Vor ein paar Tagen habe ich ein Buch des Migrationsforschers Mark Terkessidis gelesen. Ich hänge noch immer einem Absatz nach. Es ist ein kurzer Einschub, in dem er sich an seine Schulzeit erinnert. Es müssen die frühen Achtziger gewesen sein, eine Schule in Westdeutschland, der kleine Terkessidis einer der wenigen Schüler mit Migrationshintergrund. Kurz und knapp beschreibt der Sohn eines Griechen und einer Deutschen, wie er damals innerhalb kürzester Zeit zum Griechenlandkenner avancierte. Antike, Olympia, alte Sprachen – stets galt er als Experte. Dass der spätere Autor von Interkultur weder Griechisch sprach, noch die Kultur des Vaters in seinen Gencode eingeschrieben hatte, schien den Lehrern nebensächlich zu sein.    

Elisabeth Wellershaus, 1974 geboren, lebt in Berlin. Sie ist Journalistin und arbeitet unter anderem als Redakteurin für das Kunstmagazin "Comtemporary And". Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © ZEIT ONLINE

Unwillkürlich muss ich beim Lesen lachen, es klingt heutzutage wirklich absurd. Aber ich erinnere mich natürlich auch an Zeiten, in denen ich Afrika-Botschafterin meiner Klasse werden sollte. "Kann ich nicht, kenn ich nicht", war meine Standardantwort auf alle Anfragen, von Papas Heimat zu erzählen. Doch mein Umfeld war hartnäckig. Bei dem gut gemeinten Versuch, auf meine Herkunft einzugehen, wurde mein Deutschsein immer wieder ignoriert. 

Schwamm drüber, es ist lange her. Zumindest sind die Zeiten vorbei, in denen Deutschland sich gemütlich in dem Glauben eingerichtet hatte, es sei kein Einwanderungsland – Zeiten, in denen ein paar "Gastarbeiterkinder" und andere putzige Exoten nicht weiter ins Gewicht fielen. 2015 hat etwa jedes dritte Kind unter fünf Jahren in Deutschland Migrationshintergrund. Kinder und Enkelkinder von Einwanderern, die seit Jahrzehnten hier leben, bevölkern die Schulhöfe ebenso wie Kinder von Flüchtlingen. Kinder mit und ohne eigene Migrationserfahrung, von denen die meisten sich so Deutsch fühlen wie ihre Mitschüler. Denn ja: Deutschland hat sich verändert, und Vielfalt ist längst vielerorts die Norm. Wie souverän wir damit umgehen, ist ein anderes Thema.     

Schon von den Lehrern unterschätzt

Hacı-Halil Uslucan ist Professor an der Universität Duisburg-Essen. Er beschäftigt sich mit dem Thema Integration, und er hat mir Dinge erzählt, die leider gar nicht nach Fortschritt klingen. Denn natürlich werden Kinder auch heute noch aufgrund ethnischer Herkunft ausgegrenzt. Nur ist es mittlerweile ein umfassenderes und strukturelles Problem. In der Schule beginnt es oft damit, dass Kinder sich im Unterricht zurückhalten, weil ihr Deutsch vielleicht nicht ganz perfekt ist. Obwohl sie den Unterrichtsstoff gut verstehen, werden sie von Lehrern unterschätzt, was schlecht ist für Motivation und Leistung. Veraltete Schulbücher, die rassistische Stereotype längst vergangener Zeiten vermitteln, stärken das Selbstbewusstsein bestimmt auch nicht. Und selbst diejenigen, die sich von all dem nicht unterkriegen lassen, stehen statistisch schlecht da. Gymnasialempfehlungen werden jedenfalls dreimal öfter für Kinder von Akademikereltern ausgesprochen, die prestigeträchtige Berufe haben, was noch immer nicht oft Migranten sind. Von all dem abgesehen, wird ein junger Herr Müller bei der späteren Jobsuche in vielen Fällen noch immer einem Herrn Öztürk vorgezogen, sagt Uslucan. 

Bei aller Empathie, die Flüchtlingen derzeit zuteil wird, scheinen mir das insgesamt nicht die besten Voraussetzungen für ihre Integration und die von anderen Zuwanderern zu sein. Zwar fachsimpeln wir begeistert über Punktesysteme, mit denen wir die Cleversten und Qualifiziertesten aus dem Migrantenstrom herausfischen wollen. Aber wir übersehen das Offensichtliche. Wir übersehen, dass es uns bislang noch nicht einmal gelungen ist, das Potenzial derer zu erkennen, die bereits seit einer ganzen Weile hier sind. Wie sollen sich Neuankömmlinge und ihre Kinder da integrieren – in einem Umfeld, das noch immer systematisch ausgrenzt?     

Ahmad zum Beispiel wurde jahrelang übersehen. Seine Mutter wirkt noch immer fassungslos, wenn sie davon erzählt. Bereits mit vier stellte ihr Sohn die ersten Fragen zur Kosmologie, machte in der Küche physikalische Experimente. In der dritten Klasse dann Witze über Quantenphysik, was niemandem auffiel, obwohl dort noch nicht mal das kleine Einmaleins dran war. Vielleicht war seine unterbesetzte Lehrerschaft in Berlin-Neukölln damit beschäftigt, den Laden irgendwie am Laufen zu halten, hatte keinen Blick mehr für den einzelnen. Doch im Mangel an Kapazitäten werden eben selbst auffällige Talente wie das von Ahmad übersehen. Dabei sind Schüler an sogenannten Problem-Kiez-Schulen natürlich grundsätzlich nicht weniger begabt als andere. Sie bringen nur andere Voraussetzungen mit, stehen meist vor großen sozialen Herausforderungen, werden oft durch Vorurteile ausgebremst und bedürfen deshalb besonderer Aufmerksamkeit.