ZEIT ONLINE: Frau Benhabib, die Flüchtlingskrise zeigt uns, wie verletzlich Europa ist. Deutschland verspricht, 800.000 Menschen aufzunehmen, andere Länder heißen nur Christen willkommen und wollen keine Muslime, wieder andere mobilisieren das Militär, Wasserwerfer und Rauchbomben gegen die Flüchtlinge oder kappen den Zugverkehr ins Nachbarland. Was bleibt von unserem Traum eines geeinten Europa? Eine Fratze?

Benhabib: Es ist durchaus ironisch, dass ein Sommer, der mit der ökonomischen Griechenland-Krise beginnt, mit der Flüchtlingskatastrophe endet. Es bringt Europa an einen Zerreißpunkt. Wenn die deutsche Regierung sagt, dass sie bereit ist, Flüchtlinge aufzunehmen – inwieweit wäre das auch eine europäische Antwort auf die Situation? Und jetzt sagt Jean-Claude Juncker, Europa müsse 160.000 Flüchtlinge verteilen? Wer macht mit? Wie bei der griechischen Krise zeigt sich, dass in der rechtlichen Konstruktion der Europäischen Union sehr viele Widersprüche bestehen. Die Widersprüche liegen darin, dass die inneren Grenzen offen sind, die Außengrenzen aber nicht gemeinsam geregelt werden, weil Europa kein föderaler Staat ist.

ZEIT ONLINE: Was wäre denn dieses Europa?

Benhabib: Ich weiß nicht, wie genau man es bezeichnen soll – eine postkonventionelle föderative Vereinigung? Niemand weiß es. In der Hinsicht sind die Grenzen von Europa keine normalen Grenzen. Sollten sie wie Grenzen eines Nationalstaates sein? Militarisiert? Das hat Ungarn gemacht, Ungarn hat wie ein normaler Nationalstaat reagiert, die konservative Regierung hat einen Zaun errichtet. Italien und Frankreich grenzen an das Mittelmeer, sie könnten das gar nicht.

ZEIT ONLINE: Die Côte d'Azur mit Stacheldraht wäre tatsächlich sehr gewöhnungsbedürftig. Allerdings haben auch die Vereinigten Staaten von Amerika im Süden einen Zaun. Tatsache ist, an den Zäunen eskalieren vielleicht die Probleme, aber Zäune halten die Menschen letztlich nicht auf.

Benhabib: Im Zaunbau manifestiert sich staatliche Schwäche. Es gibt eine Redewendung: "Bau einen Zaun, der drei Meter hoch ist, der Migrant wird eine Leiter finden, die fünf Meter hoch ist."

ZEIT ONLINE: Sie waren stets eine Anwältin der Papierlosen, von Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen und jetzt zu Hunderttausenden nach Europa kommen. "Wir müssen die Welt mit anderen teilen", haben Sie gesagt. Was genau heißt – teilen?

Seyla Benhabib: Es gibt darauf eine moralische Antwort und eine rechtliche. Von einem moralischen Standpunkt aus gibt es keine vertretbare Unterscheidung zwischen den Rechten eines Menschen, der auf einem Gebiet geboren ist, und den Rechten eines anderen, der auf der anderen Seite des Flusses geboren wurde. Hinsichtlich ihrer Lebenschancen wäre eine Differenzierung moralisch willkürlich – so lehrt uns die Moraltheorie seit den Anfängen der Antike. Neu ist, dass diese moralischen Prinzipien nach dem Zweiten Weltkrieg im Internationalen Recht verankert wurden. Wir haben die Flüchtlingskonvention von 1951, und daraus ergibt sich eine internationale Pflicht, zunächst für Länder, die diese Konvention unterzeichnet haben, Asylsuchende aufzunehmen, wenn anzunehmen ist, dass er oder sie im eigenen Land verfolgt wird. In der Flüchtlingskonvention heißt es: "a well grounded fear of persecution" – eine begründete Furcht vor Verfolgung. Diese Formel wurde unter den Bedingungen des Kalten Krieges für politische Flüchtlinge erdacht. Jetzt sind wir mit Situationen konfrontiert, wo "a well grounded fear of persecution" auf Bürgerkriege oder Umweltkatastrophen ausgedehnt werden müsste. Die Frage steht im Raum, ob die bestehende Flüchtlingskonvention ausreicht, um mit diesem Problem umzugehen.

ZEIT ONLINE: Das Wort persecution war vielleicht schon vor 50 Jahren falsch. Man hatte wohl vergessen, dass etwa 100 Jahre zuvor in Irland eine Million Menschen verhungert war, als Folge der Kartoffelpest, und eine Million vor dem Tod floh – Wirtschaftsflüchtlinge würde man sie heute nennen.

Benhabib: Ja, wir brauchen dieses geschichtliche Verständnis. Wir müssen unseren Blick anthropologisch ausrichten und begreifen: Homo sapiens bewegt sich. Er hat sich immer bewegt. Die Unterscheidung zwischen Asylsuchenden auf der einen Seite und ökonomischen Migranten auf der anderen Seite ist sinnlos. Aber wenn wir an dieser Unterscheidung rütteln, wissen die Menschen und die staatlichen Behörden nicht mehr, wie es weitergeht. Die Konvention muss neu gedacht werden. Konkret müsste in diesem Moment erst mal das Asylprüfverfahren kürzer, rationeller und homogener gestaltet werden. Die Prüfung eines Antrages darf nicht zwei bis fünf Jahre dauern.

ZEIT ONLINE: Tatsache ist, dass viele Migranten auf unsere Rechtslage pfeifen: Sie überspringen an Grenzen die rasiermesserscharfen Zäune; sie weigern sich, sich in Ländern registrieren zu lassen, in denen sie nicht bleiben wollen; sie möchten selbst bestimmen, wohin sie gehen und wo sie leben. Wie wirkt das auf Sie, die Kritikerin der Rechtslage? Erfüllt es Sie mit Genugtuung? Mit Sorge?

Benhabib: Es ist unvermeidbar in einer Welt, die so klein geworden ist. Man kann in Syrien sitzen und im Fernseher Bilder aus Italien oder Frankreich verfolgen – die Menschen dulden nicht mehr, dass auf der einen Seite Krieg ist und auf der anderen Seite das gute Leben besteht. Da entsteht in den Menschen so eine Wut. Eine Wut darüber, dass es so ist, und ein Bedürfnis, diese Lage zu ändern. Dazu kommt unsere geschichtliche Erfahrung. Mich berührt es sehr, wenn Flüchtlinge in Tschechien und Ungarn sich weigern, in Lager zu gehen. Sie weigern sich nicht nur, weil es sie hindert, schnell nach Deutschland zu kommen, sondern weil sie aus der historischen Erfahrung das Lager als gefährlich kennen.

ZEIT ONLINE: Bilder von Hunden, die Menschen jagen. Bilder von Menschen, die in Züge gepfercht werden. Bilder von Menschen, die hinter Stacheldraht stehen – es fällt schwer, angesichts dieser, auch historisch aufgeladenen, Bilder die Fassung zu bewahren.

Benhabib: Ich habe es in der Türkei mit eigenen Augen gesehen. Die Türkei hat 2,5 Millionen Flüchtlinge aufgenommen. Ungefähr 1,5 Millionen von ihnen befinden sich in Lagern im Süden der Türkei. Und eine Million weigert sich, in Lager zu gehen. Die Situation in Istanbul, Izmir oder Ankara ist aber viel schlimmer als die Situation in solchen Lagern, wo die Menschen wenigstens kleine Wohnungen haben und zu essen bekommen, sogar ein wenig Handel treiben können. Warum weigern sich die Menschen also? Weil sie Lager mit äußerster Verletzlichkeit verbinden. Auf diese Angst müssen wir eingehen.