Alles begann mit Tierlauten. Wann immer ich (frisch zum Vegetarismus konvertiert) mit meiner (unverändert konventionell ernährten) Clique essen war, simulierte ich den Ton sterbender Schweine. Wahlweise variierte ich das Todeskonzert mit Kalbs- oder Kükenklängen, stets in der Hoffnung, die akustische Konfrontation mit den süßen Opfern des Kadaverkonsums würde erst den Anwesenden die Augen öffnen und später die der Welt insgesamt.  

Doch abgesehen davon, dass mein Einsatz vor allem meiner eigenen Erhabenheit nutzte, passierte, nun ja, wenig. Lars, Tim, Tina, Nadine, Christoph und wie sie hießen, traten nämlich nicht flugs meinem Orden fleischlicher Entsagung bei, sie bestellten lieber noch einen Big Mac obendrauf. Gurke könn'se weglassen.

So war das, am Anfang einer Laufbahn missionarischen Eifers in den Religionen des Alltags, die mein Glaube nicht selten zur Weisheit erkoren hatte: Tofu statt Wurst, Rad statt Auto, links statt rechts, Orientalistik statt BWL, taz statt Bild, Buch statt TV, Punkrock statt Pärchenabend, klug statt schön, gut statt böse – mein halbes Leben bestand aus lautstark verbreiteter Richtungsentscheidung eines richtigen Lebens im Falschen, oft im Brustton der Empörung. 

Sendungsbewusstsein im Funkloch

Doch seltsam: Sie essen weiter Fleisch, fahren weiter Auto, wählen weiter mittig, arbeiten weiter für Geld, lesen weiter Boulevard, sehen weiter fern, spielen weiter paarweise, sind dabei schön und trotzdem nicht böse. Offenbar verklang mein Sendungsbewusstsein im Funkloch. Bestenfalls. Denn je mehr ich auf die Mitteilungsbedürftigkeitstube drückte, desto langsamer ging es voran. Also eröffnete ich jenseits der 30 eine neue Kampflinie: ressourcenschonender, defensiver, klüger. Dachte ich.

Und lag furchtbar daneben.

Pfundweise Massentierleichen

Seit mir bewusst wurde, dass niemand sein tägliches Handeln den moralischen Maßstäben anderer unterstellt, dass – zumal öffentliches – Anprangern selbst offenkundigem Fehlverhalten tendenziell bloß frischen Brennstoff zuführt, halte ich es mit modernerer Pädagogik und lebe meine Ideale bloß vor, statt sie in die Köpfe zu prügeln. So kaufe ich meine Brötchen beim Bäcker kommentarlos im Leinenbeutel, statt die obligatorische Papiertüte nach 75-sekündigem Gebrauch faltenfrei zu entsorgen, und trage stoisch Tupperware zur Salatbar in Büronähe, deren Gewicht mir im Gegensatz zu den Einwegschalennutzern vom Preis abgezogen wird. Innerstädtisch lege ich fast jede Strecke mit dem Fahrrad zurück, überörtlich per Bahn, ohne dem motorisierten Gegenverkehr ständig meine Energiebilanz vorzuhalten.

Ich meide Lebensmittel mit Palmöl und Städtereisen mit Kerosin. Falls wieder Alufolie in der braunen Tonne liegt, topfe ich sie stillschweigend um in die gelbe. Falls mein Fußballteam gebildeter Mittelstandskids pfundweise Massentierleichen auf den Grill legt, verschaffe ich mir wortlos Platz für meine Seitanwürstchen auf gleichem Rost. Ich tue dies alles nicht immer so kommentarlos, wie es hier den Anschein hat, aber bei Weitem weniger redselig als ehedem, weil ich das richtige Leben im Falschen lieber vorführen möchte, statt es dauernd zu proklamieren.