Ahmet Şik ist einer der angesehensten Investigativjournalisten der Türkei. Der 45-Jährige studierte Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Istanbul. Er arbeitete für liberale Tageszeitungen wie Milliyet und Evrensel, er unterrichtete sieben Jahre lang Journalismus an der privaten Istanbuler Bilgi-Universität. Im März 2011 wurde Şik wegen Terrorverdachts für ein Jahr lang in Untersuchungshaft festgehalten. Er hatte zuvor an einem Buch gearbeitet, in dem er die AKP-Regierung und die Fetullah Gülen Bewegung kritisierte. Das Verfahren gegen Şik läuft noch.

Seit einem Jahr schreibt Şik für die regierungskritische Tageszeitung Cumhuriyet, deren Chefredakteur Can Dündar laut Medienberichten kürzlich von Präsident Recep Tayyip Erdoğan persönlich angezeigt wurde. Das Staatsoberhaupt wirft Dündar Terrorpropaganda und Spionage vor. Ende Mai hatte die Cumhuriyet Aufnahmen veröffentlicht, die eine Waffenlieferung des türkische Geheimdienst MIT für Extremisten in Syrien aus der Türkei Anfang 2014 belegen sollen. Nach Aussagen der Regierung handelte es sich bei den gezeigten Lieferung um Hilfsgüter.

ZEIT ONLINE: Herr Şik, seit Monaten wird spekuliert, dass die türkische Armee in Nordsyrien einmarschieren könnte. Eine Diskussion, die nach dem mutmaßlichen Terroranschlag in Suruç weitergehen dürfte. Sie recherchieren zu den möglichen Verwicklungen der AKP-Regierung in Syrien. Wird es zu einer Intervention kommen?

Ahmet Şik: Die Türkei würde gerne einmarschieren. Es besteht eine Notwendigkeit für die Regierung. Nach der Wahl wurde noch klarer, wie sehr ihre Außenpolitik gescheitert ist, und natürlich will sie von innenpolitischen Problemen ablenken. Zu Beginn des syrischen Bürgerkriegs versprach der damalige Minister- und jetzige Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan jubelnd, das Regime von Baschar al-Assad innerhalb von sechs Monaten zu stürzen. Die Rechnung ist nicht aufgegangen. Wir werden einen Sieg feiern, hieß es immer. Jetzt feiert die Regierung nur noch ihre eigenen Begräbnisse. Sie sind ein aktiver Teil des Bürgerkrieges.

ZEIT ONLINE: Weil die Regierung lange Zeit an der syrisch-türkischen Grenze weggeschaut hat, als Dschihadisten diese überquerten?

Şik: Ich glaube nicht, dass es eine Verbindung zwischen dem Islamischen Staat (IS) und der Türkei gibt. Um dies beweisen zu können, reichen die Fakten nicht aus. Aber die Türkei nährt Dschihadisten anderer Gruppen, die dann wiederum Verbindungen zum IS haben könnten. Sie schauen tatsächlich weg, wenn Waffen geliefert werden. Weil die Regierung fürchtet, dass all dies eines Tages rauskommen wird, ist sie auch zu einer Intervention bereit. Deswegen hat sie sich jetzt wieder verstärkt gegen die Kurden positioniert.

ZEIT ONLINE: Die türkische Regierung drängt immer wieder auf die Errichtung einer Pufferzone in der nordsyrischen Grenzstadt Kobani, um Vorstöße der Kurden und des IS abzuwehren.

Şik: Eine Pufferzone, wie immer wieder behauptet wird, ist überhaupt nicht umsetzbar. Wie soll das funktionieren? Es handelt sich dabei um eine Idee, die vor allem von der AKP-nahen Presse lanciert wird. Es gibt kein Kurdenproblem in diesem Land, sondern ein Türkenproblem. Die in den verschiedenen Ländern verstreute Kurden so wie alle anderen Nationen haben auch das Recht auf ihre eigene Unabhängigkeit. Die Kurden sind die einzigen kämpfenden Regimegegner in Syrien, die säkular und demokratisch sind. Deswegen sind sie auch eine Sicherheit, um die Grenze vor den Dschihadisten zu schützen.

ZEIT ONLINE: Die Tageszeitung Cumhuriyet, für die Sie arbeiten, hat als einzige Zeitung in der Türkei Fakten geliefert, die beweisen sollen, dass die AKP-Regierung Waffen an die Aufständischen in Syrien liefert. Erdoğan hat daraufhin gefordert, ihren Chefredakteur Can Dündar zu zweimal lebenslänglich und 42 Jahre Haft zu verurteilen. Fürchten Sie keine Konsequenzen für ihre harte Kritik?

Şik: Nein, sollte ich? Ich habe von meinen Eltern gelernt, die Dinge beim Namen zu nennen. Erdoğan ist ein schlechter Mensch, und hat viel Schuld auf sich geladen. Er unterstützt eine Seite der Regimegegner in Syrien mit Waffen. Deswegen ist das Land in einen Bürgerkrieg verwickelt. Wenn jemand Konsequenzen fürchten sollte, dann ist es Erdoğan selbst.

"Eine echte Demokratie werde ich in der Türkei nicht mehr erleben"

ZEIT ONLINE: Sie wurden 2011 ein Jahr lang in Untersuchungshaft festgehalten. Grund dafür war ihr unveröffentlichtes Buchmanuskript zu der weltweit aktiven Gülen-Sekte. Fetullah Gülen ist der einflussreichste sunnitische Prediger in der Türkei, aber vor allem ist er Erdoğans stärkster Widersacher. Ihr Manuskript wurde von staatlicher Seite als das "gefährlichste Buch des Landes bezeichnet". Wovor haben sich die Machthaber gefürchtet?

Şik: Dies ist keine türkisches Phänomen. Überall, wo die Oberen etwas zu verbergen haben, werden investigative Recherchen gefürchtet. Dabei ist es auch unwichtig, um welches Thema es sich handelt, ob um Politik oder Wirtschaft. Für jede Diktatur und jedes autokratisches System ist die Unterdrückung und das Abschneiden des freien Wortes ein wichtiges Instrument. Immer, wenn ich an einem neuen Buch sitze, fragt mich meine Tochter, ob das sein muss. Bis heute ist es mir nicht gelungen, ihr zu erklären, warum dies ein Verbrechen sein soll.

ZEIT ONLINE: Ein Kapitel ihres Buches lautete "Wer sie anrührt, verbrennt sich". Auch Sie haben sich verbrannt, sind die Wunden mittlerweile verheilt?

Şik: Sie irren sich, ich habe mich nicht verbrannt. Wenn ich nicht inhaftiert worden wäre, wäre dieses Buch vielleicht untergegangen, so aber wurde es zu landesweit und international bekannt. Ich würde dieses Buch heute genauso schreiben. Durch die Außenwirkung meiner Geschichte haben die Menschen auch gesehen, wie wichtig unabhängige Journalisten sind und unter welchem Druck sie arbeiten.

ZEIT ONLINE: Im Dezember vergangenen Jahres wurden Redakteure der Tageszeitung Zaman – Gülens Sprachrohr – vor laufenden Kameras festgenommen, einige sitzen seitdem in Untersuchungshaft. Mussten Sie bei diesen Bildern nicht schmunzeln?

Şik: Natürlich hat all dies eine ironische Note. Aber ich habe mich nicht gefreut, ich war aber auch nicht traurig darüber. Diese Kollegen müssen jetzt erfahren, wie wichtig eine Demokratie ist. Mit der Demokratie haben sie niemals sympathisiert, und jetzt sind sie dem System ausgesetzt, das sie lange Zeit mit unterstützt haben. Natürlich sind nicht alle Gülen-Anhänger und AKP-Mitglieder demokratiefeindlich, es sind aber viele.

ZEIT ONLINE: Die Kollegen der Zaman behaupten, es gehe ihnen um die Pressefreiheit.

Şik: Ich möchte diese Kollegen nicht angreifen, da sie im Gefängnis sitzen und sich nicht wehren können. Auch wenn sie dies mit mir gemacht haben, als ich in Haft war, werde ich dies vermeiden. Man soll Gleiches nicht mit Gleichem vergelten. Ich wünsche ihnen nicht einmal, dass ein Verfahren gegen sie eröffnet wird, dies wünsche ich keinem Journalisten. Und wenn sie doch vor Gericht verantworten müssen, dann nur, weil sie Unwahrheiten verbreitet haben. Aber für journalistische Unabhängigkeit und Objektivität sind diese Kollegen natürlich kein gutes Vorbild. Sie sind Teil eines Propagandamediums.

ZEIT ONLINE: Ist es angesichts der Tatsachen nicht sogar ein wenig verständlich, dass sich Journalisten in der Türkei selbst zensieren? Es gibt kein funktionierendes Sozialsystem, wer unliebsam berichtet, muss um seinen Arbeitsplatz fürchten. Journalisten werden regelmäßig in Handschellen abgeführt.

Şik: Angst ist ein sehr menschliches Gefühl. Auch ich habe lange argumentiert, dass jeder eine Familie zu versorgen habe. Aber mittlerweile denke ich, dass solche Kollegen dann den Beruf wechseln sollten. Wer nicht sauber, objektiv und unabhängig berichten möchte, der ist kein Journalist für mich.

ZEIT ONLINE: Gab es Momente, in denen Sie sich vom Journalismus abwenden wollten?

Şik: Wie jeder Journalist habe ich auch schon darüber nachgedacht, ein Restaurant zu eröffnen. Aber ich mache diesen Job seit 25 Jahren, etwas anderes und Schöneres kann ich mir nicht vorstellen. Bis an mein Lebensende will ich berichten, auch für meine Tochter. Eine echte Demokratie werde ich in der Türkei nicht mehr erleben, sie aber vielleicht schon.