Die eigentliche Zumutung in der öffentlichen Debatte über Immigranten und Flüchtlinge in Deutschland besteht darin, ertragen zu müssen, dass viele Sätze unwidersprochen bleiben. Sätze, die wie Giftpfeile abgeschossen werden und steckenbleiben. Sätze, die unwidersprochen in einer Talkshow übergangen werden. Sätze, die durch ständige Wiederholung eine Tatsächlichkeit vorgeben, die mit der tatsächlichen Lage aber nichts zu tun haben.

Jeder kennt diese Sätze und Formulierungen. Die "Unvereinbarkeit von Demokratie und Islam", ist so eine. Ist die Geschichte der Demokratie nicht der permanente Versuch der Emanzipation von Monarchie und Religion?

Das beste Beispiel für die Verwebung einer Religionsgemeinschaft in ihre staatlichen Organe ist die Bundesrepublik selbst. Sie ist ein Bilderbuchbeispiel für die maximale Vereinbarkeit von Christentum und Demokratie. Bis auf einen beziehen sich sämtliche staatliche Feiertage auf Ereignisse aus der Bibel. Die Kirchen sind im Rundfunkbeirat, in der Ethikkommission und überall dort, wo Staat und Öffentlichkeit gemacht werden. Soll also der Islam ebenfalls mit der Demokratie vereint werden und kann es nicht? Oder sollen die Muslime auf ihre Religion verzichten, damit sie bessere Staatsbürger werden?

Oder die "kolossal gescheiterte Integration, nicht aller, aber einiger weniger Muslime in Deutschland". Wie genau sieht eine gescheiterte und wie eine erfolgreiche Integration aus? Befinden sich Muslime per se außerhalb der Gesellschaft, weshalb sie eine besondere Form der Eingliederungsmaßnahme durchlaufen müssen? Sind mit Muslimen wirklich Muslime gemeint? Ist es soziologisch möglich, dass sich einzelne Gruppen in einer ansonsten vorgeblich intakt funktionierenden Gesellschaft wie Störfaktoren benehmen, weil sie nicht in die Kirche gehen? Ist es theoretisch möglich, dass tatsächliche Diskriminierung als fehlende Integrationsfähigkeit umgedeutet werden kann, so lange, bis alle es glauben?

Der Zuzug von Millionen türkischen Gastarbeitern nach Deutschland ermöglichte diesem Land die Integration zurück in die Weltwirtschaft und half, Handelsbeziehungen in die Märkte der Welt zu knüpfen. Die Arbeitskraft der türkischen Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen in der Bergbau-, Chemie- Automobilindustrie, im Straßenbau, in der Pharma- und Kosmetikindustrie und allen anderen Bereichen war abhängig von der Intensität ihres Glaubens an die kolossal integrative Kraft des Kapitalismus.

"Die Kapazität bei der Aufnahme der Flüchtlinge ist erreicht. Wir müssen ein zweites Hoyerswerda/Tröglitz/Heidenau verhindern", ist ein solcher Satz. Wenn Immigranten und ihre nachfolgenden Generationen sowie Flüchtlinge daran schuld sind, dass die Bevölkerung angesichts ihrer Anwesenheit rassistisch wird, müsste man in der Logik dieses Argumentes nicht zügig alle Juden vor Antisemiten warnen und nach Israel schicken, um ein "zweites Auschwitz zu verhindern"?

Lust auf noch einen Satz?

"Wir dürfen nicht durch finanzielle Anreize, Stichwort Taschengeld, Flüchtlinge zu uns locken."

Der größte Anreiz eines Vaters oder einer Mutter ihren minderjährigen Sohn in der Nacht zu verabschieden, um ihn auf einem Boot oder zu Fuß über Ozeane und Kontinente wandern zu lassen, ist die Trauer über den Verlust durch Bomben getöteter Kinder. Der größte Anreiz eines Mannes oder einer Frau, einen Säugling in ein Tuch zu schlagen und loszulaufen, ist der Geruch einer Fassbombe in der Nase, das zerstörte Haus, die Schmerzen in einem Foltergefängnis. Der größte Anreiz eines Menschen, sein Haus zu verlassen oder seine Stadt oder sein Dorf, ist die Tatsache, dass er in einer Hölle lebt, die einmal Syrien hieß und ein Land war.

Diese Woche bei der Fernsehsendung von Hart aber Fair in der ARD gab es wieder eine neue Ladung an solchen Sätzen. Debattiert wurde über Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen. Pardon: kamen. Es ging auch um die Grenzen.

Die Sätze wurden einer nach dem anderen von Markus Söder abgefeuert. Er bekam alle Zeit der Welt, seine Thesen gleichsam wie auf einer Steintafel gemeißelt unwiderlegt und unwidersprochen vom Himmel herunterpoltern zu lassen.

 Eine Auswahl:

"Das eigentlich Menschenverachtende ist, das Recht auszuhebeln und die Hoffnung der Menschen zu missbrauchen."

Die Kritik gilt nicht der Bundesregierung und ihrem Entschluss die Grenzen dicht zu machen, sondern den Schleppern und Schleusern. Wären Sie eine alleinstehende Frau, würden Sie wirklich ohne Schleuser und Schlepper und Navigationsgerät loslaufen? Sind Schlepper wirklich menschenverachtend? Menschverachtender als andere Geschäftemacher? Menschenverachtender als unsere deutsche Waffenwirtschaft? Menschenverachtender als die europäischen Staaten, die Flüchtlinge auf Gleisbetten zusammenprügeln und mit Nahrung beschmeißen, als fütterten sie wilde Tiere im Gehege? Menschenverachtender als wohlsituierte Bürger, die Pogrome vor Asylunterkünften veranstalten und anzünden?

"Wir müssen die Sorgen der Bürger ernst nehmen und ein klares Zeichen gegen Rechtsextremismus zeigen."

Gemeint waren nicht die Sorgen der Flüchtlinge und Migranten vor Rechtsextremen, sondern die Sorgen der rechtsextremen Bürger.

"Die Flüchtlinge werden die politische und kulturelle Statik des Landes fundamental verändern."

Ist Politik und Kultur, wenn man von der politischen Kultur der CSU absieht, eine statische Größe?

"Wir müssen die Grenzen schützen. Wegen der Kriminalität."

Gilt dieses Argument erst, seit Flüchtlinge kommen? Ist die Sicherheit im Schengenraum durch Flüchtlinge ernsthaft bedroht? Mehr als durch die Mitglieder des Schengenraums selbst? Zahlen? Belege?

"Und sind wir mal ganz ehrlich. Der Großteil der Menschen kommt aus einer anderen Welt und Wertekreis. Das Verhältnis von Mann und Frau ist anders."

Das stimmt. Und trotzdem darf Bayern zu Deutschland gehören. Markus Söder meinte wohl aber andere Menschen und andere Welten und andere Wertekreise. Menschen von fernen Galaxien, die, wenn es passt, auf die Geschlechtergerechtigkeit und Menschenrechte pfeifen. Gerhard Schröder, Tony Blair, Silvio Berlusconi, François Mitterand und viele andere, die beispielsweise in Gaddafis Zelt saßen und Tee tranken. Ist auch nicht lange her, dass Kanzlerin Merkel mit einer deutschen Wirtschaftsdelegation in Ungarn war. Sie hätte auch Menschenrechtsaktivisten mitnehmen können. Die Frage, was unsere Werte sind, hat sich damit womöglich beantwortet.

"Die Toleranz dieser Menschen gegenüber Religion ist eine andere. Es nützt nichts, dass wir in unsere Kirche gehen und begeistert sind. Wir müssen auch die Akzeptanz finden, dass wir das weiterhin dürfen."

Gibt es einen einzigen dokumentierten Fall in Deutschland, wo ein Flüchtling einem Christen in Deutschland an seinem Kirchgang behindert hat?

Es sind nur Sätze, mag man vielleicht denken. Aber der Weg von den selbsternannten besorgten Bürgern, die sich vor einer Islamisierung – was immer das sein mag – fürchten und diesen Sätzen, die immer und immer wieder gesagt werden, ist kurz. Die Sätze sind wie eine Lawine. Irgendwann liegt man wie ermattet darunter begraben.