Eine Frau, die ihren Instagram-Account der Menstruationsblutung widmet, ethische Fragen zum Thema Sex mit Robotern und ein Rechtsexperte, der sich fachmännisch zum #piggate-Skandal um David Cameron äußert. Darum geht es gerade auf broadly.vice.com, dem neuen women’s-interest-Kanal der Vice, die einst als kanadisches Untergrund-Magazin angefangen hat, aber längst zu einem global operierenden Medienimperium mit deutschem Ableger geworden ist. 

Mit seinen schnoddrigen, provokativen Texten und Videoreportagen erreicht Vice ein breites Publikum. Vice-Journalisten sind dafür bekannt, Grenzen zu überschreiten und mit journalistischen Standards zu brechen, wenn sie etwa den Weg des Kokains "von den Feldern bis in die Nasen der Welt" nachverfolgen oder aus erster Hand von Kriegsschauplätzen oder dem Sex mit Früchten und Tieren erzählen. Seit gut einem Monat hat die Vice nun also ein eigenes Frauenmagazin. Zeit für eine erste Bilanz.

Filter aus Roségold

Der erste Eindruck: Gerade der explizit weibliche Blick von Broadly macht überhaupt erst deutlich, in welchem Ausmaß Vice die Welt normalerweise mit einem männlichem Blick betrachtet. Zwar scheinen sich Frauen ebenso für Blow Jobs, Gay Porn und Sex mit Tieren zu interessieren wie Männer. Doch augenscheinlich verkraften sie es besser, wenn sich diese Themen hinter einem Filter aus jenem Roségold abspielen, das auch dem neuen iPhone eine feminine Note verleiht.  

Klickt man sich über die Seite des neuen Magazins, begegnet man einer Vice mit Weichzeichner. Auf der Seite finden sich Interviews mit bekannten Schauspielerinnen, die über Sexismus in Hollywood sprechen, statt über Schlankheitstipps und Artikel über die weibliche Tech-Revolution in Afghanistan. Es gibt Modetipps für Trans-Frauen und eine Reportage über einen 14-jährigen Trans-Teenager und seine Hormonbehandlung. Themen also, die für das Verständnis unserer Gegenwart eine wichtige Rolle spielen.

Themen für Millenials

Es finden sich aber ebenso Artikel und Formate mit diesen Titeln: How to make a Dildo – ein Besuch in einer Dildo-Fabrik, Why do Teen Girls like Gay Porn? – die Beobachtung, dass junge Mädchen sich lieber Sex zwischen zwei Männern ansehen, als die heterosexuelle Variante, in der ein Mann dominiert und Here is what you can legally do to a pig – sexually speaking – die Befragung eines Rechtsexperten anlässlich des bei Twitter trendenden Hashtags #piggate. Das ist die Art von Artikeln, die sich in ihrer eigenen Tabulosigkeit genügen.

Klar: Wenn man darüber schreiben kann, wie Männer Sex mit Tieren haben, kann man auch darüber schreiben, wie Frauen es tun. Andererseits zeichnet sich der vermeintlich weibliche Blick von Broadly vor allem dadurch aus, dass er den männlichen kopiert und nicht zuletzt das zeigt, was auch Männer gerne sehen. Die Härte, mit der Frauen darüber schreiben, wie sie unter Drogen Oralsex auf Partys haben, ist mitunter eine angelernte. Es ist die Art von Härte, mit der man die Generation der Millennials charakterisiert: die heutigen Mittzwanziger, die in Großstädten leben, wilden Sex auf Galerie-Toiletten und Tattoos auf den Armen haben, das Publikum der HBO-Serie Girls, die Leserinnen von Charlotte Roches Roman Feuchtgebiete

Sex, Pornos, Waffen

Natürlich ist es wichtig, dass Frauen offen über ihre Sexualität sprechen können. Dass Menstruation nicht tabuisiert wird, dass Geschlechtskrankheiten nicht der Untergang der Welt sind. Und es ist auch ok, wenn Frauen sich in Magazinen – ähnlich wie Männer – für Sex, Pornos und Waffen interessieren. Es ist nur die Frage, ob dieses Interesse für Frauen wirklich eine Art ist, sich zu emanzipieren, oder ob sie darin nur Männlichkeit imitieren. Im Feminismus ist dieses Dilemma schon immer ein leidiges Thema. 

Broadly ist provokant. Wie der Erfolg von Vice gezeigt hat, wollen viele Menschen diese Art von unkonventionellem Journalismus lesen. Schade ist bloß, dass das Magazin, ähnlich wie Vice, die Konsequenz scheut, frechen Thesen auch einen Unterbau zu geben, der sie legitimiert. Oft bedienen sie einfach eine konventionelle Lust am Boulevard. Wenn die Konsequenz eines Beitrags über Prostitution nur in dem Satz Don’t fuck prostitutes besteht, dann beschneidet der Kanal sein journalistisches Potenzial und bleibt letztlich schnödes Frauenjournal über Liebe, Sex und Horoskope. Nur eben auf die Art von Vice

Aber vielleicht ist auch das wieder nur das Spiel mit einer Pose, der Bruch mit den Erwartungen. Irgendwo sitzt jemand bei Vice und lacht über diesen Artikel. Alles ganz falsch verstanden. Alles viel komplizierter. Alles fucked-up.