es nicht gegen die Unternehmensrichtlinien verstoße. Kurz darauf hat Google immerhin die Werbe-Monetarisierung des Kanals eingestellt. Ob diese Maßnahme den Videoblogger aber daran hindert, seine Arbeit fortzusetzen, ist ungewiss: Dank YouTube hat sich Julien Sewering mittlerweile auch einen gut gehenden Onlineshop aufbauen können. 

Akteure an den Rändern

Der Fall zeigt eine Entwicklung auf, die in der deutschen Medienöffentlichkeit, die seit Jahrzehnten von denselben Akteuren dominiert wird, bislang kaum diskutiert wird. In der eingespielten pluralistisch-demokratischen Gesellschaft der Bundesrepublik sind die Grenzen des öffentlich Sagbaren seit Langem weitgehend ausverhandelt. Das Internet ist allerdings ein Diskussionsraum ohne Einstiegshürden und darin vielleicht wahrheitsgetreuer: Jede Gesellschaft hat das Internet, das sie verdient.

Es ist das große Spiel der Zivilisation, die eigene Zivilisiertheit immer wieder aufs Neue zu erringen, doch der (europäische) Westen steht dieser Aufgabe relativ unmutig gegenüber. Einerseits möchte er der Redefreiheit Genüge tun. Andererseits drückt er sich vor der Frage, wie er in einer digital vernetzten Gesellschaft mit den Akteuren an den Rändern des moralisch Vertretbaren umgehen soll, die heute ein Millionenpublikum ansprechen und ihre gesellschaftszersetzende Kraft meist erst verzögert entfalten.

Im Jahr 1976 hat der ehemalige konservative Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde einen denkwürdigen Aufsatz geschrieben, aus dem es sich lohnt, etwas länger zu zitieren: "Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des Einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben[…]."