ZEIT ONLINE: Also liegt das Problem schon bei dem Hamburger Unternehmer Wilhelm von Boddien, der 1993 mit einer Schlossfassade aus Kunststoff die politischen Entscheider für den historisierten Nachbau begeisterte?

Prasser: Boddien ist ein Übel für Berlin. Er hat mit Architektur nichts am Hut, verdient aber gut an diesem Schloss. Und alle unterstützen ihn. Ich bewundere ihn heute für seine Überzeugungsfähigkeit.

ZEIT ONLINE: Wieso sind Boddiens Vision so viele gefolgt?  

Prasser: Das liegt an seiner Person. Er ist ein ausgezeichneter Kaufmann.

ZEIT ONLINE: Wenn er nicht gewesen wäre, hätte zeitgenössische Architektur eine Chance gehabt?

Prasser: Ja, sicher. Die damaligen Architekten waren alle für etwas Neues.

ZEIT ONLINE: Was hätten Sie bauen lassen?

Prasser: Mein eigener Entwurf für das Schloss vereinte Altes mit Neuem. Ich hätte es von der Front her originalgetreu wiederaufgebaut, bis ins Innere hinein, um das alte Deutschland zu zeigen. Zur Spree hin hätte ich mit einem kristallin-durchlässigen Turm aus Glas das Neue symbolisiert – sozusagen Humboldts Geist und Kultur. Ich hätte das Schloss auch in den alten Palast übergehen lassen, Teile des Skeletts und den Saal integriert.

Der moderne Saal wäre die Fortsetzung des neuen Deutschlands in diesem Bauwerk gewesen. Das historische Schloss – erweitert durch eine zeitgemäße Kommunikationszone. Ich hätte auch die alte Schloss-Apotheke gegenüber des Berliner Domes wiedererrichtet, die gemeinsam mit dem Kirchenbau die Straße einfasste. Dort hätte ich gern den Bundespräsidenten einziehen lassen, bescheiden und klein – ein Hauch von Downing Street in Berlin sozusagen. Der Bundespräsident hätte auch den Saal mit seinen 5.000 Plätzen gut brauchen können.

Selbst nach dem vollständigen Abriss des Palastes hatte ich noch mal einen Entwurf gemacht. Der sah an der Ecke, wo der Saal einst stand, eine in die historische Fassade integrierte moderne Baustruktur vor.

ZEIT ONLINE: So etwas hat ja auch Stella vor. Auf der Spreeseite baut er eine moderne Fassade

Prasser: Das ist das Schlimmste. Ein nichtssagender Riegel. Sieht so ein Schloss aus?

ZEIT ONLINE: Er ähnelt dem Bahn-Hauptquartier am Berliner Nordbahnhof; einem Gewerbebau….

Prasser: Das ist skandalös, eine Provokation. Dieser Riegel ist das Schlimmste, städtebaulich vollkommen unvertretbar. Das ist typisch Berlin. Dagegen müsste eine Kulturrevolution entstehen…

ZEIT ONLINE: Wie finden Sie die anderen Ideen für das Humboldt-Forum? Ich habe hier ein paar Fotos dabei: Norman Foster wollte die Fläche mit hellen Schirmen überspannen…

Prasser: Das ist nichts. Wie will man da eine Funktion hineinbekommen?

ZEIT ONLINE: Stefan Braunfels wollte historische Fassaden, aber die Spreeseite komplett offen lassen.

Prasser: Das kann man als Architekt machen. Er hat hier auch das Schlüter-Portal vom alten Schloss wieder mit eingebaut, aber verkehrt herum. Doch wo wird bei diesem Entwurf die neue Zeit sichtbar?

ZEIT ONLINE: Warum hat es zeitgenössische Architektur heute so schwer?

Prasser: Die hat es nicht schwer. Sehen Sie doch das Jüdische Museum Berlin von Daniel Libeskind. Das ist absolut zeitgenössisch. Funktionell ist es leider Unsinn. Es ist im Inneren verkrampft, kein Museum, sondern eine Selbstverwirklichung des Architekten.

ZEIT ONLINE: Ein Kunstwerk…

Prasser: Danke! Sie verstehen mich! Es symbolisiert jüdische Kultur und Geschichte, aber es ist kein Museum.

ZEIT ONLINE: Trauern Sie dem Palast nach?

Prasser: Nein, nicht dem Palast. Ich bin traurig über Deutschland. Über die Unfähigkeit, eine Kulturpolitik der neuen Zeit sichtbar zu machen durch ein Bauprojekt. Stattdessen bekommen wir jetzt für viele Millionen dieses erbärmlich verwirklichte Schloss.