"How can you really tell culture if you don't include all the voices? Otherwise it's just the history & story of power." (Guerrilla Girls)

Es ist jeden Sommer das Gleiche: In der Festivalsaison stürmt eine Horde weißer, männlicher Musiker jeglichen Alters die Bühnen der Republik – im Headlinerbereich auch "Rockstars" genannt. Vom feinsinnig schmucken Liebhaberfestival à la Müssen alle mit in Stade über den mittelgroßen Indieklassiker Melt in Gräfenhainichen bis hin zum Branchenriesen Rock am Ring: Die Männer stehen auf der Bühne, die Frauen davor. Sehr originell, das. Natürlich werben die Festivals auch mit Bildern von ekstatischen weiblichen Fans; die werden am liebsten mit offenen Mündern gezeigt. Auf den Stagefotos hingegen: die männlichen Stars bei der Arbeit, sprich, beim Abrocken und Geldverdienen.

Es ist so, als ob sich seit den 1960er Jahren nichts getan hätte in der (Mainstream-)Rockkultur: Frauen sind nur Teil des kommerziellen Spiels, in dem sie Bewunderung bezeugen und Konzerttickets kaufen. Eine angemessene Repräsentation auf der Bühne bleibt ihnen verwehrt. Selbiges gilt auch in der Elektronischen Musik. Female:Pressure, das internationale Netzwerk für Künstlerinnen im Electro-Bereich, hat mal nachgerechnet, dass auf deutschen Festivals auch der Anteil von weiblichen DJs gering ist und bei insgesamt gottverdammten 10,3 Prozent liegt. Im Bereich Rockfestivals liegt die Männerquote im Schnitt bei 92 Prozent.

Nun fand am vergangenen Wochenende in Berlin  zum ersten Mal das legendäre amerikanische Alternative-Festival Lollapalooza statt. Teil dieser Marke ist es, sich der Vielfalt zu rühmen. Oder um es mit den größenwahnsinnigen Worten der Festivaldarstellung zu sagen: nicht weniger als das "Woodstock des neuen Jahrtausends" werden zu wollen. Mit revolutionärer Pose, veganem Essen und Kinderbetreuung sich abgrenzen von den Schwitzfestivals der alten Garde. Schön! Wenn da nur dieses Line-Up nicht gewesen wäre: Mit unter sieben Prozent weißen Musikerinnen und einer schwarzen Sängerin lag Lollapalooza sogar noch unter dem obligatorischen Festival-Durchschnitt. Wie eine Persiflage auf einen reaktionär gewordenen Mainstream mutete das an. Auf Verhältnisse, die zu überwinden der eigentliche Spaß für die gesamte Patchworkfamilie hätte sein müssen. Mit Woodstock hat Lollapalooza also allenfalls die drei O im Namen gemeinsam.

Kerstin Grether ist Schriftstellerin (u.a. "Zuckerbabys"), Sängerin und (Popkultur-)Journalistin. Sie schreibt seit ihrer Jugend für "Spex" und gilt als eine der Erfinderinnen des Popfeminismus in Deutschland. Sie ist Sängerin und Songschreiberin bei der Chansonrock-Band Doctorella, deren zweites Album "Ich will alles von dir wissen" im Winter 2016 erschien. Kerstin Grether ist Gastautorin von "10 nach 8".

Die Unterrepräsentation von Musikerinnen auf Festivals sorgt seit Anfang des Jahres zunehmend für Irritation in den Medien. Kein Wunder also, dass das zu 93,87 Prozent männerbesetzte Lollapallooza (mit gerade mal 5,39 Prozent schwarzen Männern) nun von der Berliner Presse heftig kritisiert wurde.  Jens Uthoff etwa fragte in der taz: "Ist das deutsche Lollapalooza wirklich so grell, bunt und divers wie es zu sein vorgibt?" Und Nadine Lange kritisierte im Tagesspiegel schon im Vorfeld die Dominanz weißer Männlichkeit: "Das lässt dieses als Alternative-Rock-Festival gestartete Event ziemlich altbacken wirken." Ja, nicht nur  in diesen Tagen versteht man in Berlin unter "Vielfalt" eben etwas anderes als die Überwindung der Grenzen zwischen Garage-Rock und Dance. "Ich identifiziere mich" bedeutet ja in unserer Alltagssprache immer häufiger "ich empfinde mit". Ich für meinen Teil möchte nicht in einer Gesellschaft leben, die eine Mainstream- und Subkultur zelebriert, in der sich immer nur der weiße, heteronormative Mann zum Medium macht, durch das eine_r  mitempfinden darf.

All diese hiesigen Festivals in all diesen Jahren beweisen einmal mehr, dass der Rockstandard heutzutage tendenziell reaktionär ist, so wie er früher potenziell revolutionär war. Man darf nicht vergessen: Es sind ja unsichtbare Macht- und Verteilungskämpfe, die hier gewonnen wurden. Das Geld in der Branche wird hauptsächlich mit Liveauftritten verdient. Ja, aus revoluzzenden Wohlstandskindern werden in den neoliberalen Verhältnissen des Musikgeschäfts schnell mal reaktionäre Wohlstandskinder, wenn sie sich ihrer Privilegien nicht bewusst sind.