Frank-Walter Steinmeier ist heiß. Auf dem Bildschirm sehe ich, wie ihm die Schweißperlen im Gesicht stehen. Ich weiß genau, wie er sich fühlt. Die Hitze in Havanna ist unerträglich, man kann ihr nicht entkommen. Drinnen oder draußen, in der Sonne oder im Schatten – sogar das Wasser im Karibischen Meer ist warm wie in der Badewanne. Kuba steckt mitten in einem Veränderungsprozess, deshalb war Steinmeier gekommen, als erster deutscher Außenminister überhaupt. Auch ich bin zum ersten Mal hier, und ich kann spüren, wie etwas in der Luft liegt, ein angespanntes Flirren, das Gefühl, dass Alt und Neu noch nicht ganz zueinander passen.   

Jana-Maria Hartmannn, geboren 1981, arbeitet als freie Lektorin und Übersetzerin und pendelt zwischen Berlin und Chicago. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Es kommt mir vor, als wäre in Havanna die Zeit stehen geblieben. Als hätte man diese Insel einfach vergessen, völlig isoliert vom Rest der Welt. Die Stadt übt einen wunderschönen tragischen Reiz auf mich aus, sympathisch wie eine alte Dame, die seit sechzig Jahren denselben Perlenschmuck trägt, mit verschmiertem Make-up und ranzigem Parfum. Seit Jahrzehnten wurde hier kaum etwas gebaut, Wohnraum ist so knapp, dass die meisten sich mit ihrer ganzen Familie in kleinste Wohnungen drängen. Kaum ein Haus, das nicht verkommen ist. Internet gibt es nur für einen Bruchteil der Bevölkerung – obwohl die Regierung jetzt öffentliche Hotspots angekündigt hat. Und selbst die Prepaid-Karten, mit denen Touristen das WLAN in Hotels nutzen können, sind immer wieder ausverkauft. Auch Supermärkte gibt es nur in großen Hotels, und die paar Nahrungsmittel, die man dort bekommt – H-Milch, Nudeln, die aus Chile importiert werden, Wasser – bleiben für Kubaner völlig unerschwinglich. Das Durchschnittsgehalt liegt hier bei 23 Dollar im Monat. Trotz Preisbindung für Nahrungsmittel und Miete reicht das den wenigsten.  

Andererseits, woher kommen die ganzen Smartphones? Und die Nike-Turnschuhe? Und das Disney-Spielzeug? Wie ein Virus haben sich diese Produkte überall ausgebreitet. Ich bin verwirrt. Ich kann in der ganzen Stadt keinen Laden finden, in dem man so etwas kaufen kann. Ich beschließe, meine Spanischlehrerin María danach zu fragen. Sie hat ein iPhone. "Ach das", winkt sie ab. "Ist nicht schwer zu kriegen. Das ist das alte Handy von einer Freundin in Miami. Die kaufen dort doch immer die neueste Technik, und dann schickt sie mir ihre gebrauchten Geräte." Es ist ein iPhone 5, und es sieht aus, als hätte es noch niemand benutzt.

Ein ziemlich ordentlicher Slum

Jeden Tag gehe ich zu Fuß zu María, um zwei Stunden lang Spanisch mit ihr zu sprechen. Ihre Wohnung liegt in einem besonders verwahrlosten Teil von Havanna. Es gibt zwar mittlerweile ein paar Gegenden im Zentrum, die aufpoliert sind für Touristen, aber hier sieht es aus wie im Slum. Ein Slum, der überraschend sicher wirkt. Ein Slum mit Häusern ohne Fensterscheiben, aber alle Kinder sind ordentlich angezogen und haben etwas zu essen. María hat kleine Schüsseln in ihrem Wohnzimmer aufgestellt, in denen sie das Wasser auffängt, das von der Decke tropft. Sie teilt sich eine Dreißig-Quadratmeter-Wohnung mit ihren beiden erwachsenen Söhnen. Sie arbeitet als Professorin an der Universität von Havanna, und deshalb darf sie eigentlich keinen Privatunterricht geben. Aber damit verdient sie sechs Dollar pro Stunde, an der Uni bekommt sie ein Monatsgehalt von 23 Euro, wie fast jeder hier.  

Wir brauchten eine Weile, um miteinander warm zu werden, aber mittlerweile verstehen wir uns ganz gut. Kubaner sind gnadenlos ehrlich. Ein paar Tage, nachdem ich ihr erzählt hatte, dass mein Freund Jorge halb Peruaner, halb Amerikaner ist, sagte sie zu mir: "Zuerst dachte ich, das kann unmöglich funktionieren – diese Frau mit einem Peruaner. Mittlerweile kann ich es mir schon vorstellen." Ich habe nie herausgefunden, was genau sie damit meinte. Aber ich vermute, dass es mit meinem Deutschsein zu tun hat, mit dem leicht verkrampften Verhalten, das ich an den Tag lege, wenn ich jemand Neues kennenlerne. Vielleicht hat sie aber auch einfach in der Zwischenzeit einen Peruaner kennengelernt, der genauso einen Stock im Hintern hat, wer weiß? Nach einer Weile fing ich an, ihre Offenheit zu schätzen. Es war, als ob sie mit ihren schnodderigen Kommentaren, mit ihrer schlecht gelaunten Art und ihrem sarkastischen Lächeln das Gefühl von Abhängigkeit abstreifte, die Scham, illegal arbeiten zu müssen, um über die Runden zu kommen, und dafür Geld von einer verspannten blondhaarigen Deutschen anzunehmen.  

Tourismus ist für viele Kubaner die einzige Einnahmequelle. Seit Raúl in den letzten Jahren vorsichtig die Bedingungen für private Unternehmer gelockert hat, kann man jetzt die Zulassung für ein Restaurant beantragen, ein nagelneues Taxi fahren, oder seine Wohnung über Airbnb vermieten. Wenn man keinerlei Zulassung hat, kann man immer noch alte Zigarren auf der Straße verkaufen, Touristen im Cadillac herumfahren oder ihnen Sex anbieten. In jedem Reiseführer steht, wo die Bars und Hotels sind, in denen man ungewöhnliche Paare sehen kann – das heißt, ein blasser Herr mit Haarausfall und eine junge schwarze Frau. Den Jackpot hat man geknackt, wenn man ein junger Kubaner ist und mit einer Gringa oder einer Europäerin ausgeht.