Als ich das erste Mal nach Inezgane fuhr, trug ich einen speckigen Rucksack auf dem Rücken und ein paar Traveller Cheques im Portemonnaie. Es war 1999, und Marokko stand kurz vorm Umbruch. König Hassan II war gerade noch an der Macht, ein paar Monate darauf sollte sein Sohn übernehmen. Dessen erste Amtshandlung war die Auflösung von Papas Harem. Mohammed VI ließ Dissidenten frei und beendete die "bleierne Zeit", unter denen das Land mit seinem Vater gelitten hatte. Und etwas später tat er etwas, was noch während meines ersten Besuchs undenkbar schien: Er unterstützte öffentlich die Forderungen marokkanischer Frauen nach Gleichberechtigung. Auf Initiative des Königs wurde 2004 sogar das Familienrecht reformiert. Gut zehn Jahre nach den revolutionären Reformen sind zwei Frauen gerade knapp einer Haftstrafe entgangen – weil sie im Minirock durch Inezgane spazierten.

Dabei hatten die Reformen solche Hoffnungen geweckt. Schon seit dem Thronwechsel sprachen die Menschen auf der Straße wieder über Politik, vor allem Frauen hatten viel zu sagen. Regisseurinnen, die kritische Filme über den arabischen Machismo drehten, Frauenrechtlerinnen, die Gewalt im häuslichen Leben anprangerten. Oder Designerinnen, die mit frecher Mode die Konventionen hinterfragten. Im Stillen hatten sich Frauen in den großen Städten längst zusammengeschlossen. Jetzt fühlten sie sich gestärkt und taten es öffentlich. Als Journalistin fuhr ich wieder und wieder hin und berauschte mich an einem arabischen Frauenbild, das mir bis dahin unbekannt war. An einem Kampfgeist, den Feministinnen im Westen längst nicht mehr nötig zu haben schienen. Ich sah auch die Missstände, sie waren kaum zu übersehen. Doch die Kraft der Frauenbewegung schien im Marokko jener Tage als Versprechen dagegenzuhalten.

Vor ein paar Wochen lese ich eine Geschichte über zwei junge marokkanische Studentinnen. Am 14. Juni spazieren sie durch den Souk von Inezgane, nicht weit entfernt von den Touristenstränden Agadirs. Als sie sich in einer Boutique umsehen, fängt der Besitzer auf einmal an, sie lautstark zu beschimpfen. Immer mehr Männer kommen dazu, beleidigen die Frauen wegen ihrer angeblich zu kurzen Röcke, sogar ein Stein soll geflogen sein. Verängstigt alarmieren die beiden die Polizei, die kurz darauf eintrifft und sie in Gewahrsam nimmt. Sie sollen wegen "unsittlicher Handlungen" angeklagt werden, bis zu zwei Jahren Gefängnis drohen ihnen. Es folgen landesweite Demonstrationen, bis sie am 13. Juli freigesprochen werden.

Ich habe lange überlegt, ob ich den Vorfall kommentieren soll. In Zeiten wachsenden Islamhasses gilt gerade das Bild der Frau wieder verstärkt als Symbol der Unterdrückung in arabischen Ländern. Weil ein rückständiger Maghreb und die muslimische Frau als Opfer aber ein grob vereinfachtes Bild darstellen, sage ich etwas dazu. Nicht, weil noch immer viele marokkanische Frauen unter Repressionen leiden. Sondern weil sie sich immer öfter wehren.

Natürlich ist es eine überschaubare Gruppe von Stadtmarokkanerinnen, die Veränderungen anstößt. Auf dem Land haben viele noch immer keine Schulbildung und kaum Chancen, sich zu wehren, wenn beispielsweise Gesetzesänderungen ignoriert werden. Viele heiraten nach wie vor nur mit Einwilligung männlicher Angehöriger und dürfen vom Sorgerecht nach einer Scheidung nur träumen. Doch der Austausch zwischen Stadt- und Landfrauen ist mittlerweile im Gange. Zugegeben, unter der gemäßigt islamistischen PJD-Regierung mahlen die emanzipatorischen Mühlen langsamer. Trotzdem erinnert das Ende des aktuellen "Dress-Gates" daran, dass die Frauen des Landes schon lange vor der Arabellion – die an Marokko eher vorbeiging – für ihre Rechte eintraten.