So handelte es sich bei den Musikerinnen im Lollapalooza-Line-Up fast "nur" um Instrumentalistinnen in Bands weißer Männer. Es waren keine Solistinnen/Songwriterinnen, keine Bandleaderinnen in gemischten Bands, keine Duos mit Frauen und schon gar keine "reinen" Frauenbands zu sehen. Man kann also davon ausgehen, dass wir an zwei Festivaltagen wahrscheinlich keinen einzigen Song gehört haben, den eine Frau komponiert hat. Es scheint, als dürften Frauen vor einer breiten Masse von Rockfans  nicht authentisch in der Sprache der Musik sprechen. Warum also dieses Line-Up, und nach welchen Kriterien wurde es gestaltet? Das wollte ich von Stefan Lehmkuhl, dem Head of Booking Lollapalooza, wissen. 

"Es ist nicht nur ein Lollapalooza-Problem. Auch beim Melt-Festival, Fusion und überhaupt bei Festivals kann man diese Quoten feststellen", antwortete er auf meine Anfrage selbstkritisch. Und weiter: "Es ist nicht so, dass ich dafür keine Awareness hätte. Wenn ich die Wahl habe zwischen zwei Acts, wo die Ausgangslage ungefähr gleich ist (Budget usw.) und ich beide gleich gut finde, und einer ist vorwiegend männlich und einer vorwiegend weiblich besetzt, dann würde ich mich immer für den weiblichen Act entscheiden."

Ich war verblüfft. Schließlich sprach das Ergebnis – zwei Sängerinnen an zwei Tagen (in Bands mit Jungs an den Instrumenten), eine davon im Frühprogramm – zu deutlich eine andere Sprache. Offenbar findet Lehmkuhl also Musikerinnen einfach nie gut genug? "Versetz dich in die Lage eines Bookers", war seine Antwort. "Du kriegst nicht immer die Bands, die du haben willst. Ich wollte sogar zwei weibliche und auch schwarze Musiker als Headliner, aber ich habe die nicht bekommen. Das versteht man nicht, wenn man meinen Beruf nicht macht. Wir hätten wirklich gerne mehr weibliche, mehr schwarze Musiker und Musikerinnen beim Festival dabei gehabt. Leider gibt es zu wenige, es ist nicht möglich. Die Verhältnisse sind nicht so. Es ist nicht Absicht, wir versuchen, dagegen einzuwirken."

Diese Kriterien können geändert werden

Was kann ich – "Head of Popfeminismus" – mir Schöneres wünschen als so viel progressive Einsicht? Wenn doch nur alle (Mit-)Verursacher_innen von patriarchalischen Extremzuständen so viel Problembewusstsein hätten. Denn dann wäre es doch ganz einfach: Nächstes Jahr schaffen wir die weiße Männerquote einfach ab und leisten uns die Stimmvielfalt und das gehobene "Vergnügen für die ganze Familie", das Lollapalooza dieses Jahr schon versprochen hatte! Die Festivalmacher_innen (am besten deutschlandweit) müssten nur noch ihre eigenen Kriterien ändern. Denn die Kriterien, nach denen am Ende immer nur weiße und männlich besetzte Bands übrigbleiben, sind ja von Menschen gemacht und können auch von Menschen geändert werden. Es sind keine Naturgesetze. Es gibt zwar bei Weitem nicht so viele Frauen, die Musik machen, wie Männer, aber es gibt auch bei Weitem nicht so wenige, wie wir zu sehen bekommen!

Stefan Lehmkuhl blieb in unserem Gespräch bei seiner Version: "Die Ursache von all dem liegt doch woanders. Das fängt doch schon im Kindergarten an, Musikerziehung. Frauen und Schwarze haben auch oft nicht die Möglichkeit zur musikalischen Förderung."