In diesem Jahr ist Indonesien Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Doch obwohl der Inselstaat zu den bevölkerungsreichsten Ländern der Welt gehört, ist die literarische Szene international kaum bekannt. Und obwohl es in Indonesien über 1000 Verlage gibt, wurden bisher nur 267 Werke ins Englische übersetzt und nur wenige ins Deutsche. Zu den bekanntesten Autoren gehört der 2006 verstorbene Pramoedya Ananta Toer. Als er während der Suharto-Diktatur jahrelang unter Hausarrest stand, besuchte ihn Günter Grass und wurde sein Freund.

Seit dem Sturz des Diktators im Jahr 1998 haben nun zunehmend Frauen die literarische Szene erobert. "Die Zukunft des indonesischen Romans liegt in den Händen von Frauen", so kommentiert der Dichter und Literaturprofessor Sapardi Djoko Damono die Tatsache, dass fast ausschließlich Autorinnen die prestigeträchtigen Literaturpreise des Landes gewinnen.

Die im Land populären Schriftstellerinnen lassen sich grob in die Lager der säkularen und islamischen Literatur einteilen. Die säkulare Literatur wird oft als "Sastrawangi", als "Duftliteratur" bezeichnet, aber auch als "Chick-lit" oder "Teen-lit". Der Begriff "Sastrawangi" bezieht sich vor allem auf das Aussehen und das Auftreten der Autorinnen, die deswegen regelmäßig in der Öffentlichkeit persönlich angegriffen werden. Ihnen wird vorgeworfen, mit ihren provokanten Themen nur die eigene Popularität steigern und sich bereichern zu wollen. 

Ungekannte Offenheit

Für Ayu Utami, eine der bekanntesten Autorinnen des säkularen Lagers, verkennt der Begriff "Sastrawangi" jedoch die literarische und soziopolitische Qualität ihrer Werke. In ihrem ersten Roman Saman (1998) setzt sie sich in einer bis dahin ungekannten Offenheit mit Tabuthemen wie Sexualität und politischer Gewalt auseinander. Freizügige Schilderungen sexueller Fantasien und Wünsche bilden den Rahmen des Romans. Die Heldinnen von Saman sind emanzipiert, reden offen über ihre Beziehungen zu Männern, ihre sexuellen Bedürfnisse und verweigern sich den traditionellen Rollenzuweisungen. Doch Ayu Utami thematisiert in diesem Roman auch Folter, Konflikte zwischen Muslimen und Christen und die Massenmorde während der Suharto-Zeit. Der Roman wurde in Indonesien mehr als 100.000 Mal verkauft und in mehrere Sprachen übersetzt.

Ayu Utami ist in vielerlei Hinsicht exemplarisch für die Schriftstellerinnen der säkularen Richtung, die fast alle einen journalistischen und politischen Hintergrund haben. Ayu Utamis Familie gehörte zur ersten Generation von Katholiken auf Java, der Vater war Anwalt, die Mutter Lehrerin. 1990 gewinnt sie als Studentin einen Schönheitswettbewerb, entscheidet sich jedoch gegen eine Modellaufbahn und für eine journalistische Karriere. Zunächst schreibt sie anonym über Korruption im Suharto-Regime. Von der Schließung dreier Nachrichtenmagazine durch Suharto ist sie direkt betroffen: "Nach einer Protestaktion gegen die Zensur der Regierung bin ich entlassen worden und stand auf einer schwarzen Liste. Weil ich als Journalistin nicht mehr arbeiten durfte, habe ich meinen ersten Roman geschrieben", sagt sie in einem Interview im Januar 2015. 

Zusammen mit anderen Publizistinnen und Publizisten kauft sie später ein heruntergekommenes Haus und trotzt der Diktatur mit der "Alliance of Independent Journalists". Von diesem Ort aus nehmen 1998 die Massendemonstrationen, die zum Sturz des Diktators führten, ihren Ausgang. Auch heute arbeitet Ayu Utami noch journalistisch und ist politisch aktiv. 2008 schreibt sie ein vielbeachtetes Theaterstück gegen das geplante "Anti-Pornografie-Gesetz".

Vermeintlich pornografisch

Wie Ayu Utami wird auch Djenar Maesa Ayu unter dem Label der sogenannten Duftliteratur heftig kritisiert und öffentlich als Frau von zweifelhafter Moral angegriffen. "Ich kann mit Kritik gut leben, schließlich erfährt jeder Leser die Literatur subjektiv. Aber viele Menschen haben meine Bücher noch nicht einmal gelesen, sondern plappern lediglich nach, dass ich mit vielen Männern geschlafen hätte, um meine Karriere voranzutreiben", kontert sie in einem Interview im September 2014. Letztlich motivierten sie solche Anfeindungen nur, weiter über tabuisierte Themen zu schreiben.

Vor allem die Kurzgeschichte Gestillt vom Vater wurde wegen ihres vermeintlich pornografischen Inhalts kontrovers diskutiert und gleichzeitig mit Preisen ausgezeichnet. Die Autorin macht hier die Problematik des Kindesmissbrauchs innerhalb der Familie zum öffentlichen Thema. Die fiktive Ich-Erzählerin Nayla schildert in drastischer Freizügigkeit ihren Weg vom ungewollten Fötus zu ihrer eigenen ungewollten Schwangerschaft als junges Mädchen. Die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation, zwischen freiwilliger Prostitution und Kindesmissbrauch, zwischen sexueller Fantasie und Leid eines Opfers sexueller Gewalt verschwimmen.

Yvonne Michalkik hat Süd-Ost-Asienwissenschaften, Ethnologie und Medienkultur studiert. Sie war Dozentin an der Filmuniversität Babelsberg. Heute arbeitet sie als Freischaffende in crossmedialen Bereichen. Sie hat diverse Publikationen zu Süd-Ost-Asien herausgebracht. © privat

All das, was die Schriftstellerinnen der säkularen Richtung vertreten, lehnen die Autorinnen des islamischen Lagers ab. Die Bücher der "Duftliteratur" spiegelten die indonesische Kultur nicht wieder, sondern propagierten westliche Werte, so ihr Vorwurf. Schilderungen über freien Sex und Homosexualität empfinden Autorinnen wie Helvy Tiana Rosa oder Sirikit Syah als amoralisch und verteidigen in ihren Erzählungen die Regeln des Korans. Sie weisen darauf hin, dass der Koran legitime Regelungen zu Polygamie, Behandlung der Frauen und Geschlechtergerechtigkeit enthalte, sie nur nicht korrekt umgesetzt würden.

Im Rahmen des "Anti-Pornografie-Gesetzes", das u.a. auch das "erotische" Tanzen und das Zurschaustellen "sinnlicher" Körperteile in der Öffentlichkeit unter Strafe stellt, kommt es 2008 zu einer ersten öffentlichen Auseinandersetzung der beiden Lager: Ayu Utami und Djenar Mesa Ayu kämpften öffentlich gegen Helvy Tiana Rosa und Sirikit Syah, die das Gesetz als notwendig befürworten, um den moralischen Verfall des Landes aufzuhalten.

Schreiben über gesellschaftliche Tabus

Die Vertreterinnen der islamischen Literatur werden nicht auf ihr Aussehen reduziert und für ihre Unmoral kritisiert, sondern müssen sich den Vorwurf der Missionierung ohne nennenswerten literarischen Wert gefallen lassen, auch wenn ihre Werke durchaus literarische Qualität aufweisen und ebenso wichtige soziopolitische Themen aufgreifen. Ihre Geschichten basieren auf tiefgründigen Recherchen bei Menschenrechtsorganisationen. Es geht um Krieg und Ungerechtigkeit und um die Militärgewalt an Frauen und Kindern.

Helvy Tiana Rosa ist die prominenteste Vertreterin der islamischen Literatur und damit stellvertretend für die stark im muslimischen Glauben verankerte Bevölkerung Indonesiens. Die in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsene Schriftstellerin hat bisher mehr als 30 Bücher veröffentlicht, darunter auch viele Lyrikbände. Zusätzlich gründete sie 1990 das Frauentheater Teater bening und war über viele Jahre hinweg die Vorsitzende des FLP (Forum Lingkar Pena/Forum Schriftstellerkreis).

Sozialpolitische Kraft

Helvy Tiana Rosa wird in Indonesien vor allem wegen ihrer Arbeit für das Forum Lingkar Pena geschätzt. Die Organisation hat mehr als 4000 Mitglieder, unterstützt Schriftsteller und hilft sozial schwachen Frauen, sich schriftlich zu äußern. Rosas Literatur kreist vor allem um die moralische Verantwortung des Islams. So spielt z.B. ihre Kurzgeschichte Das rote Netz in der Sumatra-Provinz Aceh während der Gewaltexzesse Ende der 1990er Jahre. Aus der Perspektive der traumatisierten Inong erfährt die Leserschaft von den Grausamkeiten des indonesischen Militärs. Einzig und allein die muslimische Aktivistin Cut Dini kümmert sich um Inong, deren Familie bei den Massakern ums Leben kam. Mit dieser Geschichte tritt Helvy Tiana Rosa für die Opfer der Gewalt ein und vermittelt zugleich die Botschaft, dass es Aufgabe des Islam sei, sich für eine bessere Welt zu engagieren. Der Name der tragischen Protagonistin Inong ist zugleich das acehische Wort für "Frau" und somit natürlich auch symbolisch für alle unterdrückten acehischen Frauen zu verstehen.

So sehr sich die beiden literarischen Lager auch unterscheiden, so sehr sind sie beide Ausdruck einer neuen indonesischen Künstlergeneration, die über gesellschaftlich tabuisierte Themen schreibt. Damit sind sie eine wichtige soziopolitische Kraft im Land, die vor allem gegen die Diskriminierung von Frauen kämpft. Dass dies aus gegensätzlichen Perspektiven geschieht, ist exemplarisch für Indonesien, ein Land, in dem die Hightech-Metropolen mit ihrer agilen Zivilgesellschaft einer Provinz wie Aceh gegenübersteht, in der inoffiziell die Gesetze der Scharia gelten, Frauen und Männer vor dem Gesetz gleichgestellt sind und gleichzeitig Polygamie, weibliche Beschneidung und Frühverheiratung erlaubt und Abtreibung strikt verboten bleiben.

Einige der hier vorgestellten Autorinnen werden auf der Frankfurter Buchmesse ihre neu übersetzten Werke vorstellen.