Man könnte mittlerweile eine eigene Deutschstunde eigens für Sigmar Gabriels Beiträge einrichten. Von Woche zu Woche hat man das Gefühl, dass der Parteivorsitzende der Sozialdemokratie mit Wortbeiträgen verzweifelt darum bemüht ist, sein eigenes Profil zu schärfen. Nun wird vielleicht mancher Leser einwenden, wie sonst könne das politische Profil geschärft werden, wenn nicht mit aktuellen Ansichten zur politischen Lage? Nur zur Illustration: Angela Merkel ist es über die Jahre gelungen, durch strikte Dosierung von persönlichen Bekenntnissen das Image der besonnenen Fachfrau zu schaffen.

Sigmar Gabriel entwickelt sich zunehmend und genüsslich zum parlamentarischen Arm der Bild-Zeitung. Wenn die Bild pausenlos den Gewerkschaftsführer Claus Weselsky diskreditiert ("Streik-Chaot", "Bahnsinniger") und auch nicht davor zurückschreckt, seine Telefonnummer zu veröffentlichen, kann man sicher sein, dass es nicht mehr lange dauert, bis der Vizekanzler sich auf die Seite der Bild-Zeitung schlägt. Natürlich in der Zeitung selbst ("Tarifstreit (...) kaum noch nachzuvollziehen!").

Auch in der Berichterstattung über das Freihandelsabkommen mit den USA sind sich Sigmar Gabriel ("5 Gründe, warum TTIP gut für uns ist") und das Boulevardblatt ("Darum brauchen wir freien Handel mit den USA") überaus einig. Auch was die Wirtschaftskrise in Griechenland betrifft, hat sich die Bild-Zeitung gegen eine seriöse und objektive Berichterstattung entschieden ("Nehmt den Griechen den Euro weg!", "Griechen reicher als wir!") und für eine klare Position gegenüber der griechischen Regierung ("Varoufakis: Der Lügner!", "Tsipras: Der Euro- Schreck!"). Natürlich war es nur eine Frage der Zeit, bis sich Gabriel unmissverständlich äußert, wie zuletzt in einem Gastbeitrag in – schon klar, wo – seinem mittlerweile zum Wohnzimmerorgan gewordenen Blättchen:

"Wir werden nicht die überzogenen Wahlversprechen einer zum Teil kommunistischen Regierung durch die deutschen Arbeitnehmer und ihre Familien bezahlen lassen."

Was die Mechanismen der Bild-Zeitung betrifft, ist es nicht schwer zu begreifen. Ihre tägliche Auflage beträgt 2,5 Millionen. Lettre International verkauft im Durchschnitt 20.000 Exemplare. Dafür hat sie pro Heft drei Monate Zeit, da sie vierteljährlich erscheint. Die Themen beider Publikationen überschneiden sich. Es geht um Big Data oder Flucht und Migrationsbewegungen, die Frage, was Kultur ist und was davon zu schützen sei. Um Politik, Kultur und Gesellschaft. Lettre International-Leser jedoch haben es stets verschmerzt, auf dem Titelblatt nicht von einer Tittenmieze auf dem Moped ("Annika aus Cottbus: "Ich schraube gerne am Auspuff meines Freundes herum") begrüßt zu werden.

Überschriften wie "Niveau Sans Frontieres" waren dem Stammleser des Kulturmagazins subtil und ironisch genug, die nötige Erregung für die Lektüre zu schaffen. Was also ist das Auflagengeheimnis aus dem Axel-Springer-Verlag? Vielleicht wird man sich einig, dass es mit den Printauflagen wie mit dem Geld ist. So wie man kein Millionenvermögen mit guten Manieren, Anstand und Mitmenschlichkeit anhäuft, erreicht man mit diesen Werten auch keine Millionenauflage.

Und bei Politikern geht es wie? In Ländern wie Deutschland, wo es noch nicht üblich ist, dass sich die Bevölkerung über politische Vorgänge überwiegend in sozialen Netzwerken ein Urteil bildet, sind Zeitungen, deren Auflagen zwar sinken, die aber als Print- oder Onlineausgaben immer noch eine große Reichweite haben, eine Notwenigkeit für die Kommunikationsstrategie eines Politikers. Natürlich gibt es große Unterschiede. Es gibt den Premiumauftritt. Und die Kategorie "Kleinvieh macht auch Mist". Zum Kleinvieh zählen Gastbeiträge in der Frankfurter Rundschau, dem Focus oder ein Interview für die Ostseezeitung, ein Statement morgens um sechs Uhr auf Radio Antenne Mecklenburg-Vorpommern. Premium sind das Heute-Journal oder der Spiegel.

Man wird in Deutschland keinen einzigen Politiker finden, der für die Hauptnachrichten von ARD oder ZDF nicht alles stehen und liegen lassen würde, um ein paar Worte in die Kamera zu sprechen. Das Gleiche gilt sicher für die Bild-Zeitung. Ein Anruf der Bild-Redaktion und die Bitte für einen Gastbeitrag ist etwas, das für manche Politiker wie ein Sechser im Lotto oder eine Doppelportion Bockwurst mit Schrippe wirkt: das pure Glück. 

Für Gabriel muss es eine Dauerbockwurstparty sein, die ihn dazu bewegt, Politik mithilfe des Boulevards zu machen. Innerparteilich ist er schwach. Seine Parteigenossen haben mittlerweile keine Hemmungen, sich öffentlich von ihm zu distanzieren oder zu widersprechen. Wer aber regelmäßig in der Bild sprechen darf, hat fünfmal mehr Zuhörer als Mitglieder in der eigenen Partei. Und so hat er Aussicht auf mehr Zustimmung in der Bevölkerung und damit eine Form der Macht, die mächtiger als das Parteimandat ist.

Natürlich geht es Gabriel in seiner Äußerung keine Sekunde lang über die griechischen Kommunisten (wer?) und ihre "überzogenen Wahlversprechen" (welche?), die vom deutschen Arbeitnehmer und seiner Familie (hier gleichzusetzen mit "der Bild-Leser") alimentiert werden. Es geht um den Wunsch, wahrgenommen zu werden. Politiker wie Wolfgang Bosbach machen es vor. Sie verknüpfen ihr persönliches Schicksal mit dem Schicksal eines europäischen Mitglieds an der Ägäis und drohen mit Bosbexit. Sigmar Gabriel will von dem Graben, der in der Griechenland-Frage innerhalb der CDU herrscht, profitieren. Er schlägt sich auf die Seite der Grexit-Befürworter in der Hoffnung auf mehr Fans.

Vor der letzten Bundestagswahl sah er es noch anders. In einem ZEIT-Interview warnte er: "Wer den Griechen jetzt die Solidarität verweigert, riskiert ein Abgleiten des Landes in chaotische oder längst überwunden geglaubte autoritäre Strukturen." Das SPD-Bundestagsergebnis ist bekannt. Doch alles, was Gabriel kann, können die Populisten im Boulevardjournalismus und in der Politik besser: Gegner diffamieren, Vorurteile kreieren und zementieren. Natürlich wären Politiker wie Gabriel und Bosbach in Parteien wie der AfD besser aufgehoben, aber da gäbe es eine große Hürde zu überwinden. Die Hürde ist eine große und mächtige Zeitung mit vier Buchstaben.