Wenn Frauen mal ein interessantes Leben haben – Seite 1

Die Biografien und Autobiografien in meinem Bücherregal, die ich mir selbst gekauft habe, sind ausnahmslos Lebensgeschichten von Frauen. Am liebsten mag ich die über Autorinnen und Abenteurerinnen. Ihre Geschichten stehen in direkter Resonanz zu meinem Alltag und meiner unausgelebten Sehnsucht nach einer Ein-Frau-Weltumsegelung. Die Leben dieser Frauen liegen also in Wunschweite und treiben mich bis an die äußersten Enden meines eigenen Persönlichkeitsspektrums. Deswegen ist auch keine einzige Heilige, Unternehmerin oder Sportlerin dabei, keine Sennerin oder KGB-Agentin – das alles habe ich nicht einmal in meinen wüstesten Träumen im Programm. Aber im 18. Jahrhundert als erste Frau allein durch die Wüste zu reisen, um in den Drusenbergen des Libanon ein eigenes Reich zu errichten, wie Lady Hester Stanhope es getan hat, das kann ich mir durchaus wünschen und meine Angst vor Spinnen und Schlangen dabei einfach ausblenden. Dass ich bei Dorothy Parkers Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber sofort zugegriffen habe, liegt auch nahe, habe ich doch alltäglich und in meinen Sehnsüchten ein Faible für die Hemmungslosen dieser Welt.

Da mir enge Freundinnen meist Musik oder Martini mitbringen, sind die Biografien, die ich geschenkt bekommen habe, Verlegenheitskäufe von Bekannten, also Duschcreme-Pendants und folgen schon deswegen einem ganz anderen Muster als die Selbstgekauften: Es sind alle, und ich schwöre: tatsächlich alle Mutmacher. Bücher, die aber nicht eine einzelne herausragende Frau feiern, sondern zahlreiche Frauenleben zu einem Strauß binden: Die 100 wagemutigsten Frauen, Mutige Frauen: 60 Porträts oder Mutige Frauen: Flintenweiber, Königinnen, Kurtisanen.

Die restlichen Biografien in meinem Regal habe ich von einem bestimmten Onkel, der mir zum Geburtstag immer ein Buch schenkt, meist historische Wälzer. Mit der Auswahl der Biografien wollte er mir wahrscheinlich demonstrieren, dass er meine Identifikation mit der Frauenbewegung respektiert, was bei folgenden Titeln zu ungewollter Komik führt: Frauen, die schreiben, leben gefährlich, Frauen, die denken, sind gefährlich und stark, Die Frauen der Dichter, Sex und Macht: Die Frauen der Diktatoren, Rilke und die Frauen.

Annika Reich, 1973 geboren, ist Schriftstellerin und Aktivistin. Ihre Romane und Kinderbücher erscheinen im Hanser Verlag. Seit 2015 ist sie Künstlerische Leiterin von "Wir machen das" und "Weiter schreiben". Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Ekko von Schwichow



Nun habe ich mir die aktuelle Amazon-Top-100-Liste der Biografien in der Kategorie "Frauen" angeschaut. Nein, ich kaufe nicht bei Amazon, nie, nicht einmal dann, wenn es dort irgendwann die Ein-Frau-Weltumseglerinnen-Bio exklusiv gäbe. Da aber die meisten Bücher von Frauen gekauft werden, lässt sich anhand dieser Liste gut darüber spekulieren, wie sich deutsche Frauen selbst sehen und wie sie gesehen werden. Als Kontrastfolie dazu habe ich mich durch die Top-100-Liste Biografien geklickt, in der die Männerbiografien erscheinen; eine eigene Kategorie "Männer" gibt es nicht.

Männerleben sind allzu meist sehr interessant

Bei den Bestsellern sind die Muster wiederum andere als in meinem Bücherregal, aber auch hier lassen sich eindeutig welche erkennen: Unter den 100 beliebtesten Frauenbiografien finden sich etwa 20 Prozent Lebensgeschichten toter berühmter Frauen (Sissi, Hildegard von Bingen, Clara Schumann) und Autobiografien lebender berühmter Frauen (Lena Dunham, Lady Bitch Ray, Joan Didion und Sheryl Sandberg). Was all diese Frauen eint: Sie sind Feministinnen, auch wenn man über Sheryl Sandberg da geteilter Meinung sein kann. Als Frau eine Autobiografie zu schreiben, scheint an sich schon ein feministisches Statement zu sein.

Bei den Männern dreht sich das Verhältnis um: Da macht die Anzahl der lesenswerten Einzelleben 80 Prozent aus, und kein Mann muss sich ein Buch mit einem, geschweige denn Dutzenden anderen teilen. Während die als mutig, eigensinnig und außergewöhnlich betitelten Frauen im Schnitt zu fünfzigst zusammengebunden und auf eine Höhe geschnitten sind, gleicht das Männerleben zwischen den Buchdeckeln einer einzelnen, langstieligen Rose. Kein einziger Sammelband über die 100 stärksten, schnellsten, schönsten Männer der Weltgeschichte. Von Putin über Todenhöfer bis zu Mike Krüger und Gottschalks Herbstblond, vom Rammstein-Keyboarder Flake (Der Tastenficker) bis Zlatan Ibrahimović – ein Solitaire nach dem anderen.

Aufmüpfige Frauenfiguren haben auf dem Buchmarkt keine Chance

Schaut man sich die Themen an, die deutsche Frauen über das Leben anderer Frauen am liebsten lesen, dann geht es hier hauptsächlich um Todeserfahrung, Kindstötung, Alzheimer, Depression, Vertreibung, Frauen über 80, Krankheits- und Komageschichten, Mutterrollenproblematik und gescheiterte Republikflucht. Katrin Bauerfeind hat ihre Autobiografie dann konsequenterweise auch gleich Geschichten vom schönen Scheitern genannt. Mit den Männerthemen gibt es thematisch nur zwei Überschneidungen: Alzheimer und Depression. Ansonsten geht es dort gleich mehrfach um die eisigen Höhen des Mount Everest, um Unternehmertum und Fremdenlegion, einen einsamen Scharfschützen und die Expedition Allein nach Alaska. So sehr die unbekannten Frauen zu Siechtum und Bündelung verdammt sind, so sehr müssen die unbekannten Männer allein und am besten ohne Sauerstoff auf den Gipfel, um Gehör zu finden.

Doch innerhalb der traurigen Frauengeschichten lässt sich eine Kategorie finden, der es noch schlechter geht als der alten, kranken, depressiven, gescheiterten deutschen Frau unbekannter Religionszugehörigkeit, und das ist die Muslima. Mehr als 10 Prozent der Bestseller erzählen vom Schicksal unterdrückter muslimischer Frauen. Und alle sind auf die gleiche Art reißerisch inszeniert: Auf keinem Cover ist das ganze Gesicht der Frau zu sehen, alle sind halbiert, wenn nicht geviertelt, und zu mehr oder weniger großen Teilen vom Kopftuch bedeckt. Die Cover sind dunkel und unheimlich und über allem liegt Der Schleier der Angst. Da ich die Bücher – außer Nicht ohne meine Tochter, das ich schrecklich finde – nicht gelesen habe, kann ich nicht beurteilen, ob die Geschichten so undifferenziert wie ihre Cover daherkommen, oder ob sich hier die Verlage nur verkaufsfördernd im Ton vergriffen haben. Ich will auch gar nicht in Abrede stellen, dass Frauen in bestimmten islamisch geprägten Kontexten unterdrückt werden, aber warum lesen deutsche Frauen das so gerne und warum bringen deutsche Verlage andauernd diese verschatteten Bücher raus? Wo sind die weiblich-muslimischen Gegenstimmen?

Lächerliche Stereotype

So bin ich fast bereit, mir das Buch Ich ritt Gaddafis Pferde zu kaufen, um herauszufinden, ob wenigstens das Galoppieren auf den edlen Hengsten der Autorin Doris Luser Spaß bereitete, nur ist sie eben auch keine Muslima.

Doch wie kann man sich diese lächerliche Stereotypisierung nun erklären? Ziehen Frauen und Männer von selbst ihre eigenen Grenzen immer schön rund und möglichst eng ums eigene Stereotyp herum, damit sie auch ja im Fokus bleiben? Oder fordern die Verlage das ein, weil sie ihre Leserschaft unterschätzen?

Die Literaturagentin Karin Graf erzählte mir dazu folgende Geschichte: In ihrer Erfahrung würden alle Protagonistinnen, die in einem Roman nicht dem weiblichen Stereotyp entsprächen, mindestens mit lebensbedrohlicher Krankheit, wenn nicht mit dem Tod bestraft. Das gelte nicht nur für Gegenwartsromane, sondern für die gesamte Weltliteratur. Bücher, die aufmüpfige Frauen schilderten, die mit ihrer Frechheit auch noch ungestraft davonkommen, hätten auf dem Buchmarkt schlechte Chancen. Wer also auf Verkäufe setzt, der hält sich lieber an die Rollenklischees. Oder überflügelt all das und schafft sich eine eigene Leserschaft wie Lena Dunham.

Ich habe jedenfalls eine neue Spielwiese gefunden: die Top-100-Liste meines Lieblingsfeindes Amazon. Zu meinem Vergnügen verändert sich die Liste ständig, und so habe ich gerade eben, kurz vor Schluss, doch noch eine Erfolgsgeschichte einer unbekannten Frau entdeckt. Die Geschichte einer Schäferin, die uns auffordert von ihren Tieren zu lernen, denn: Schafe leben nur im Jetzt