Denker an der Grenze

Personen: Immanuel Kant, Theodor W. Adorno, Jacques Derrida, die Grenzbeamten Martin H. und Horst S.

Ort: Ein karges, dunkles Amtszimmer mit schlammbraunen Polsterstühlen und einem Hartplastiktisch. An der rechten Wand steht ein leerer Wasserspender, daneben hängt eine vergilbte Karte Europas. Auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs führt eine Tür zum Treppenhaus, daneben verschiedene Büros mit Beamten. Am Ende des Flurs befindet sich der Durchgang zum Zellentrakt.

Theodor W. Adorno: Ich weiß gar nicht, was ich hier mache.

Immanuel Kant: Ich auch nicht.

Jacques Derrida: Ja, für mich ergibt das alles keinen Sinn.

(Grenzbeamter Martin H., – Mitte fünfzig, untersetzt, Schnurrbart – betritt mit federndem Gang den Raum. In der Hand hält er ein schwarzes Notizheft. Ihm folgt sein Kollege Horst S., Mitte sechzig, stämmig, bayerischer Akzent, der jedoch im Hintergrund verbleibt.)

Martin H.: So, meine Herren, Sie wollen also in unser schönes Land einreisen, wollen mal gucken, was es hier so gibt, in unserem feinen Sozialstaat, was?

(Adorno, Kant und Derrida starren Martin H. irritiert an. Schweigen.)

Martin H.: Ich seh schon, gesprächig sind wir heute ja nicht gerade. Aber gut, soll mir recht sein. Erst mal red sowieso ich. Also mal gucken, wen wir da haben. Kant, Immanuel. (Guckt in sein Notizheft.) Geboren in Kaliningrad, also Russe.

Kant: Wie meinen?

Martin H.: Russe – habe ich gesagt. Deutsche Sprache, schwere Sprache, was? Kann ich Ihnen aber gleich sagen, da sind die Chancen praktisch null. Sicheres Herkunftsland, verstehen'se?

Kant: Aber …

Martin H.: Hören Sie schwer? Ich hab gesagt, ich rede jetzt! Also, weiter im Text: Adorno, Theodor Wiesengrund. Aha.

Adorno: Bitte?

Martin H.: Geboren in Frankfurt am Main. Frankfurt am Main? Was machen Sie denn überhaupt hier? (Guckt in sein Notizheft) Ah, ich seh schon: Aufwiegelei und Anstiftung zur Bildung einer Dingens. Klassischer Rückkehrer. Da kann ich Ihnen auch gleich sagen: bei Landesverrat und Deutschlandbeleidigung sind die Kollegen momentan sensibel. Auf Leute wie Sie warten die nur.

Adorno: Das ist doch ...   

Martin H.: Sie sind genauso taub wie der Russe? Ich rede jetzt, verstanden? Geht doch! So, und dann haben wir da noch Derrida, Jacques. Geboren in El Biar, Algerien. Das riecht mir aber schwer nach Wirtschaftsflüchtling, was?

Derrida: Ich war ...

Martin H.: Ach, hören Sie doch auf. Was meinen Sie, wie oft wir solche Ausreden hier täglich hören?

(Alle schweigen.)

Martin H.: Tja, da fällt den Herren wohl nichts mehr ein, was? Dacht ich mir. Aber gut, wir sind ja auch nicht zum Small Talk hier. Dann gehen wir mal die Reihe durch.

(Der Blick von Martin H. wandert ausdauernd über die drei Gesichter. Er zieht sich einen Stuhl heran und setzt sich ihnen gegenüber. Horst S. bleibt mit verschränkten Armen im Hintergrund stehen.)

Martin H.: (Seufzt) Wissen Sie ... (Macht eine Pause) ... wir sind hier eigentlich keine Unmenschen. Ich zum Beispiel gehe auch gerne mal in die Oper, les ein gutes Buch. Deswegen mag ich diesen ruppigen Ton an sich auch nicht. Aber was sollen wir machen? Wir müssen hier eben erst mal Ordnung reinbringen. Denn diese Asylflut, ja, man muss schon sagen Flut, Welle, Ansturm, Schwarm, wie sie wollen, das macht uns zu schaffen.

"Wir hier in Europa, in Kern-Europa, wir halten die Fahne hoch"

Horst S.: (Ruft aus dem Hintergrund) Zu schaffen macht uns das!

Martin H.: Wenn da ein Kollege ausfällt, da müssen wir hier aber Überstunden schieben. Und es ist natürlich auch eine menschliche Herausforderung, klar. Da sind schon Schicksale bei. Aber das Weltsozialamt können wir nun auch nicht sein.

Horst S.: (Ruft aus dem Hintergrund) Können wir nicht!

Martin H.: Das verstehen Sie doch? Zumal ich sehe (guckt wieder in sein Notizheft), dass Sie alle drei ja studiert sind. Da verstehen Sie das ja, können das nach-voll-ziehen. Deshalb wollen wir das jetzt auch mal ganz vernünftig über die Bühne bringen. Ist ja auch gleich Mittag.

Kant: Darf ich Ihnen eine Frage stellen?

Martin H.: Na hoppla, so war das nun auch nicht gemeint. Ich stell hier die Fragen! Aber gut, ich hab ja gesagt: Wir sind keine Unmenschen. Dann schießen Sie mal los!

Kant: Was ist Aufklärung?

Martin H.: Huiuiui, Sie fahren aber gleich Geschütze auf. Zumal ich gar nicht weiß, was das mit Ihrem Fall zu tun haben soll.

Horst S.: (Kommt an den Tisch gestürmt) Das kann ich Ihnen sagen, Freundchen! Wir hier in Europa, in Kern-Europa, wir halten die Fahne hoch. Also die Fahne der Aufklärung, die halten wir hoch. Das christlich-jüdische Erbe!

Adorno: Christlich-jüdisches Erbe? Aha.

Horst S.: Ja, is' so! Das heißt, wir haben hier Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat, das ganze Programm.

Kant: Das ganze Programm. Hm.

Horst S.: Ja, bei uns können zum Beispiel auch Homo ... wobei, das ist vielleicht kein gutes Beispiel, finde ich persönlich auch schwierig. Aber Frauen. Frauen, die haben hier, also Frauen, die können hier was machen. Prinzipiell. Die sind hier auf dem Vormarsch. Das ist Aufklärung. Verstehen Sie? Glück seines eigenen Schmieds sein. Marktwirtschaft, Entrepreneurship, Verfassung. Das kennen Sie als Russe ja gar nicht!

Kant: Also ich wollte vorhin schon sagen, dass ich ...

Horst S.: Was Sie wollen, ist hier völlig …

Martin H.: Horst, reicht erst mal.

Horst S.: Hm, ja. (Geht zurück in den Hintergrund)

Martin H.: (Zu Kant) Ich mach Ihnen da ja auch gar keinen persönlichen Vorwurf. Zumal der Putin immerhin 'ne Starke Hand hat, muss man ihm lassen. Der räumt auf. Hab ich Respekt vor.

Kant: Wie gesagt, das mit Russland ist … nun, wie auch immer. Worauf ich hinaus wollte, ist Folgendes: Sie reden von der Aufklärung als etwas Gegebenem, etwas Selbstverständlichem. Als ob das ein Zustand und keine Tätigkeit wäre. Aber gerade hier, in diesem Wartesaal, wo täglich Hunderte, Tausende Seelen darauf hoffen, in ein Land der Aufklärung zu kommen, weisen Sie sie ab.

Martin H.: Nun, Gesetze sind Gesetze, nicht?

Kant: Richtig. Aber sind die Gesetze richtig? Und müssen wir in solch einer Situation nicht auch etwas Übergeordnetes, etwas Weltbürgerliches im Blick haben? Es ist hier nicht von Philanthropie, sondern vom Recht die Rede, und da bedeutet Hospitalität das Recht eines Fremdlings, seiner Ankunft auf dem Boden eines andern wegen von diesem nicht feindselig behandelt zu werden. Dieser kann ihn abweisen, wenn es ohne seinen Untergang geschehen kann, so lange er aber auf seinem Platz sich friedlich verhält, ihm nicht feindlich begegnen.

Martin H.: Geht's auch ein bisschen weniger geschraubt?

Kant: Einem Flüchtling, dem, wie ich ja bereits sagte, der Untergang droht, der also in seinem Heimatland Mord, Krieg oder Hunger fürchten muss, den darf man nicht abweisen!

Martin H.: Ach so. Kriegsflüchtlinge, gut. Da zeigen wir ja auch Verständnis, die nehmen wir auf. Also manche. Alle geht natürlich nicht.

Horst S.: (Ruft aus dem Hintergrund) Alle geht nicht!

Martin H.: Aber da wird einem ja auch viel vorgemacht. Wirtschaftsflüchtlinge, die haben hier nichts verloren. Und, glauben Sie mir, äußerlich kann man die bisweilen gar nicht unterscheiden!

Kant: Aber sind Armut und Diskriminierung nicht zumindest auch ein Grund, sich auf den Weg zu machen? Gibt es nicht ein Besuchsrecht, welches allen Menschen zusteht, sich zur Gesellschaft anzubieten vermöge des Rechts des gemeinschaftlichen Besitzes der Oberfläche der Erde, auf der als Kugelfläche sie sich nicht ins Unendliche zerstreuen können, sondern endlich sich doch nebeneinander dulden müssen, ursprünglich aber niemand an einem Orte der Erde zu sein mehr Recht hat, als der andere?

Martin H.: (Ironisch) Genau! Und danach kommt dann direkt der ewige Frieden, was? 

Kant: Ja, rein theoretisch schon. Aber darum geht's jetzt nicht. Es geht darum, ob es diese Rechte nicht gibt.

"Wir leisten hier Abwehrarbeit"

Martin H: Ich seh schon, Sie sind so einer von der ganz spätidealistischen Sorte. Und was Sie da sagen, klingt ja auch alles ganz sonntäglich. Aber überlegen Sie doch mal, was heißt das denn konkret? Ich muss mich hier ja mit der Realität beschäftigen. Und die sagt mir, dass der Syrer kommt.

Horst S.: (Ruft aus dem Hintergrund) Der Syrer, der kommt!

Martin H.: Der Iraker, der Afghane, der Kosovare, die kommen. Das is' ja erst mal Fakt. Und dann erklären Sie mir doch mal, wer das denn bezahlen soll? Wir müssen da auch wirt-schaft-lich denken. Anders geht's gar nicht.

Adorno: Wenn ich hier mal kurz einhaken darf?

Horst S.: (Ruft aus dem Hintergrund) Wer hat dich denn nu' gefragt?

Martin H.: Schon gut, Horst. 

Adorno: Also mal ganz abgesehen davon, dass der absolute Großteil ja arbeiten will, es aber nicht darf, und dass Ihr Land bei der demografischen Situation ja geradezu Menschen braucht, zeigt Ihre kaufmännische Perspektive doch sehr eindrucksvoll, was aus der Aufklärung geworden ist, was aus ihr werden musste. Eingespannt in die herrschende Produktionsweise löst die Aufklärung, die zur Unterminierung der repressiv gewordenen Ordnung strebt, sich selber auf. Was dem Maß von Berechenbarkeit und Nützlichkeit sich nicht fügen will, gilt der Aufklärung für verdächtig.

Kant: Na ja, so weit würde ich jetzt nun nicht gehen …

Adorno: Was ich sagen will: Dass sich jemand wie Sie, Herr Beamter, auf die Aufklärung beruft, während Sie gleichzeitig, ohne mit der Wimper zu zucken, Tausende arme Teufel zurück in jene Hölle schicken, aus der sie gerade mit größter Not entkommen sind, aus Krieg, Armut, Verfolgung und Folter, das ist einerseits absurd.

Kant: Aber?

Adorno: Aber andererseits ist es auch nur folgerichtig. Ja, gewissermaßen sind Sie beide, meine Herren Beamten, sogar Vorzeige-Aufklärer, Leute, die das alles radikal zu Ende denken.

Kant: Also das finde ich jetzt …

Adorno: Doch. Der Bürger in den sukzessiven Gestalten des Sklavenhalters, freien Unternehmers, Administrators, ist das logische Subjekt der Aufklärung. Und gucken Sie sich die doch an, die beiden Administratoren hier.

Martin H.: Oho, ein richtiger Dialektiker sind Sie, was? Aber ich verrate Ihnen das eine: Im Gegensatz zum Kollegen ist mir die Aufklärung total wumpe! Mehr noch: Ich halte das für eine hohle Phrase, metaphysisches Gewäsch für Gutmenschen.

Horst S.: (Ruft verunsichert aus dem Hintergrund) Jetzt wo du's sagst, Martin! Gutmenschentum ist das!

Martin H.: Und ich will Ihnen im Gegenzug auch mal eine Frage stellen: Wer sorgt denn dafür, dass wir noch den Überblick behalten? Wer sorgt dafür, dass sich hier keine Terroristen und Betrüger reinschleichen? Wer sichert das Projekt Europa? Richtig, das sind wir! Wir leisten hier Abwehrarbeit. Wir sind der Katechon der freien Welt!

Adorno: Unsinn. Ich sage Ihnen auch warum: Sie sind Mitglieder jenes technischen und personellen Apparats, der freilich in jeder Einzelheit als Teil des ökonomischen Selektionsmechanismus zu verstehen ist. Hinzutritt die Verabredung, zumindest die gemeinsame Entschlossenheit der Exekutivgewalten, nichts herzustellen oder durchzulassen, was nicht ihren Tabellen, ihrem Begriff von Konsumenten, vor allem ihnen selber gleicht.

Martin H.: Das ist doch kommunistische Propaga...

(Im gegenüberliegenden Treppenhaus hört man plötzlich Geschrei und Gepolter. Es dringen einzelne Wortfetzen in den Raum. "Gespenst", "Kette", "Europa". Beamter Horst S., der bis dahin im Hintergrund stand, läuft sofort zur Tür und verschwindet im Treppenhaus.)

Adorno: Die Stimme kenn ich irgendwoher.

Derrida: Ja, kommt mir auch bekannt vor.

(Beamter Horst S. kommt wieder in den Raum. Er hält einen Mann mit Rauschebart im Schwitzkasten.)

Martin H.: Alles klar bei dir Horst? Haste ihn?

"Ich bin Beamter, ich befolge Gesetze!"

Horst S.: Ja, Martin. Ich hab ihn. Wollte abhauen, der Dicke. Aber nicht mit uns! (Zu dem Mann im Schwitzkasten, dessen Stimme nachäffend) Gespenst, Gespenst. Europa, Europa. Ich geb dir gleich Europa, dann weißte, was Europa ist! (Zieht den Mann im Schwitzkasten in Richtung des Zellentraktes. Beide ab.)

Martin H.: (Ruft hinterher) Klasse, Horst! (Wendet sich wieder den dreien zu) Wo waren wir?

Adorno: Ich wollte Ihnen noch was sagen: Deutschland liefert jene Waffen, mit denen im Nahen Osten und in Afrika Krieg geführt wird. Erzeugt das keine Verantwortung? Und erzeugt es nicht auch Verantwortung, dass die Deutschen diesen Kontinent bereits zweimal ins tiefste Verderben gestürzt haben? Dass sie schon einmal für Millionen Flüchtlinge verantwortlich waren?

Martin H.: War ja klar, irgendwann kommt immer Adolf Nazi.

Adorno: Wenn Sie es so nennen wollen, bitte. Aber war es nicht so?

Martin H.: Nun ...

Adorno: Und außerdem: In Ihrem Land gibt es doch in Millionen von Familien ehemalige Flüchtlinge – nur dass die Vertriebene heißen.

Martin H.: Das können Sie doch überhaupt nicht vergleichen! Das war eine ganz andere Situation.

Adorno: Ja, stimmt. Die Situation war eine andere. Damals war Deutschland eine verarmte Kriegsruine, jetzt ist es eines der reichsten Länder der Welt. Es könnte sich Flüchtlinge mehr denn je leisten. 

Martin H.: Selbst wenn – das waren damals doch Deutsche! Das war die gleiche Kultur, die gleiche Sprache! Da gab es keine, wie sagt man so schön, kulturellen Differenzen!

Adorno: Und die Existenz von jemandem, der eine andere Kultur hat, eine andere Sprache spricht, eine andere Hautfarbe besitzt, die ist automatisch weniger wert? Zumal man Sprache, das wissen Sie vermutlich, lernen kann. Und eins will ich Ihnen noch sagen: Die "kulturelle Differenz" zwischen einem protestantischen Hamburger und einem katholischen Ostpreußen war damals auch da. Vermutlich war sie sogar größer als der heutige Unterschied zwischen einem Teenager in Damaskus und Dinslaken.

Martin H.: Ich glaube ja wohl kaum, dass ein Teenager aus Dinslaken …

Derrida: Es geht hier doch um etwas viel Allgemeineres.

Martin H.: (Ironisch) Ach, guck. Der Algerier steigt auch noch mit ein. Jetzt haben wir hier ja einen richtigen kleinen Diskussionszirkel, was?

Derrida: Man merkt es schon an Ihrer Sprache. Sie reden von Flüchtlingswellen, von Flut und Ansturm, ja von Schwärmen. So machen Sie Menschen zu Naturkatastrophen und Tieren. Sie vertieren den Menschen. Bevor Sie sie abschieben, haben Sie sie schon mit Worten verjagt.

Martin H.: Ach, das ist doch Political-Correctness-Gewäsch. Was soll ich denn sonst sagen? Eine große Anzahl von Auswanderern?

Derrida: Zum Beispiel.

Martin H.: Als ob das was ändern würde. Fakt ist, dass zu viele kommen. Und das zur Unzeit. Gucken Sie sich doch mal um in Europa, wir haben hier doch genug eigene Probleme.

Derrida:Die Unzeit ist günstig, sie gewährt eine Zusammenkunft, pünktlich aber unnachgiebig stellt sie sich ein: Kein versprochenes Treffen ohne die Möglichkeit der Unzeit. Sobald es mehr als einen gibt.

Martin H.: Aha.

Derrida: Wissen Sie, was Ihr Problem ist? Sie können sich selbst nur falsche Antworten geben, weil Sie die falschen Fragen stellen. Wenn Sie rhetorisch fragen, ob wir a-l-l-e aufnehmen können, dann gibt das natürlich schon die Antwort vor. Fragen Sie jedoch: Wie viele können wir aufnehmen? Könnten wir mehr aufnehmen? Was schulden wir den anderen? Was können, ja müssen wir uns leisten? Was sind die Gebote des Rechts, der Würde, der Barmherzigkeit – dann bekämen Sie andere Antworten.

Martin H.: Ich muss mich überhaupt nichts fragen. Ich bin Beamter, ich befolge Gesetze!

Derrida: Sie befolgen Gesetze. Müssen Sie auch. Das entbindet Sie aber nicht davon, Fragen zu stellen.

Kant: So ist es! Hab ich schon immer gesagt!

"Wir denken uns immer noch in Abstammungskategorien"

Derrida: (Zu Kant) Ja, is' ja gut. (Zu Martin H.) Und es kommt noch etwas dazu. Jahrhundertelang haben wir das Politische, ob bewusst oder unbewusst, buchstäblich immer nur in Blutbildern gedacht. Selbst in der Französischen Revolution hieß es Gleichheit, Freiheit und ...

Kant: Brüderlichkeit!

Derrida: Richtig, Brüderlichkeit. Nationalität wurde immer über Natalität gedacht, über die Abstammung. Was für ein Phantasma! Als ob wir alle aus dem gleichen Loch gekrochen kämen. Der Bezug auf den Bruder bewegt sich von allem Anfang an in der Ordnung des Schwurs, des Kredits, des Für-wahr-Haltens und des Glaubens. Der Bruder ist niemals ein Faktum. 

Martin H.: (Gereizt) Ja, und nu'?

Derrida: Wir denken uns immer noch in Abstammungskategorien, das ist vorpolitisch. Statt einer Politik der Brüderlichkeit, die den Nicht-Verwandten immer ausschließt, müssen wir die Politik der Freundschaft entwerfen. Das heißt, die Logik der Verbrüderung nicht preiszugeben und zugleich an einer Denaturalisierung der Gestalt des Bruders, seiner Autorität, seiner Glaubwürdigkeit, seines Phantasmas zu arbeiten.

Martin H.: (Noch immer gereizt) Das ist doch Unsinn!

Derrida: Keinesfalls! Träumen wir also von einer Freundschaft, die über die Nähe des gleichartigen und gleichgeschlechtlichen Doppels hinausginge. Von einer Freundschaft jenseits der natürlichsten wie der alles andere als natürlichen Verwandtschaft, die doch ihre Signatur von Anbeginn auf dem Namen wie auf dem doppelten Spiegel eines solchen Paars hinterlassen hat. Fragen wir uns wie eine Politik "Jenseits des Brüderlichkeitsprinzips" aussehen könnte.

Martin H.: (Schreit) Schluss jetzt! Es reicht mit dem Unfug! Wenn das anbrechende deutsche Dasein groß ist, dann trägt es Jahrtausende vor sich her. (Macht eine lange Pause) Alles muss durch die völlige Verwüstung hindurch. Nur so ist das zweitausendjährige Gefüge der Metaphysik zu erschüttern.

Derrida: (Flüsternd zu Kant und Adorno) Jetzt dreht er durch.

Adorno: Völlig!

Kant: Wobei: Im Prinzip hat er ja vorher ja schon das Gleiche gesagt. Eben nur anders.

Adorno: Stimmt.

(Martin H. sitzt wie angewurzelt auf seinem Stuhl und starrt an die Decke. Adorno, Derrida und Kant gucken sich irritiert an. Vorhang.)

Kursive Passagen sind Originalzitate aus: Immanuel Kant – Zum ewigen Frieden; Max Horkheimer, Theodor W. Adorno – Die Dialektik der Aufklärung; Jacques Derrida – Politik der Freundschaft; Martin HeideggerSchwarze Hefte