Auf den Körpern der Deutschen flirrt das Florale, jeder zweite mittlere Angestellte trägt eine Tätowierung. Deutsche Großraumbüros sehen aus wie ein Jean-Paul-Gaultier-Defilee. Familie, Job und Klassenzugehörigkeit sind auch nicht mehr so identitätsstiftend wie früher, sagen die Philosophen. Deshalb muss man die eigenen Glaubensbekenntnisse mühsam ausbuchstabieren, bis auch der Letzte begreift, zum Beispiel man selbst.

Deshalb ist es heute auch so erheblich, ob sich jemand als Mann, Frau oder Trans definiert. Sonst definiert einen ja niemand mehr. In vormodernen Gender-Comedys wie Shakespeares Was ihr wollt war das Geschlecht noch nebensächlich, solange es zwischen den Beteiligten eben knisterte. Heute ist die Identitätspolitik der letzte Teilbereich der Politik, in dem auch noch die abgeklärtesten Postironiker zur Heugabel greifen.

Das könnte das laute internationale Medienecho erklären, das eine Geschichte ausgelöst hat, die sich gerade in New York zugetragen hat: Dem 26-jährigen Onlinejournalisten David Infante ist aufgefallen, dass er zwar einerseits über die äußeren Merkmale eines Hipsters verfügt – er lebt in einem gentrifizierten Viertel in Brooklyn, besitzt ein Single-Speed-Bike, trägt ironische Basecaps und hat sogar einen Schnurrbart. Andererseits fühlt er sich nicht als Hipster. Das Hipstertum ist in seinem Fall lediglich eine öffentliche Zuschreibung. Ein Übergriff, eine identitätspolitische Herrschaftsgeste. David Infante fühlt sich gefangen in der falschen Subkultur.

"Young Urban Creative"

In dem amerikanischen Magazin Mashable schrieb er deshalb einen Artikel, in dem er sich gegen die öffentliche Zuschreibung wehrte, ein Hipster zu sein, und sich einer neuen sozialen Minderheit zuordnete, die er gleich miterfand: den "Young Urban Creative", kurz Yuccie.

"Wenn man in einer Metropole wie New York oder San Francisco lebt, kennt man wahrscheinlich viele von ihnen", schrieb Infante, "als Social-Media-Berater koordinieren sie #sponsored Instagram-Kampagnen, sie programmieren ein Uber für Marihuana und ein Tinder für Hunde, sie gründen Boutiquen, in denen sie Sonnenbrillen aus nachhaltig geerntetem Bambus feilbieten." Yuccies seien "ein Teil der Generation Y, abgesichert von suburbanem Komfort, indoktriniert mit der Macht der Bildung und infiziert von der Überzeugung, dass wir es nicht nur verdienen, unsere Träume zu verwirklichen, sondern außerdem von ihnen zu profitieren."

Idealismus und Erfolg

Der Yuccie beansprucht nicht nur die Geschmacksführerschaft und persönliche Erfüllung im Beruf. Er erwartet außerdem, dass sich diese Lebensweise maximal auszahlt. Allein Infante kenne "einen früheren Finanzangestellten, der ein Musikfestival-Start-up gegründet hat, einen Wirtschaftswissenschaftler, der in das Onlinegeschäft für superspezialisierte Herrenbekleidung eingestiegen ist, einen ehemaligen Anwalt, der jetzt eine Craft-Beer-Brauerei besitzt." Der Yuccie wolle Idealismus mit finanziellem Erfolg verbinden. Und weil er außerdem aus der arbeitsamen Mittelschicht stammt und über einen Universitätsabschluss verfügt, ist er im Begriff, den Hipster als ökonomische Schlüsselfigur der kreativen Innenstädte abzulösen.

Führende internationale Medien reagierten auf diesen Artikel, als stehe die Welt vor einer Zeitenwende: CNN sah eine neue kreative Klasse auf die Innenstädte zurollen. Die Pariser Tageszeitung Libération argwöhnte, dass diese wahrscheinlich aus überdurchschnittlich gebildeten Menschen bestehen würde. Und der britische Guardian zog die Traditionslinie nach, die uns überhaupt erst in diese Lage gebracht hat: Sie reicht von den Flappers der Zwanziger, den Hepcats der Vierziger, den Beatniks der Sechziger und den B-Boys der Achtziger bis in das gerade ausklingende Jahrzehnt der Hipster.

Was war der Hipster?

Wenn man den Wandel verstehen möchte, der sich hier wahrscheinlich doch vollzieht, muss man sich in Erinnerung rufen, was den Hipster einst ausgemacht hat: In seinem ikonischen Essay What was the Hipster? schrieb der New Yorker Autor Mark Greif, dass der Hipster aus einer Jugendkultursparte der Neunziger erwachsen sei, "die oft als alternative oder indie bezeichnet wurde und die sich darüber definierte, dass sie die Konsumkultur ablehnte." Eine Feldforschung des Soziologen Richard Lloyd im Chicagoer Bezirk Wicker Park habe ergeben, dass die Hipster im Herzen ambitionierte Künstler waren, die tagsüber in Bars und Coffee Shops arbeiteten, um abends ihren ästhetischen Idealen nachzueifern.

Dass dadurch in den heruntergekommen Vierteln, in denen die Hipster billige Wohnungen angemietet hatten, ein angenehmes Geschäftsklima für Design und Marketing entstand, war eher ein unerwünschter Nebeneffekt. Schließlich bekamen die Hipster so in ihren eigenen Bezirken irgendwann keine Wohnungen mehr: "Die Viertel der Neo-Boheme", schreibt Greif, "die in der Nähe des explodierenden Reichtums in den Finanzzentren der Städte lagen, wurden zu Vergnügungsvierteln für eine neue Klasse reicher, junger Menschen."

Rückzug ins Kryptische

Obwohl die Hipster deshalb oft als Gentrifizierer angefeindet wurden, war das Hipstertum zunächst einmal eine Form des gewaltlosen Widerstandes: Hipster benutzten ein hyperspezialisiertes Arsenal an ästhetischem Insiderwissen, um sich gegen die Verkommenheit einer kalten, neoliberalen Gegenwart abzuschotten. Sie kultivierten eine demonstrative Übersensibilität gegenüber den Bedürfnissen sozialer und ethnischer Minderheiten und neigten zu einer übersteigerten Empfindsamkeit, die der rationalistischen Mehrheitsgesellschaft weichlich und dekadent vorkommen musste. Jedes Mal, wenn Hipster wegen ihrer apolitischen Oberflächlichkeit kritisiert wurden, trugen sie im Kampf um Freiräume einen kleinen Sieg davon.

Nachdem es in den Jahrzehnten zuvor weder die Punks, noch die Hippies, noch die New-Age-Bewegung geschafft hatten, an den gesellschaftlichen Verhältnissen auch nur das Geringste zu ändern, stilisierten sich die Hipster zu einer Projektionsfläche kryptischer Andersartigkeit, die vor allem dadurch provozierte, dass sie an die Mehrheitsgesellschaft kein erkennbares Anliegen formulierte. Ihre ausgestellte Zahmheit war eine Widerstandsgeste, ihre Unentschlossenheit eine Form der Weltabgewandheit, ihre spielerische Hinwendung zur Konsumgesellschaft eine Provokation nach innen.

Neue Elite

Für solche ästhetischen Spielereien hat der Yuccie nun keine Zeit mehr: Weil er mit seinen Idealen reich werden möchte, übersetzt er sie unmittelbar in ein Geschäftsmodell oder wenigstens einen individuellen Karriereweg. Infante schreibt: "Wenn man damit aufwächst, dass das Internet einen komplett neuen Typus von Elite krönt, ist es unmöglich, nicht auch selbst nach den Sternen zu greifen."

Und hier liegt wahrscheinlich der zentrale Unterschied zwischen den Hipstern und den Yuccies: Während die Hipster einen Raum voller Brechungen erfunden haben, in dem sie selbst die Regeln aufstellten, erschöpft sich die Ambition der Yuccies darin, in eine Elite aufzusteigen, von der die Wall Street auch noch was hat. Der Hipster suchte nach Alternativen. Der Yuccie hingegen hält sich schon für frei, weil ihm die Gelegenheit gegeben wird, reich zu werden, ohne dafür das tun zu müssen, was Karl Marx "entfremdete Arbeit" genannt hat. Für dieses Privileg bedankt er sich, indem er sich in diese Welt einfügt, als wäre sie die einzig denkbare.

Verschwendet eure Jugend

Dieser Einschnitt weist weit über die Fashion- und Lifestyle-Magazine hinaus, in denen diese Diskussion in Deutschland im besten Falle geführt wird: In seinem Erziehungsratgeber Emile fordert Jean-Jaques Rousseau seine Zeitgenossen auf, Kinder zum eigenständigen Denken zu erziehen, indem sie ihnen so früh wie möglich die bequeme Illusion rauben, dass die Welt eben sei, wie sie ist. Eltern sollten gar nicht erst den Eindruck entstehen lassen, dass es okay sei, in der Welt einfach aufzugehen, als gehörte man ihr auf natürliche Weise an.

Die Kleinen sollten also laut Rousseau gerade nicht "ihre Kindheit genießen", wie man heute sagen würde, schließlich bestand schon damals das Risiko, dass sie damit nie wieder aufhören, sobald sie erst einmal auf den Geschmack gekommen sind. "Das Kind, das rundum nur Babysprache hört, und der Schuljunge, der still sitzen und dem Geschwätz eines Lehrers zuhören muss, werden auch nicht zusammenzucken, wenn sie die verlogenen Phrasen eines Politikers hören", schreibt die amerikanische Philosophin Susan Neiman in ihrem neuen Buch Warum erwachsen werden?.

Wirkliche Freiheit ist für Rousseau also auch dann noch nicht errungen, wenn man die Erlaubnis bekommen hat, zu machen, was man will. Frei ist man erst dann, wenn man selbst mit am Tisch sitzt, wenn die Regeln ausgehandelt werden. Die Hipster haben sich in ein eigenes, ideales Soziotop zurückgezogen, weil sie nicht geglaubt haben, dass sie von der Mehrheitsgesellschaft angehört würden. Der Yuccie hingegen träumt nicht einmal von einer anderen Welt. Seine größte Ambition besteht darin, im real existierenden Kapitalismus Erfolg zu haben, dessen Verfahrensregeln möglichst unangetastet zu lassen, und trotzdem als gedanklich unabhängig durchzugehen. Weil er sich da aber selbst nicht so sicher ist, schreibt er sich das Kreative besser gleich in den Namen.

Die perfekte Welt

Andererseits liegt auch ein gewisses freiheitliches Potenzial in der Entscheidung, sich den Verhältnissen einfach auszuliefern. Auch Rousseaus "Emile" kann sich nur deshalb zu einem wahrhaft freiheitlichen Geist entwickeln, weil es in dem Buch einen allwissenden Vormund gibt, der das Leben des Jungen vollständig kontrolliert. Rousseaus Projekt besteht darin, das Kind nach Möglichkeit vor den schädlichen Einflüssen einer verdorbenen Zivilisation fernzuhalten und so zu wahrer Freiheit zu führen. Und das bedeutet erst einmal Zwang: Der Vormund müsse dafür sorgen, "dass Emiles Welt jederzeit sinnvoll ist", wie Susan Neiman schreibt: "Emile erlebt niemals eine Kluft zwischen dem, was ist, und dem, was sein sollte. Tugend und Glück gehen stets miteinander einher." Das klingt natürlich eigentlich ziemlich ideal.

Die Rolle dieses allwissenden Vormundes übernimmt heute der Silicon-Valley-Kapitalismus: Er verspricht nicht nur die Chance auf Wohlstand, sondern stiftet außerdem Werte, spirituelle Erfüllung und soziale Legitimität. Und stellt so jene Bedingungen her, in denen laut dem Aufklärer Rousseau sich ein freiheitlich gesinntes Individuum überhaupt erst entwickeln kann. Der Einzelne muss stets auf sanfte Weise zu seiner Freiheit gezwungen werden und darf einen kohärenten Raum, in dem alles so ist, wie es sein soll, nie verlassen.

Einen solchen Raum auszugestalten, das ist das große Ziel von Google und seinen Konkurrenten: Er soll partizipativ sein, aber undemokratisch, friedvoll, aber autoritär, fürsorglich, aber unantastbar. Er soll jene Kräfte nivellieren, die sich in der europäischen Kulturgeschichte traditionell unversöhnlich gegenüber standen: Vernunft und Leidenschaft, Sein und Sollen, Trieb und Über-Ich. Er macht die magischen Momente aus den europäischen Romanen, in denen sich die widersprüchliche Außenwelt kurz auflöst und die Figuren ganz bei sich sind, zum synthetisch herstellbaren Dauerzustand.

Der Yuccie nimmt diese Angebote lediglich an, man kann es ihm kaum vorwerfen. In der Buddhismus-Variante der kalifornischen Hippie-Bewegung, aus der das Silicon Valley hervorgegangen ist, würde man von der nächsten Erleuchtungsstufe sprechen.