Vorhin war ich einkaufen, am "Theo", dem Theodor-Heuss-Platz, der weit im Berliner Westen liegt, fast schon in Spandau, fast schon in Braunschweig, Osnabrück oder jeder beliebigen anderen westdeutschen Kleinstadt. Das Publikum dort ist weiß, alt, halbwegs wohlhabend und oft schlecht gelaunt. Es gibt eine hohe Dichte an Apotheken und Läden für Sanitätsbedarf. Wenn man mit den Leuten ins Gespräch kommt, erfährt man viel über Hüft- und Knieprobleme. Das sind Konversationen, denen auch ich inzwischen durchaus etwas abgewinnen kann. Dennoch packt mich jedes Mal, wenn ich am "Theo" stehe, eine irre Sehnsucht. Eine Sehnsucht nach anderen Orten, nach anderen Zeiten, wo die Jungen in der Überzahl wären, wo das Leben vibrierte, wo ich als Alternde an Zukunftserwartungen teilhaben könnte – selbst wenn sie prekär wären –, die über mich und die mir noch zustehenden Jahrzehnte hinausgehen. Am "Theo" verdient man seine Rente und verzehrt sie; man hofft auf nichts (außer auf Ruhe und Komfort), man glaubt an nichts (außer, völlig grundlos, an die eigene Überlegenheit) und investiert schon lange nicht mehr (außer in Risiko-Absicherungen). Nach uns die Sintflut.

Ich finde die niedrigen Geburtenraten schrecklich. Selbst wenn wir, die Senioren der Gegenwart und nahen Zukunft, unsere schlechte Laune abzulegen lernen und rüstig und lustig werden sollten – die Altenresidenz Deutschland, die wir bewohnen, ist eine Endstation. Schuld an der demografischen Misere sind mehr oder weniger alle: die Konservativen, die sich an traditionellen Familienbildern festklammern und gnadenlose Arbeitswelten schaffen, in denen man in der Tat bescheuert sein muss, Kinder zu haben. Aber auch die Sozialdemokraten und Linken mit ihrem kurzsichtigen Klientelismus, ihrer Gleichmacherei und Intoleranz, die ebenfalls Menschen, die viele Kinder haben, als bescheuert dastehen lässt. In ihrem Artikel vom Montag lacht Antje Schrupp über die Krokodilstränen der Konservativen. Mich macht dieser Ätsch-Ruf noch deprimierter. Das befriedigte Gefühl, das sich in ihm ausdrückt, durch eine schlechte Entwicklung recht bekommen zu haben, ist nämlich auch bei den Konservativen weit verbreitet. Es ist Teil des Problems. So denken wir, weil wir alt sind. So denkt man, wenn und weil man keine Zukunft mehr hat.

Die Frage, warum wir keine Kinder haben, führt wohl tatsächlich nicht weiter. Fragen wir lieber: Warum haben wir eigentlich Kinder? Warum haben wir Kinder, ohne deswegen bescheuert oder unreflektiert konventionell zu sein?

Auf der persönlichen Ebene liegt der Fall mal so oder mal anders: Die einen planen ihre Familien, die anderen planen sie nicht, und wieder andere planen und sehen ihre Planungen durchkreuzt. Auf der persönlichen Ebene macht es, für mich jedenfalls, keinen wirklichen Unterschied, ob jemand Kinder hat oder nicht. Ein weiser, alter, kinderloser Psychoanalytiker sagte mir mal, jede Psyche habe Kinder, so wie jede Psyche Eltern habe, unabhängig davon, ob die Eltern und die Kinder physisch existieren. Umgekehrt kommt es meiner Psyche oft so vor, als sei sie kinderlos, obwohl ich Kinder habe; und gleichzeitig scheint ihr, dass sie noch viel mehr Kinder habe, als nur meine drei: nämlich die fehlgeborenen, toten Kinder, und die ungezählten nie empfangenen Kinder, die ich hätte haben können oder wollen oder sollen, sowie die ungezählten Kinder, die ich adoptieren könnte.

Unpersönlich muss man zugeben, dass ein enger Begriff von "Frauenemanzipation" tatsächlich am besten ohne Kinder auskommt. Das konnten diejenigen von uns, die im Westen aufwuchsen, wie Antje Schrupp und ich, in den sechziger, siebziger, achtziger Jahren an unseren Müttern und Großmüttern ausgezeichnet beobachten. Kinderhaben in der Bundesrepublik bedeutete für die Frauen in aller Regel nur Nachteile und einen gewaltigen Freiheitsverzicht. Das miterlebt zu haben, steckt uns heute in den Knochen: all die Begabung, die in den Familienkreis eingesperrt wurde und verkümmerte; das beschädigte Selbstbewusstsein aufgrund der finanziellen Abhängigkeit, die tausend Spielarten des Frustes und der Kompensation von Frust. Und den Männern tat die Benachteiligung ihrer Frauen auch nicht gut. Auch unsere Brüder haben es miterlebt, und auch ihnen steckt es heute in den Knochen.

Die Frauen kamen allerdings sehr unterschiedlich mit ihrer Situation zurecht. Ich erinnere meine Großmütter: Beiden wirkten nicht durchgängig unglücklich dabei, ihren Professionalismus mit uns Kindern im Haus und im Garten auszutoben. Die eine knutschte und lachte gerne, bräunte sich auf dem Balkon, brachte sich russisch und schwedisch bei und lernte die Stammbäume der Pharaonen auswendig. Die andere las zum zwölften Mal Adalbert Stifters Nachsommer, saß mal einen ganzen Nachmittag an meinem Bett, als es mir nicht gut ging und spielte verdammt gut Klavier. Ich erinnere meinen Großvater, wie er sich Gedanken machte, was sie wohl geworden wäre, hätte sie studieren dürfen, und ohne Kinder: Malerin oder Astronomin? Ich erinnere eine kinderlose Feministin aus New York, mit der derselbe Großvater über Jahre ein Verhältnis hatte; wenn sie zu Besuch kam, saß sie im Auto vorn, und meine Großmutter stieg hinten ein.