Mit dem Thema Altern ehrlich umzugehen fällt mir nicht leicht, und gerade deshalb will ich es versuchen, zumal ich seit einer Weile an einem Roman arbeite, dessen Hauptfigur noch älter ist als ich. Ich könnte es kurz (oder kryptisch?) zusammenfassen: Einst hatte ich mir das Altwerden tragischer vorgestellt – und anders auch. Doch weil das nicht reicht und ich einen, womöglich sogar für mich aufschlussreichen, Text schreiben will, sind mehr (Satz-)Zeichen erforderlich, um die achttausend schätze ich.

Da man (oder in meinem Falle frau) ja jeden Tag mindestens einmal in den Spiegel schauen muss, um sich zu kämmen oder um sich zu rasieren, bemerkt man (oder frau) nicht wirklich, wie er (oder eben sie) so dahinaltert im Laufe der Zeit. Aber wenn ich Menschen meines Jahrgangs treffe, solche, die ich schon lange kenne, vergleiche ich sie mit mir – und dazu ist es nicht einmal nötig, dass ich auch mich ansehe; prüfende Blicke ins Gesicht des Gegenübers genügen. Das sind seltsame Momente, doch meistens erfreuliche. So unglaublich es klingen mag, meine alten und alt gewordenen Bekannten, besonders meine Freunde, gefallen mir. Ich entdecke in ihren Gesichtern ihr – und unser – ganzes Leben, fast das ganze, denn noch sind wir ja nicht tot. Einige allerdings sind doch schon gestorben, andere nicht mehr gesund. Wieder andere haben ihre Laster prophylaktisch abgelegt, das Rauchen eingestellt, das Trinken, die Promiskuität.

Soweit das Äußere. Und wie sieht es drinnen aus, im Gemüt, der Seele oder wie immer der innere Mensch sich nennen mag? Während ich mich dies frage, entsinne ich mich einer Episode, die ich einmal zufällig beobachtet habe. Ein alter Mann und dessen, durchaus nicht hässliche, ältere Ehefrau oder Geliebte oder Schwester, Genaueres wusste und weiß ich nicht, standen vor einem Laden. Sie hatten sich womöglich gerade gestritten; jedenfalls musterte er sie skeptisch von der Seite und sagte: "Wenn du dich umstülpen könntest wie einen Handschuh und dein Inneres wäre plötzlich sichtbar, glaubst du, dass dich dann noch jemand erkennen würde?!"

Hätte ein jüngerer Mann diesen Satz sagen können? Hätte er auch auf eine jüngere Frau zutreffen und mich, wenn ich ebenfalls noch jünger gewesen wäre, ebenso erschrecken können? Vermutlich nicht, denn die Differenz zwischen dem, was augenfällig ist an Frau oder Mann, und dem, was sie oder er empfinden, wird mit den Jahren größer.