Als ich einen beiläufigen Blick auf die Uhrzeit werfen will, springt mich das Datum auf meinem Handydisplay stachelig an: 8.8.2015. Ja, als würden die Zahlen tatsächlich stechen.

Ich halte kurz inne und überlege, warum diese Zahlenkombination eine Irritation in mir auslöst und bleibe für einen kurzen Moment ahnungslos. Plötzlich denke ich an ein Datum mit leicht variierter Zahlenfolge, 8.8.2008, und schrecke auf. Natürlich, wie hatte ich das vergessen können. Sieben Jahre ist es also schon her! Ganze sieben Jahre, dass ich meinen Urlaub im August wie gewohnt in Georgien verbrachte und eines Morgens von meinem damals siebenjährigen Neffen mit der Mitteilung geweckt wurde: "Wach auf, wir haben Krieg!", um dann sein Autorennen mit einem kleinen Spielzeugwagen durch die Wohnung fortzusetzen.

Natürlich schenkte ich seinen Worten keinen Glauben, aber das sehr laute Geräusch des Fernsehers und die ansonsten ungewohnte Stille in der Wohnung ließen mich schnell wach werden und ins Wohnzimmer gehen. Dort saßen sie alle vor dem Fernseher versammelt, stumm wie sonst nie, mit leicht offenstehenden Mündern. Manche schüttelten ungläubig den Kopf, manche hatten die Augenbrauen zusammengezogen, um ihrer Weigerung Ausdruck zu verleihen, die Nachrichten, die sie da zu hören bekamen, als Fakten anzuerkennen. Noch verschlafen sah ich zum Bildschirm, und mein Kopf wurde schlagartig einer bisher ungekannten Überforderung ausgesetzt: Worte wie "Krieg", "Russland," "Ossetien", "Mobilmachung", "Ausnahmezustand", "Ratlosigkeit", "russische Panzer", "Panik" prasselten auf mich nieder. Diese Worte schienen sich zu keinem einzigen logischen Satz zusammenzufügen, sie ergaben keinen Sinn für mich. Ich weiß noch, dass ich auflachte. Komischerweise warf keiner einen pikierten Blick in meine Richtung, als wäre meine Reaktion die einzig passende angesichts dieser absurden Situation – ein unfreiwilliges, überfordertes, deplatziertes Lachen.

Es war August, heiß, die Hälfte der Bevölkerung hatte frei und verbrachte ihren Urlaub am Schwarzen Meer, in den Bergen. Zerstreut über das ganze Land waren die Menschen, Kinder mit ihren Großeltern weit weg vom Tbilisser Smog; Paare, in ihrer lang ersehnten Freizeit zusammen, weit auseinander lebende Verwandte, für den heißesten Monat des Jahres wieder vereint.

Und dann kam also der Krieg. Die russischen Panzer hatten die Grenze überquert. Spezialeinheiten wurden mobilisiert und die georgischen Soldaten einberufen. Am selben Tag fand die Eröffnung der Olympischen Sommerspiele in Peking statt und die ganze Welt hielt die Augen auf China gerichtet.

Wie verhält man sich bei Kriegsausbruch?

Mich befiel eine merkwürdige Apathie. Noch Tage danach wurde ich diese Lähmung nicht los, als würde alles, was um mich geschah, nicht mit mir geschehen, als wäre es ein Film, deren Zuschauerin ich zufällig geworden war. Wie eine Schlafwandlerin lief ich umher und fühlte mich dabei wie ein zorniger Teenager, der sich aus einem inneren Protest heraus weigert, sich den Gegebenheiten anzupassen, sie zu verstehen oder gar zu akzeptieren. Verhaltensregeln für einen Kriegsausbruch waren mir auch nicht wirklich geläufig.

Die meisten meiner Familienmitglieder und Freunde waren mit der Situation nicht allzu vertraut, aber wie durch eine makabre Intuition geleitet schien ein Instinkt ihnen zu sagen, dass man die eigene Angst vor den Kindern kaschieren, die eigenen Sorgen in nützliche Tätigkeiten umwandeln, die Stimme senken und die hektischen Bewegungen einstellen musste. Ich schien einen solchen Instinkt nicht zu besitzen. Ich war von all meinen Instinkten, Gefühlen, Impulsen amputiert. Ich konnte nicht handeln, ich konnte nichts tun. Wie in Trance bewegte ich mich durch verschiedene Räume der Wohnung, später auch durch die Straßen, auf denen von Panik erfasste Menschen auf und ab liefen und anfingen, die Supermärkte leerzukaufen, aus Angst vor Lebensmittelknappheit.

Und ich lief einfach weiter.