Das Cover der aktuellen Ausgabe des New York Magazine zeigt 35 Frauen. Sie tragen schwarz, sitzen aufrecht auf schwarzen Hockern, halten ihre Hände im Schoß und blicken starr in die Kamera. Unter jeder Frau steht eine Jahreszahl zwischen 1960 und 1996. Der Titel lautet: "Cosby, die Frauen. Eine unerwünschte Schwesternschaft". Die Schwesternschaft besteht darin, dass jede dieser 35 Frauen behauptet, von Bill Cosby sexuell belästigt oder vergewaltigt worden zu sein. Einige berichten davon, zuvor unter Drogen gesetzt worden zu sein. Inzwischen haben sich weitere Frauen zu Wort gemeldet. Die Zahl ist von 35 auf 46 gestiegen. 

"Er fragte mich, ob ich ein Glas Wein trinken wollte; ich nahm einige Schlucke. Es schmeckte scheußlich. Ich begann mich unwohl zu fühlen" (Jewel Allison, Autorin). "Ich erinnere mich kaum an etwas, nur dass ich in seinem Schlafzimmer aufgewacht bin. Er war nackt und drückte seinen Schwanz in meinen Mund" (Heidi Thomas, 55, Musiklehrerin). "Ich hätte auf jede Straße Manhattans laufen und sagen können: 'Ich werde von Bill Cosby vergewaltigt und unter Drogen gesetzt', aber wer zum Teufel hätte mir geglaubt?" (Barbara Bowman, 48, Botschafterin von PAVE – Promoting Awareness, Victim Empowerment, eine Organisation, die Opfer sexueller Gewalt stärkt). "Ich erzählte meiner Betreuerin im Playboy-Club, was er mir angetan hatte und sie sagte: 'Du weißt, dass er Hefner’s bester Freund ist, oder?' Ich sagte: 'Ja'. Sie sagte: 'Niemand wird dir glauben. Du solltest deinen Mund halten'" (PJ Masten, 65, ehemaliges Playboy-Bunny und Hotelmanagerin, jetzt Inhaberin einer kleinen Umzugsfirma).

Bill Cosby ist der American Dad. Der erste Afroamerikaner, der seine eigene Comedy-Sendung im US-Fernsehen hatte. Seine Bill Cosby Show gilt bis heute als eine der kommerziell erfolgreichsten und am längsten produzierten afroamerikanischen Sitcoms. Claire und Cliff Huxtable, sie Anwältin, er Arzt, ein afroamerikanisches Akademikerpaar mit ihren fünf wohlerzogenen Kindern in einem New Yorker Brownstone-Haus. Eine ganz und gar heile Familie, bei der es trotzdem drunter und drüber gehen kann: Sohn Theo bringt katastrophale Zeugnisse nach Hause. Denise nervt mit ihren Ausgehwünschen und mit Verehrern, die schon im türkischen Knast waren. Und die lieben Kleinen, Vanessa und Rudy können nur im Bett von Mama und Papa schlafen.

Trotzdem gibt es kein Problem, das der quietschglatte Dr. Huxtable, mit seinen vertrauenswürdigen Wollpullovern, nicht zu lösen vermag. Jede der 198 Folgen behandelt ein moralisches Dilemma. Der Zuschauer bekommt stets eine Lehre erteilt und wird dazu angehalten, ein besserer Mensch zu werden. Ein Mensch mit klaren Prinzipien und Werten.

Bill Cosby ist eine Marke. In den 1980er Jahren der bestbezahlte Entertainer der Welt, Werbefigur von Coca Cola, Ford und Kodak, Autor eines Bestsellers über das Vatersein. Der Sohn eines Alkoholikers, der das Geld vertrank und seine Kinder prügelte, ist selbst das beste Beispiel dafür, dass man den Verhältnissen entkommen kann. Jahrzehntelang warf er Eltern vor, ihre Kinder nicht anständig zu erziehen. Er belehrte Teenager, sich mehr um Bildung zu kümmern als um Klamotten und Gangsta Rap. Wer sich anstrengt, kann es zu etwas bringen im Leben – egal, woher er kommt und welche Hautfarbe er hat. Das war seine Botschaft.

"Es gab Momente, da wollte ich damit an die Öffentlichkeit gehen. Aber ich hatte Angst. Und auch Skrupel, einen afroamerikanischen Mann fertigzumachen" (Jewel Allison, Schriftstellerin).  

Bill Cosby ist vermutlich ein Vergewaltiger. Im Jahr 2004 hatte Andrea Constand, eine Mitarbeiterin der Temple Universität, die ersten Missbrauchsvorwürfe gegen Cosby erhoben. 2005 verklagte sie ihn in einem Zivilprozess. Damals fanden sich 13 weitere Zeuginnen, die ähnliche Vorwürfe gegen Cosby äußerten. Es kam jedoch nie zum Prozess, weil Cosby und die Klägerin sich 2006 außergerichtlich einigten. Erst kürzlich wurden die damaligen Gerichtsunterlagen veröffentlicht. Aus diesen geht hervor, dass Cosby im Prozess eingeräumt hatte, 1976 einer Frau das Beruhigungsmittel Quaaludes verabreicht zu haben, weil er mit ihr Sex haben wollte. Er wurde nie rechtmäßig verurteilt.

Es gibt eine Monstrosität auf der Welt, die so gegen jede menschliche Güte gerichtet ist, dass wir sie nicht wahrhaben wollen. Doch in dieser Monstrosität steckt eine Wahrheit: Manchen Menschen bereitet es Vergnügen, anderen Leid und Schmerzen zuzufügen. Diese Wahrheit ist hässlich und abgrundtief böse, aber sie ist unleugbar. 

Für alle Frauen auf der Welt

Das New York Magazine zwingt uns nun dazu, dem ins Gesicht zu blicken und stellt Bill Cosby gewissermaßen vor ein öffentliches Gericht. Der Leser soll sich selbst ein Urteil bilden. Und so sehr er sich auch dagegen wehrt, resigniert er allein durch die Summe der hier dokumentierten Erinnerungen, die nach und nach das Bild eines vollkommen skrupellosen, manipulativen Mannes ergeben. Eines Mannes ohne jegliche Reue, der seinen Reichtum und Einfluss dazu benutzt hat, seine Vergehen zu vertuschen. Natürlich gilt die Unschuldsvermutung. Doch es ist schwer, die Aussagen dieser Frauen anders zu interpretieren.

Die Bill Cosby Show war nicht nur ein Meilenstein für das afroamerikanische Selbstbewusstsein, sondern auch für das Selbstbewusstsein der Frauen. Claire Huxtable ist eine moderne Frau und Mutter. Eine Frau mit Karriere, die jeden Morgen in ihre Kanzlei nach Manhattan fährt, während ihr Mann im Haus praktiziert, sich um die Kinder kümmert und Essen zubereitet. Während Cosby selbst immer noch schweigt, äußerte sich seine Ehefrau Camille 2014 zu den Vorwürfen: "Niemand von uns möchte jemals in der Situation sein, das Opfer zu beschuldigen. Doch die richtige Frage lautet, wer hier das eigentliche Opfer ist."

Unwahrscheinlich, dass sie niemals das zweite Gesicht ihres Mannes gesehen hat. Dennoch entscheidet sie sich für das Schweigen. Sie entscheidet sich dafür, eine öffentliche Haltung zu unterstützen, die aus den mutmaßlichen Opfern Täter macht, die ihnen suggeriert, sie trügen selbst die Schuld an dem, was ihnen angetan wurde. Sie entscheidet sich dafür, die Frauen ihrer Scham zu überlassen.

Auf dem New-York-Magazine-Cover ist der letzte Stuhl leer. Er steht für all die Frauen auf der Welt, die misshandelt wurden und immer noch schweigen. Er soll ihnen Mut machen, sich zu offenbaren, ihr Schweigen endlich zu brechen. Unter dem Hashtag #EmptyChair wird Frauen, die bisher nicht die Möglichkeit hatten, ihre Geschichte zu erzählen, nun eine Plattform gegeben. Die Geschichten dieser Frauen sind jetzt in der Welt. Sie können nicht mehr zum Verschwinden gebracht werden. Und je mehr Frauen sprechen, desto weniger wird es möglich sein, ihre Geschichten zu ignorieren. "Wir müssen betroffen sein von der Brutalität derjenigen, die die Tat begehen und derjenigen, die von einer Welt profitieren, die auf solchen Taten gebaut ist, … wir müssen die giftige Sentimentalität bekämpfen, die uns dazu bringt, einen 'großen Künstler' über eine weniger bekannte Frau zu stellen", sagt Teju Cole auf Thenewinquiry.com. Vielleicht ist jetzt tatsächlich der Moment, in dem das Schweigen beginnt zu brechen.