Denn, um es nochmals in aller Deutlichkeit zu sagen: Niemand, der sich ernsthaft mit Geschlechterforschung oder Gleichstellungspolitik beschäftigt, geht davon aus, dass wir immaterielle Wesen sind, die sich gänzlich nach Gusto selbst konstruieren, oder dass es keine körperliche, biologische, materielle Grundlage für die Menschen, so wie sie sind, gibt. Selbst die ungern gelesene aber gerne ablehnend erwähnte Judith Butler nicht. Auch behauptet niemand, dass es keine Unterschiede gäbe. Gerne nachgedacht wird hingegen darüber, welcher Art die Unterschiede zwischen den Menschen sind und was aus ihnen folgt.

Wie kommt es also zu diesem breitenwirksamen Erfolg einer lautstarken Gruppe, die Gender falsch verstehen will und für den ersten Schritt in Richtung Untergang des Abendlandes hält?

Es ist leicht, sich über jemanden wie Herrn Kutschera lustig zu machen, dessen Polemik getragen wird von einer traditionellen naturwissenschaftlichen Abneigung gegen alles Geisteswissenschaftliche (den nicht gerade feministischen Philosophen Hegel warf er locker mit dem "Wahnsystem" der "Genderisten" in einen Topf). Und der offensichtlich wissenschaftstheoretisch unbewandert und von wenig Selbstreflexion getrübt ist. So wenig, dass er zum Schluss des Gesprächs die persönlichen Ressentiments, die hinter seinen Aussagen stecken, ganz unbekümmert öffentlich machte, als er beklagte, dass immer mehr hoch dotierte Universitätsstellen von Frauen besetzt würden. Ihm zufolge ein fortpflanzungstechnischer Super-GAU. Denn aus der evolutionsbedingten Präferenz von Frauen für starke Männer folge, dass hoch qualifizierte Frauen keinen stärkeren Partner mehr zur Begattung fänden und die armen Männer, denen in Herrn Kutscheras Weltsicht offensichtlich Führungsstellen evolutionsbiologisch gesehen rechtmäßig zustehen, von ihrem hohen Status verdrängt als mindere Exemplare ihres Geschlechts unfortgepflanzt durchs Leben gehen müssten ... 

Machen wir etwa zu viel Gedöns um Geschlechterhierarchie?

Aber jenseits solcher Absurditäten: Die Schlagkraft der Anti-Gender-Front lässt Fragen aufkommen. Haben wir – Feministinnen, Emanzipationsinteressierte, Gender-Studies-Affine – es vielleicht irgendwie versäumt, unsere generell nicht weltzerstörerische Absicht deutlich genug kundzutun? Kommunizieren wir unsere umfassende Akzeptanz des männlichen Geschlechts unzureichend? Machen wir zu viel Gedöns um das bisschen Rolleneinschränkung und Geschlechterhierarchie? Sind wir, um es in ganz traditioneller weiblicher Manier zu formulieren, vielleicht selber schuld? Als wir aus "feministischer Theorie" und "Feminismus" "Gender Studies" gemacht haben, weil wir nicht mehr nur unsere Probleme, sondern auch die aller anderen Geschlechter ernst nehmen wollten, haben wir da übersehen, dass es eine Menge Menschen gibt, die gar nicht befreit werden wollen? Denen es nicht angenehm ist, darüber nachzudenken, dass die Dinge nicht so sein müssen, wie sie "immer" (also seit den 1950ern) waren? Denen der Gedanke, dass ihr Leben auch ganz anders sein könnte – oder nur schon der Gedanke, dass das Leben anderer ganz anders sein könnte – beängstigend vorkommt? Weisen wir nicht ausdrücklich genug darauf hin, dass die Akzeptanz verschiedenster Lebensweisen auch die sogenannt klassischen mit umfasst? Und dass die Forderung nach der Legalisierung von Homo-Ehen nicht vorrangig dem Wunsch nach einer Delegitimierung von Hetero-Ehen entspringt?

Oder, um einige Gedanken des renommierten Geschlechterforschers Stefan Hirschauer aufzunehmen, der in einem polemischen Text, bewusst das Risiko des Applauses von der falschen Seite in Kauf nehmend, allerlei Missstände in den akademischen Gender Studies angeprangert hat: Ist die Inklusivität von Gender Studies wirklich nur der "dünne rhetorische Lack" über einer in weiten Teilen ganz traditionellen feministischen "Gegenwissenschaft", die sich vor allem die Sache der Frauen auf die Fahnen geschrieben hat? Und vor allem: Missverstehen wir die Sache grundlegend, indem wir das mit dem Geschlecht zu ernst nehmen? Ist die traditionelle kulturelle Verpflichtung von Frauen auf ihr Geschlecht dafür verantwortlich, dass diese den Menschen in einem übertriebenen Maße als geschlechtliches Wesen thematisieren?

Ich glaube: nein. Die Geschlechterordnung muss vielleicht nicht notwendigerweise zentral sein, aber in unseren Gesellschaften ist sie es. Und sie muss kritisiert werden, weil es neben vielen rundum mit dem Status quo Zufriedenen auch etliche Unzufriedene gibt. Dass die Diskussion darum, wer wir sein wollen und wie wir leben wollen, auch robust werden kann, ist klar. Und so gewiss, wie die Tatsache, dass Pluto ein Zwergplanet ist, ist auch, dass Feministinnen sich irren können und manchmal ärgerlich sind. Aber, liebe Gender-Gegner und "Urviecher" (Zitat Ulrich Kutschera): Wir wollen euch nicht zu einer "Sekte" bekehren. Über ein bisschen Rückkehr zur klassischen Tugend der vernünftigen Mäßigung würden wir uns freilich freuen.