Die Zeiten für Kapitalismuskritik waren nie besser. Ob die Krise Europas oder der Klimawandel, stets wird der Kapitalismus mit seiner Mischung aus Effizienz und Dynamik, einseitiger Gewinnorientierung und Grenzenlosigkeit als Kritikfokus und Kritikadresse ausgemacht. Solche Kritik hält den Kapitalismus für eine zurechnungsfähige Adresse und glaubt, damit einen Hebel angeben zu können, an dem man sich kritisch organisieren und orientieren kann. So kann man sich dann fragen, ob die europäische Rettungspolitik tatsächlich nur im Interesse der Banken und Konzerne operiert. Oder man kann wie Naomi Klein die plakative Alternative "Kapitalismus vs. Klima" zur Entscheidung stellen, deren Einfalt heilig zu nennen schon fast an Blasphemie grenzt.

Schon weil "der Kapitalismus" aber letztlich keine Adresse hat, bleibt der Diskurs etwa um die Griechenland-Krise in den langweiligen Alternativen zwischen staatlicher Regulierung und dem wirtschaftsliberalen Glauben an Selbstheilungskräfte von Märkten gefangen. Kapitalismuskritik arbeitet dann stets mit dem Glauben an die staatliche Regulierbarkeit ökonomischer Dynamiken. Vielleicht ist es ungerecht, diese Alternative langweilig zu nennen, denn letztlich ist es neben dem erstarkenden Nationalkonservativen die einzige Alternative, die die klassischen politischen Lager definiert.

Kapitalismuskritik ist deshalb die Mutter aller Kritik, weil der Kapitalismus letztlich die Chiffre für den Grundkonflikt der Moderne darstellt: einerseits mit den Gleichheitsversprechen der politischen Aufklärung umzugehen und andererseits mit den Ungleichheitseffekten des Ökonomischen. Der Kapitalismus lebt aber geradezu von den Eigentumsrechten, die in der politischen Aufklärung von Locke bis Hegel mit Gleichheitsversprechen verkoppelt waren. Und dass der moderne Staat stets in die Dynamik der ökonomischen Entfesselung eingegriffen hat, ist ebenso eine Binsenweisheit wie die Tatsache, dass nur jener Reichtum verteilt werden kann, der in einer wettbewerbsorientierten Wirtschaft anfällt.

Dieser Grundkonflikt der Moderne zwischen ökonomischer Dynamik und politischer Regulierung bleibt in den Traditionen ihrer eigenen Perspektiven hängen. Politik erlebt sich als kollektiver Handlungsträger und müht sich um die Einhegung der ökonomischen Ungleichheitsfolgen. Aus ökonomischer Perspektive wird dies als Handlungseinschränkung erlebt, weswegen hier die klassischen liberalen Semantiken der Abwehrrechte gegen staatliche Interventionen so populär sind. Kapitalismuskritik hat dann entsprechend einen Aufforderungscharakter an das politische System, die Entscheidungen individueller Spieler (oder wenigstens ihre Folgen) sozial verträglicher zu gestalten.

So weit, so bekannt – und tatsächlich so langweilig. Bisweilen scheint Kapitalismuskritik eher ein Mechanismus der Selbstberuhigung zu sein, weil sie als politisches Programm so tut, als sei der ökonomischen Dynamik tatsächlich mit den Mitteln der Regulierung beizukommen, die man dabei im Blick hat.

So hofft etwa Wolfgang Streeck auf kollektive Solidaritätsräume, in denen man Umverteilungen legitimieren kann – und kommt dann auf den Nationalstaat als einzigen Raum, in dem solche Solidaritätszumutungen von selbst funktionieren; wirklich linke Sozialwissenschaftler wie Ulrich Brand polemisieren gegen bloße Verteilungslinke und ergehen sich in sozialtechnologischen Metaphern des Gesellschaftsumbaus, das heißt einer zentral geplanten Form der ökologischen und sozialen Regulierung der Ökonomie; und Naomi Klein hofft auf eine zivilgesellschaftliche Massenbewegung als politischen Akteur, der das Klima gegen den Kapitalismus durchsetzen soll.

Kapitalismus heißt Maßlosigkeit

Womit kaum jemand rechnet, ist die gesellschaftliche Strukturdynamik selbst – man ist immer nur gefangen in dem Gedanken, dass man die Dynamik irgendwie kollektiv bindend steuern muss. Das Problem ist nur: Wer so argumentiert, gerät sofort in das Fahrwasser, die Kritik der Kapitalismuskritik dann doch nur wieder im Schema "Mehr oder weniger Regulierung" zu diskutieren. Das aber verharmlost nur, worum es geht. Vielleicht lohnt es sich ja, dem Kapitalismus genauer auf den Grund zu gehen.

Marx hat es im Kapital kurz und prägnant auf den Begriff gebracht: "Die Bewegung des Kapitals ist also maßlos." Kapitalismus heißt Wirtschaften um des wirtschaftlichen Gewinns willen – selbst wenn individuelle Motive des Wirtschaftens ganz und gar außerökonomischer Natur sein mögen. Ökonomisch möglich ist nur, was sich ökonomisch rechnet. Es ist letztlich die Maßlosigkeit des Kapitalismus, die seine ungeheure Produktivität und Problemlösungskapazität begründet wie auch seine negativen Folgen. Der Kapitalismus ist die Quelle von Wohlstand und Versorgung in einem historisch beispiellosen Rahmen – übrigens überall auf der Welt. Er ist wirklich eng verkoppelt mit den Freiheitsrechten, die in der schottischen Aufklärung nicht zufällig mit den Eigentumsrechten einhergingen. 

Darüber kann nur spotten, wer aus den selbstgerechten und sicheren Welten einer mittelschichtsorientierten Academia stammt. Dem Kapitalismus ist aber auch die Tendenz zur Ausbeutung von Ressourcen und Menschen eingeschrieben. Man muss nicht dem Ton und jedem Detail etwa dem Schwarzbuch Markenfirmen von Klaus Werner-Lobo folgen, um zu sehen, wie sehr auch namhafte Konzerne von jener Maßlosigkeit getrieben sind, die bisweilen verbrannte Erde hinterlassen, wenn die politischen Regime vor Ort nur korrupt genug sind, nicht dagegen vorzugehen. Wer daran vorbeisieht, kann kaum verstehen, warum es gerade der Kapitalismus ist, der geradezu zu einem Symbol für eine haltlos komplexe Gesellschaft geworden ist, deren Eigendynamik uns unkontrollierbar erscheint.

Die künftige Gesellschaft - Utopie von Harald Welzer: Eine Welt ohne Wachstum