In dieser Woche hat Wolfgang Schäuble, 72, Baden-Württemberger, im Spiegel über die Griechenland-Krise gesprochen. Die Herkunft des deutschen Finanzministers muss hier leider erwähnt werden, weil er selbst sie in dem Interview so vehement betont: "Meine Großmutter, die von der Schwäbischen Alb stammte, pflegte zu sagen: Gutmütigkeit kommt kurz vor der Liederlichkeit. Es gibt eine Art von Großzügigkeit, die ganz schnell das Gegenteil von dem bewirken kann, was beabsichtigt ist."

Ob Schäuble etwas Gutes für Europa beabsichtigt, aber das Gegenteil bewirkt, damit beschäftigen wir uns seit Monaten. Inzwischen befürchten auch die Amerikaner, dass Europa mit Schäubles Plänen irgendwie aus dem Ruder läuft. Denn immer wieder bringt der Baden-Württemberger den Grexit, den Austritt Griechenlands aus der Eurozone, ins Spiel. Dem Hawaiianer Barack Obama, 53, wurde es jetzt zu bunt. Er hat in Europa angerufen und mit Angela Merkel, 61, geboren in Hamburg, und Alexis Tsipras, 40, geboren in Athen, gesprochen. Was Obama wissen will, ist: Wird der Schwabe zum Sicherheitsrisiko?

An dieser Stelle wollen wir den Makrokosmos internationale Politik verlassen und uns in den Mikrokosmos Berlin begeben. Nicht ins politische Berlin, sondern ins Berlin der Bürger. Erfahrungen im Kleinen liefern ja nicht selten Erkenntnisse fürs große Ganze. Schauen wir nach Prenzlauer Berg, den Bezirk der Latte-Macchiato-Mütter, der Bio-Reiswaffeln und der veganen Friseure, Sie haben sicher davon gehört. Vielleicht haben Sie auch von den Unstimmigkeiten zwischen Berlinern und Schwaben in Prenzlauer Berg gehört. "Schwabenhass im Szenekiez" titelte der Tagesspiegel bereits 2011. Was war passiert? Nach Jahren friedlicher Koexistenz fiel auf, dass der Schwabe Dinge aufkaufte, von denen vorher genug für alle da war: Wohnungen, Parkplätze, Reiswaffeln. Das war nicht gut für den sozialen Frieden. "Schwaben in Prenzlauer Berg: Spießig, überwachungswütig, keinen Sinn für Berliner Kultur – Was wollt ihr eigentlich hier?" stand einmal an einer Wand. Berliner Kultur: Die einen finden sie liederlich. Sie denken an besetzte Häuser, Drogen, Gewalt, solche Sachen. Die anderen denken an Sommernächte im Park, an Liebe und Freiheit, an Dinge, die man nicht kaufen kann.

Der Prenzlauer Berg ist etwa so liederlich wie München, es handelt sich um einen ordentlichen Bezirk. Hier werden die Aufgänge gekehrt, die Schornsteine gefegt und die Häuser zu Tode renoviert. Wenn dieses brave Viertel glaubt, gegen Schwaben rebellieren zu müssen, will das etwas heißen. Nichts fürchtet der Berliner mehr als Kleingeister, die eine kosmopolitische Stadt zurückentwickeln auf ein Lebensmodell, das sich ums Schaffe-und-Häusle-kaufe dreht. In Prenzlauer Berg fragte man sich: Passt sich das Viertel den Leuten mit Geld an oder die Leute mit Geld dem Viertel?

Bei den Ressentiments den Schwaben gegenüber geht es in Wahrheit nicht um Herkunft – für Berliner ist praktisch jeder wohlhabende Nicht-Berliner ein Schwabe. Sogar Badener können in Berlin Schwaben sein, in Schwaben wäre das undenkbar. Schäuble wurde übrigens im Badischen geboren, hat jedoch diese schwäbische Großmutter, in Baden-Württemberg ist das fast so ähnlich wie eine doppelte Staatsbürgerschaft.

Aber zurück von diesen Provinzialismen zur Europa-Politik. Wenn Kulturklischees in politischen Debatten auftauchen, sollte man sensibel werden. Je komplizierter die Lage, desto rassistischer die Stereotype: der Grieche ist faul, der Russe gewalttätig und so weiter.

Dieses Denken führt nirgendwohin, jedenfalls nicht in die Zivilisation. Stereotype reduzieren Komplexität, das ist ihre Kernkompetenz. Wolfgang Schäuble nun arbeitet mit einem besonders raffinierten Stereotyp: dem vermeintlichen Positivklischee. In die Griechenland-Debatte speist er eine mit ihm verwandte schwäbische Hausfrau als Prototyp der guten Wirtschafterin ein. Die Schäuble-Großmutter, vermuteter Jahrgang 1792, kam sicher einst mit ihren Gewissheiten gut zurecht. Vermutlich hatte ihr Denken und Wirken aber auch keine Folgen über den Horizont der Schwäbischen Alb hinaus. Das Denken und Wirken ihres Enkels Wolfgang allerdings schon.