"Das ist weltsensationell, aber das kann nicht mal Amerika bauen", lautete das Urteil im Staatlichen DDR-Baukombinat über Manfred Prassers Entwurf eines sechseckigen Saals für den Palast der Republik – mit zentraler Bühne, verschiebbaren Wänden und einer einzigartigen Bühnentechnik. Doch die Genossen an den Schaltstellen ließen sich überzeugen, den gelernten Zimmermann Prasser machen zu lassen. 

Heute lebt Prasser in einem lichten Haus aus Glas und Holzgebälk nahe Oranienburg. "Ich bin ein glücklicher Mensch, hier und jetzt", sagt der 82-Jährige. "In der DDR hätte ich mir dieses Haus hier nicht bauen können. Ich hätte das Material gar nicht bekommen." Prasser verurteilt die Idee nicht, an der Stelle des Palastes der Republik das Berliner Stadtschloss wiederaufzubauen. Er hätte aber einiges anders gemacht.

ZEIT ONLINE: Herr Prasser, dort, wo einst der Palast der Republik stand, wird jetzt das von den Kommunisten gesprengte Stadtschloss neu gebaut. Wie ist das so, wenn man als Architekt etwas Großes wie den zentralen sechseckigen Saal entworfen hat und dann reißt jemand den Bau wieder ab?

Manfred Prasser: Für mich persönlich ist es nicht so schlimm. Für mich ist die Frage viel wichtiger, warum das wiedervereinte Deutschland eine kulturhistorische Sensation wie den Palast vernichtet hat. Der Abriss war dasselbe wie die Sprengung des Stadtschlosses durch Walter Ulbricht. Das neue Deutschland hat hier genauso politisch aggressiv auf die Vergangenheit reagiert wie der DDR-Machthaber damals.

ZEIT ONLINE: Den Abriss des Palastes hat die Volkskammer zum Ende der DDR noch selbst beschlossen, wegen der Asbestbelastung...

Prasser: Das war alles Schwindel. Es gab absolut keinen einzigen fachlichen Grund für den Abriss. Asbest ist nur gefährlich, wenn er frei liegt. Man hätte das alles ummanteln können. Zu einem Bruchteil der heutigen Kosten.

ZEIT ONLINE: Hat bundesdeutscher Einfluss den Abriss auf den Weg gebracht?

Prasser: Absolut. Die Volkskammer, der Diestel und wie sie alle hießen, hatten doch damals längst nichts mehr zu sagen. Sie haben die DDR regelrecht an Kohl ausgeliefert.

ZEIT ONLINE: Woher kam der entscheidende Impuls für den Abriss?

Das neue Preußentum ist aus Beton: Klicken Sie auf das Bild, um die Fotostrecke zu starten. © Jens Kalaene/​dpa

Prasser: Das war knallharter Kommunistenhass. Was die DDR gebaut hatte, musste weg. Wie bei Ulbricht – der ließ das Schloss abreißen, weil er den Kaiser hasste. Die Deutschen lassen ihren Hass immer an Steinen aus. Sie beseitigen nicht den Geist, sondern die Bauwerke, die Symbole. Auch das Stalin-Denkmal in Berlin musste weg, die Stalin-Allee steht aber immer noch. Der Friedrichstadtpalast hatte Glück, auch er steht noch. Aber auch das Gebäude von mir am Fernsehturm, der sogenannte Flieger, sollte ursprünglich mal weg. Wir Deutschen sind so.

ZEIT ONLINE: Ging das von Kohl aus?

Prasser: Nein, den habe ich sogar selber gewählt. Der war mir sympathisch. Kohl war nicht einer dieser Hasser.     

ZEIT ONLINE: Wie gefällt Ihnen denn der Entwurf des Italieners Franco Stella für das alte, neue Schloss mit seinen historisierten Fassaden?

Prasser: Ich habe nichts gegen Architekten, die etwas Neues bauen wollen. Aber man kann keine Potemkinsche Fassade errichten und dahinter ein Stahlbeton-Skelett. Ein solches Schloss ist gesellschaftspolitisch und historisch, Entschuldigung, Scheiße. Wenn historisch, dann richtig.