Hier den Bildungsnotstand auszurufen, erscheint mir unplausibel. In den letzten zehn, fünfzehn Jahren hat sich ein flächendeckendes System an Musikschulen und ein vielfältiges Angebot von Mädchen-Workshops entwickelt, auch in sozial benachteiligten Gegenden. Und was fast noch wichtiger ist: Frauen sind durch den Zugang zu allen musikalischen Informationen und Diskursen im Internet nicht mehr vom Insider-Flow und vom Popkultur-Mythos ausgeschlossen. Relevante Musikzeitschriften verkünden täglich Album-Veröffentlichungen von Musikerinnen.

Das Problem scheint heute vielmehr zu sein, dass das Musikgeschäft vor allem in Deutschland noch so agiert wie in den Neunzigern, als es tatsächlich viel weniger Musikerinnen gab: die ewige Skepsis und das Unbehagen, zuzuhören, wenn Frauen rebellisch-konnotierte Stimmen erheben. Man schaut sie gern an in TV-Formaten wie Popstars und Schlagersendungen, wo man sie wiederum als "seicht" und "fremdbestimmt" abwerten kann. Aber auf einer Rockbühne? Trotzdem wird über die Musikerinnen, die auf den Rockfestivals fehlen, natürlich nicht nur hinter den Kulissen des Rockfestivals entschieden. Das alles ist auch ein Symptom dafür, wie beispielsweise die Rollen schon bei Bandgründungen einseitig verteilt werden. Und auch die branchenüblichen Booking-Agenturen und Labels arbeiten nach denselben normativen Mustern wie die Festivals. So reproduzieren und legitimieren sich rassistische und sexistische Strukturen. Und der_die eine schiebt es auf die_den andere_n.

Mehr Frauen im Bandformat!

Mein Kritikpunkt an vielen hiesigen Musikerinnen ist, dass sie viel zu selten ein ähnlich sportlich-kollektives Bewusstsein für Team und Kollaborationen haben wie Männer. Festivals wollen aber das Kollektiv, die eingeschworene Band-Clique. Stattdessen finden sich Musikerinnen viel zu oft mit der gesellschaftlich gewollten, narzisstisch um sich selbst kreisenden und von jeglicher Solidarität mit anderen Ladies befreiten Rolle der Einzelsängerin ab. Was den Frauen fehlt, ist also weniger die musikalische Bildung als vielmehr die Euphorie, im Rudel mit anderen Frauen (oder Männern) aufzutreten und Botschaften zu vermitteln. Wie Deichkind zum Beispiel. Doch es muss keinen wundern, wenn die Verhältnisse mit ihren zwei Slots pro Festival den Frauen bestätigen, dass es klug ist, alle anderen wegzubeißen.

Was also hilft? Ändern wir doch einfach diese Verhältnisse. Bilden wir eine kollektive Front gegen die Zumutungen des Musikgeschäfts! Lassen wir uns keine Schamgefühle mehr einreden, wonach Frauen immer irgendetwas falsch machen, weshalb man ihnen beim besten Willen keine Bühne (und damit auch kein Geld) geben kann. Hören wir endlich auf, Musikerinnen so zu behandeln, als wären sie unlautere Mitbewerberinnen auf dem Arbeitsmarkt. Die Musikbranche, ja, jeder einzelne Mensch darin, ist nämlich mächtiger, als er oder sie vielleicht denkt. Widersprechen wir im Nahkampf und mit viel Übermut den ewigen, langweiligen Klischees. Erfinden wir neue Mythen und Blüten!

Das ist ja der Grund, weshalb man ursprünglich mal eine Leidenschaft für Rock'n'Roll entwickelt hat: Weil man dachte, man könnte damit die Welt aus den Angeln heben. Und nicht, weil man einen psychedelisch eingefärbten grellgrünen Lutscher wollte.