Im März vergangenen Jahres, lange bevor ein irisches Referendum und eine US-amerikanische Supreme-Court-Entscheidung die Debatte um die Ehe für alle auch hierzulande beförderte, griffen Tobias Hürter und Thomas Vašek die Diskussion über den Status Homosexueller in unserer Gesellschaft auf. Die Redakteure der Hamburger Philosophie-Zeitschrift Hohe Luft, fragten sich, was Homosexuelle legitim fordern könnten und an welchen Stellen sie sich "auch Kritik gefallen lassen" müssten. Die Antwort der Autoren fiel eindeutig aus: "Lebensformen darf man kritisieren".

Sabine Hark ist Soziolog_in und Professor_in für Geschlechterforschung an der TU Berlin. Sie bloggt unter blog.feministische-studien.de. Sie ist Gastautor_in von "10 nach 8". © privat

Hürter und Vašek beriefen sich auf Rahel Jaeggis viel diskutiertes Buch Kritik von Lebensformen (2014). Deren zentrale These lautet, dass über sämtliche kulturell geprägten Formen menschlichen Zusammenlebens mit Gründen gestritten werden müsse. Eben weil sie von "öffentlicher Relevanz" seien. Da dies auch auf Homosexuelle zutrifft, folgerten Hürter und Vašek, hätten auch sie keinen Anspruch darauf, dass ihre Lebensform von Kritik verschont bleibe. Wollten Homosexuelle Anerkennung, müssten sie im Gegenzug akzeptieren, dass ihre Lebensform Gegenstand von Kritik wird. Schließlich stellten sie auch Forderungen an den Staat. Welche Lebensformen ein Staat fördert und welche nicht, gehe alle an und müsse diskutiert werden. Zumal es einen Unterschied zwischen Kritik und Diskriminierung gebe, der darin bestehe, dass kritisieren "ernst nehmen" bedeute.

Nun kann man Hürter und Vašek nur zustimmen, dass Lebensformen – und zwar alle – aus guten Gründen kritisierbar sind, ja kritisierbar sein müssen. Dies schließt auch jene bisher mit dem Siegel der Privatheit oder der Natürlichkeit versehenen Lebensformen der Heterosexuellen ein. Erst recht ist ihnen zuzustimmen, dass es eine öffentliche Debatte braucht, ob, und wenn ja, welche Lebensformen der Staat fördert und welche nicht. Dass hier freilich das Recht, auch homosexuelle Lebensformen kritisieren zu dürfen, zu einem Zeitpunkt eingeklagt wird, zu dem auch Lesben und Schwule mehr als nur Toleranz einfordern und offensiv die Frage stellen, ob auch ihre Leben und Bindungen zählen, ist irritierend. Schon allein deshalb, weil homosexuelle Lebensformen historisch gesehen immer geprägt waren von Unterdrückung, Diskriminierung und davon, dass sie vom Staat eher behindert als gefördert wurden. Zudem waren Lesben und Schwule selbst weitgehend ausgeschlossen vom öffentlichen Diskurs über ihre eigene Lebensform.

Es ist also mitnichten so, wie Hürter und Vašek nahelegen, dass Homosexuelle dann in der Gesellschaft angekommen sind, wenn über ihre Lebensformen auch kritisch diskutiert wird. Denn das tun moderne Gesellschaften seit der "Erfindung" von Homosexualität als eigenständiger, allerdings verfemter Existenzweise ja ohnehin schon – und hier ist auch die schwache Unterscheidung der Autoren zwischen Kritik und Diskriminierung alles andere als hilfreich.

Zwar haben Homosexualität_en jetzt temporär einen selbst definierten Platz im  Deutschen Historischen Museum gefunden, und weltweit garantieren immer mehr Staaten auch Lesben und Schwulen, Trans- und Intersexuellen alle Bürgerrechte, zuletzt öffneten Mexiko und Grönland die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. Wer sich ein Bild davon machen will, wie wenig Oscar Wildes berühmter Satz von "der Liebe, die ihren Namen nicht zu nennen wagt", Geschichte ist, der schaue sich etwa die arte-Dokumentation Gleiche Liebe, falsche Liebe?!?  oder die jüngst von Yahoo-News veröffentlichte Dokumentation Uniquely Nasty: The U.S. Government’s War on Gays  an.