Unser Land überrascht sich selbst – Seite 1

In diesen Tagen gibt es reichlich Anlass zu staunen. Unser Land zeigt sich überrascht von sich selbst. Das sogar in Berlin regierungsamtlich registrierte erfreuliche Bild, das Deutschland angesichts einer unvermuteten, hunderttausendfach praktizierten Gastlichkeit abgibt, entspricht so gar nicht den Stereotypen, die man uns nicht nur im Ausland immer wieder überstülpt. In- und ausländische Presse überrascht uns mit dem Befund, dass wir ein gastfreundliches Volk sein sollen. Das hat offenbar niemand vorausgesehen.    

Und doch scheinen die in der ganzen Welt verbreiteten, wirklich sehenswerten Aufnahmen von den Münchner, Frankfurter und Dortmunder Bahnhöfen dieses Bild eindeutig zu bestätigen, das man sich nun von sich selbst machen darf, um darin gespiegelt zu finden, wer man ist. Hier, so scheint es, zeichnet sie sich endlich ab: die so lange vermisste kollektive Identität jenseits eines ethnischen Volksbegriffs, den man zuletzt in der Dresdener rechten Rhetorik ganz und gar zerschlissen hat. Seit dem ist es für jedermann offenkundig: Es sind immer die Falschen, die behaupten, "wir sind das Volk". Tatsächlich ist niemand das Volk; sei es nun ein gastliches oder ein ungastliches.

Das heißt freilich nicht, dass Antworten auf die Wer-Frage jeglichen Anhalts entbehren müssten. Aber wir finden sie nicht in einer starren ethnischen Identität, sondern in einer Praxis, die gerade nicht an einem narzisstischen Bild interessiert ist, das man in den Augen anderer abgibt.  

Wer diese Praxis nur als Manifestation eines neuen kollektiven Selbstbewusstseins deuten will, hat nicht begriffen, worum es sich tatsächlich handelt. Es geht nicht um ein "märchenhaftes" Bild von sich selbst (Heinz Bude), sondern darum, die in vieltausendfachem Willkommen und lebenspraktischer Unterstützung Fremder sich manifestierende Gastlichkeit als solche richtig zu verstehen − zumal jetzt, wo sie einmal bis zu den Massenmedien vorgedrungen ist, die in ihrer Fixierung auf herausragende Ereignisse für die Unaufdringlichkeit und Selbstverständlichkeit einer solchen Praxis kein besonderes Sensorium zu haben scheinen. 

Deshalb ist zu befürchten, dass man nur die gewiss nicht jeden Tag sich bietenden spektakulären Bilder zur Kenntnis nehmen und verbreiten wird − bis wieder Gewalttäter von rechts mit ihren Brandzeichen die Regie übernehmen.

So könnte die Chance sehr leicht verspielt werden, wirklich wahrzunehmen, wie tiefgreifend unser Land sich verändert hat seit jenen Makroverbrechen, die man erst Jahrzehnte nach dem Krieg langsam zur Sprache zu bringen vermochte, so dass uns erst spät allmählich klar werden konnte, was sie bedeuteten: Sie sollten ein absolut ungastliches Europa herbeiführen, in dem kein Fremder mehr in seinem "Anderssein" hätte sicher sein können. Es wäre ein Europa geworden, aus dem die Fremdheit getilgt worden wäre − vorausgesetzt, dergleichen ist überhaupt möglich.     

Die unerträgliche Selbstfremdheit

Kommen wir nicht alle als Fremde zur Welt? Und scheiden wir nicht als Fremde aus ihr? Sind wir in der Zwischenzeit nicht alle auf gastliche Aufnahme im Leben anderer angewiesen? Hätte das fatale NS-Projekt nicht früher oder später alle treffen müssen? Hat es sich nicht von Anfang an gegen alle Menschen gerichtet?

Schon der römische Geschichtsschreiber Tacitus hatte den Germanen bescheinigt, das gastlichste Volk zu sein, das sich weit und breit antreffen lasse. Damit konnten die Nationalisten, die sich zu Anfang des 19. Jahrhunderts seiner Germania-Schrift bedienten, um den Mythos von einem deutschen Volk zu stiften, offenbar wenig anfangen. Und im historischen Rückblick nimmt sich die Beschreibung des Römers wie der groteskeste ethnografische Irrtum aus.

Ausgerechnet dieses Volk, das schließlich der Fiktion aufsaß, eines zu sein, lieferte sich der radikalsten Ungastlichkeit aus, die sich denken lässt: erst der rassistischen Diskriminierung, dann der Vertreibung und schließlich der seriellen Vernichtung möglichst aller, die ihm den scheinbar unerträglichen Spiegel seiner Selbst-Fremdheit vorgehalten hatten.

Als man sich hierzulande als ein Volk zu identifizieren anfing, war das der Anfang der größten und gewaltsamsten Selbstmissverständnisse. Dieses fiktive Volk hat sich in Dienst nehmen lassen für eine historisch beispiellose Gewalt, die bis 1945 nicht nur ganz Europa in Mitleidenschaft gezogen und es fast vollständig ruiniert hat. Zu den wichtigsten Konsequenzen, die man daraus gezogen hat, gehörte die Einsicht, dass ein als Gemeinschaft aufgefasstes Volk, eine "Volksgemeinschaft", nur eine totalitäre Fiktion sein kann, der man niemals mehr Glauben schenken sollte.

"Wir waren schon immer hier"

Unbedingt dazugehören, unbedingt aufgehen in einer politischen Gemeinschaft möchte niemand mehr − bis auf einige wenige, die offenbar nichts so sehr fürchten, wie ein individuelles eigenes Leben in Freiheit leben zu müssen. Endlich wollte man jeden, ob hier oder anderswo geboren, "ohne Angst anders" (Theodor W. Adorno) und sogar fremd sein und leben lassen.

Niemand sollte für seine soziale, geschichtliche, politische Zugehörigkeit und für seine rechtliche Mitgliedschaft in unserem Gemeinwesen den Preis seiner Andersheit und Fremdheit zahlen müssen. So waren wir, ohne dass wir es schon recht begriffen hatten, seit Langem auf dem Weg zu einer ihrem Sinn nach gastlichen Gesellschaft und dazu bereit, den ältesten und scheinbar ursprünglichsten Sinn menschlicher Kultur überhaupt wiederzuentdecken.

Aber dieser Weg war der schmerzhafteste, der sich denken lässt. Und er musste durch die Asche des identitären, nationalen und ethnischen Denkens führen. Nachdem man sich über ein Jahrhundert lang auf das angeblich unverwechselbar Eigene, die kollektive ethnische Identität und auf die vermeintlich so besondere Kultur und Geschichte eines bloß fiktiven Volkes konzentriert hatte, erntete man die Früchte der nationalistischen Selbstsucht in den Exzessen des nationalsozialistischen Rassismus.  

Brutale Technisierung

Dieser zog alle scheinbar unschuldigen Begriffe gleich mit in seinen Untergang hinein, mit deren Hilfe man im Zeichen einer vielfach brutalen Modernisierung, Technisierung und Temporalisierung der Lebensverhältnisse zu verstehen versucht hatte, wer man überhaupt ist. Von einem eigenen "Lebensraum" wagt man heute kaum mehr zu reden. Die Rede von "Lebensformen" dagegen geht längst wieder historisch unreflektiert durch − so als hätten wir gar keinen Grund mehr, die Begriffe, mit deren Hilfe wir uns geschichtlich, politisch und kulturell verstehen, radikaler historischer Infragestellung ausgesetzt zu sehen.

Wer wir waren, was wir sind und bleiben werden, allen historischen Anfechtungen zum Trotz: Diese Fragen sind zu einer Art Obsession geworden, die auch die Sozial- und Kulturwissenschaften bis heute überreichlich bedienen – als ob nichts wichtiger sei, als eine möglichst eindeutige und jederzeit gegen Anfechtungen einzusetzende Antwort auf die notorische Identitätsfrage in den Händen zu haben. Mögen sich die Lebensverhältnisse im Zeichen der virtuellen Technologien und eines ruinösen Finanzkapitalismus noch so nachhaltig, schnell und unabsehbar ändern: Hauptsache, die Identität, die man großzügig sich selbst zuschreibt, bleibt, was sie ist, und man gerät nicht immer aufs Neue ins Grübeln darüber, als wer man sich überhaupt verstehen soll.

Konnte dabei aber mehr herauskommen als jene groteske Tautologie, die Wilfried Schmickler so oft kabarettistisch aufs Korn genommen hat? "Wir sind wir und wir waren schon immer hier…" Konnte mehr herauskommen als die fragwürdige Behauptung eines Vorrechts, hier zu sein, eigenen Grund und Boden, der ursprünglich überhaupt niemandem gehört, nicht nur treuhänderisch zu bearbeiten und in gastlicher Art und Weise zu kultivieren, sondern auch exklusiv für sich, die Autochthonen und die Eingewurzelten, in Anspruch zu nehmen? 

Eine neuartige Gastlichkeit

Dabei ist kein Mensch ein Baum und weder ein Volk noch gar die Menschheit ein Wald, wie der jüdische Philosoph Emmanuel Levinas dazu bissig anmerkte. Einheimische mögen sich noch so sehr an die Vorstellung klammern, an Ort und Stelle "verwurzelt" zu sein − diese Metaphorik offenbart doch nur die intellektuelle Defensive, in die all jene früher oder später geraten, die sich imaginär dem Reich der Pflanzen anverwandeln müssen, um den Stürmen der Beschleunigung, der unaufhörlichen, wenn auch überflüssigen Innovation vom allem Möglichen, der Flüchtigkeit des von jeglicher Verantwortung entbundenen Kapitals und der allseits beklagten Erosion des Sozialen standhalten zu können.   

Hilft gegen all das wirklich nur die Versteifung auf eine möglichst feste, ortsgebundene und territorial klar abgegrenzte Identität, deren fiktiven Charakter man konsequent leugnet?

Dass es noch andere als diese längst ausgetretenen Wege der Identitätsrhetorik gibt, auf denen kein intellektuelles Gras mehr wächst, führt die neuartige Gastlichkeit vor Augen, mit der unser Land sich selbst überrascht. Es handelt sich nicht um die Neuauflage einer zum eigenen pekuniären Vorteil propagierten Gastlichkeit, die man anlässlich gewisser Sportgroßereignisse propagiert hat − immer vorausgesetzt, die Fremden gehen wieder, nachdem sie ihr Geld hier gelassen haben.           

Es handelt sich auch nicht um eine ungastliche Gastlichkeit, wie man sie seit den 1960er Jahren nur als Mittel missbrauchten Gastarbeitern entgegengebracht hat. Auch nicht um die ebenso fragwürdige Gastlichkeit, die man wiederum funktionalisierten neuen Reproduktionsgastarbeitern gegebenenfalls angedeihen lassen will, die durch ihre Kinder die hiesigen Rentenkassen auffüllen und den Mangel an Fachkräften ausgleichen helfen sollen. 

Das Gegenteil der das-Boot-ist-voll-Rhetorik

Es handelt sich vielmehr um eine ganz und gar von den uns zunächst fremden, aber vielleicht nicht ganz fremd bleibenden "anderen" her kommende, ihrem Anspruch antwortende Gastlichkeit, die sie nicht zuerst nach ihrem Namen fragt, sondern "herein" sagt, noch bevor sie weiß, worauf sie sich dabei einlässt. Darin ähnelt sie noch immer einem uralten Gesetz der Gastfreundschaft, das der französische Philosoph Jacques Derrida für "die Kultur selbst" gehalten hat.   

Unsere Kultur ist in ihrem ganzen Überfluss selbst überflüssig, wenn sie nicht genau dafür bürgt: Wer auch immer du bist, wir lassen dich herein und geben dir eine Bleibe, wenigstens bis auf Weiteres − in der Erwartung, in der Hoffnung und im Vertrauen darauf, dass du unsere Gastlichkeit nicht missbrauchen wirst und dass du uns helfen wirst, sie davor zu bewahren, sich durch ihre absolute Überforderung zugrunde zu richten. Das ist das genaue Gegenteil der sattsam bekannten das-Boot-ist-voll-Rhetorik.   

Zwar wird nur die Beschränkung der Gastlichkeit sie vor ihrem eigenen Ruin retten können. Aber − und genau das vergisst man regelmäßig hinzuzufügen − nur ihre primäre Aufgeschlossenheit für jeden anderen als Fremden rettet sie auch davor, sich auf eine Art Willkommenskultur zu reduzieren, über die man zum eigenen ökonomischen oder symbolischen Vorteil glaubt, souverän verfügen zu können.  

Eine historisch einzigartige Chance

Wer nur im Sinn hat, im Bild einer solchen Kultur sich selbst zu gefallen, hat von der Gastlichkeit nichts begriffen, sondern betreibt in Wahrheit deren Liquidierung. Die Gastlichkeit gehört niemandem, auch und gerade denen nicht, die sie auf ihre Fahnen schreiben, um gegebenenfalls wenigstens so zu definieren, wer sie sind oder sein möchten. Genau das führen alle jene öffentlich vor Augen, die die Gastlichkeit wirklich praktizieren: den Verzicht auf ihre identitäre Aneignung. Im Geist dieses Verzichts finden sie sich zusammen zu solidarischem Tun.

Bei uns gelten allerdings keine unverbrüchlichen "Gesetze der Gastfreundschaft" (Pierre Klossowski) mehr, wie man sie noch in angeblich rückständigen Ländern und Kulturen antreffen mag. Man denke nur an Ismail Kadarés albanischen Roman Der zerrissene April. Wir verfügen über keine landesweit einheitlichen Sitten dieser Art, über keine einheitliche Religiosität, die allen Gastlichkeit gebieten könnte, oder über eine Hegelsche Sittlichkeit mehr. Ein für allemal vorbei scheinen die Zeiten, in denen Gesetze, konventionelle Regeln oder sittliche Normen ein ganzes Volk im Griff haben konnten, um ihm vorzuschreiben, was angesichts des Nachbarn, des Nächsten, des Angehörigen, des Zugehörigen, des Mitbürgers oder des Fremden zu tun sei. 

Aufblühende Anarchie

Statt nun aber in beliebte Klagen über den Verlust des normativ Gebotenen einzustimmen, nach dem dem nicht existierenden Volk nur eine jämmerliche Degeneration bevorstehen könnte, sollte man hinschauen und den Chancen dieser wunderbaren, vor unseren Augen aufblühenden Anarchie wenigstens einige Augenblicke staunen machender Aufmerksamkeit schenken: dieser Anarchie einer nirgends vorgeschriebenen, nicht nach Regeln und Konventionen gewährten Gastlichkeit, die nicht nach eigenen Vorteilen fragt, aus denen sie Kapital schlagen könnte, sondern stattdessen großzügig und spontan erfolgt, ohne einer Führung zu bedürfen, und die umsichtig und klug organisiert wird, ohne zu vergessen, dass sie sich auf Dauer nur in einer Politik des langen Atems bewähren kann.  

Diese Politik darf weder den weiterhin anhaltenden alltäglichen Rassismus im eigenen Land verkennen, von dem jeder "anders" aussehende Bewerber um einen Arbeitsplatz oder um eine Wohnung ein Lied singen kann; noch darf sie in ihrer überbordenden Spontaneität und praktischen Fantasie vergessen, wo die politisch-ökonomischen Ursachen für eine exzessiv um sich greifende Ungastlichkeit liegen, die nicht nur einzelne failed states, sondern ganze Regionen wie im Nahen und Mittleren Osten, auf dem afrikanischen Kontinent und an verschiedenen Rändern Europas auf Dauer unbewohnbar zu machen droht.

Nicht einzusehen ist, dass die derzeit endlich sichtbar werdende, aber längst vorhandene Gastlichkeit in diesem Land politisch naiv sein muss und dass sie von einer Überforderung früher oder später erstickt werden muss, in die sie sehenden Auges hineinläuft. Gastlichkeit gibt es nur als überforderte. Wer ihr von vornherein Grenzen setzen will, bringt sie unweigerlich um ihren Sinn. Doch bleibt sie elementar auf ein kluges Management angewiesen, um sich auf Dauer behaupten zu können. 

Reichtum – ein sozialer Begriff

Genau darin liegt auch für dieses − unser − Land eine historisch einzigartige Chance: Nicht etwa die Chance, sich in den Augen der Nachbarn und der Welt gut darzustellen, was doch nur wieder auf einen nationalen Narzissmus hinausliefe, sondern das historische Trauma der unbewältigten, millionenfachen Flüchtlingserfahrung, die diesem Land unerkannt noch immer in den Knochen steckt, endlich durch eine Gastlichkeit ins Positive zu wenden, die wir anderen entgegenbringen − anderen, die uns durch sie gewissermaßen uns selbst zurückgeben: als ihnen Antwortende.

Vielleicht befreien wir uns so auch vom Bann eines unser Wohlergehen längst lähmenden, ziellosen Reichtums, auf den man sich nach der Londoner Entschuldungskonferenz des Jahres 1953, nach dem Marshallplan und dem sogenannten Wirtschaftswunder verlegt hat, um sich für den verlorenen Krieg zu entschädigen. Das Kriegsende markiert in der Tat weniger eine Niederlage (das allenfalls in einem militärischen Sinne), sondern vielmehr den Anfang eines Weges in die Befreiung. Aber nicht im Sinne der Befreiung zu schamlosem und asozialem Reichtum, den man durch ein positives Selbstbild bemäntelt, sondern im Sinne der Freiheit, weltweit anderen, die auf eine Bleibe angewiesen sind, zu antworten.

Reichtum, das ist heute ein sozialer Begriff. Dieser lässt sich aber nicht denken ohne all jene, deren fortdauerndes Elend unseren Wohlstand verderben muss. Vielleicht ist die Zeit nicht mehr fern, in der sich die vielen, die sich jetzt für gastliche Lebensbedingungen Fremder einsetzen, nicht mehr mit der Anarchie ihres freiwilligen Engagements begnügen werden, sondern Forderungen an die politischen Adressen derer zu stellen beginnen, die dafür verantwortlich sind, dass eine ungeheure, täglich weiter zunehmende Menge von mehr als 60 Millionen Menschen keine Bleibe mehr findet. Eine politische Kultur, die sich mit weltweit ungastlichen Lebensbedingungen abfinden würde, verdiente ihren Namen nicht. Ihr Reichtum wäre nur die sichtbarste Manifestation ihrer grenzenlosen sozialen Armut.