Ist das aber schon Kulturrelativismus? Ich glaube nicht. Bei der aktuellen Debatte stehen sich ja meistens zwei Positionen gegenüber: Die einen fordern von Neuankömmlingen eine umgehende Anpassung an die deutsche "Leitkultur", die anderen meinen, es solle doch jeder nach seiner Façon selig werden. Aber beides wird nicht funktionieren, denn beide Wege schummeln sich darum herum, die Differenzen tatsächlich auszutragen, die sich notwendigerweise einstellen, wenn Menschen mit unterschiedlichen Ansichten und Gewohnheiten zusammen leben. Die Relativisten wollen einfach gar nichts entscheiden. Die Universalisten sollen die "Wahrheit" per ordre du mufti durchsetzen.

Julia Klöckner zum Beispiel fordert aufgrund ihrer jüngsten Erfahrung laut Zeitungsberichten jetzt ein "Gesetz zur Integrationspflicht". Aber wie soll ich mir das vorstellen? Dass ich beim nächsten Mal, wenn mir jemand nicht die Hand geben will, die Polizei rufe? Gesetze haben wir ja schon. Sie legen fest, was wir auf keinen Fall tolerieren wollen: Physische und psychische Gewalt, Zwang und Nötigung, das alles ist verboten, und wenn jemand so etwas tut, muss der Staat eingreifen. Da kann auch der Verweis auf religiöse oder kulturelle Gewohnheiten kein Argument sein, genauso wenig übrigens, so meine Meinung, der Verweis auf gekränkten Männerstolz oder zu viel Alkohol.

Nicht alles, was falsch ist, darf verboten sein

Doch die Frage, was per Gesetz verboten werden soll, ist eben nicht gleichbedeutend mit der Frage, was richtig oder falsch ist. Bei Gesetzen geht es darum, eine Grenze zu ziehen zwischen dem, was wir als Gesellschaft gerade noch tolerieren wollen, und dem, was wir auf gar keinen Fall tolerieren wollen. Aber diese Grenze darf nicht zu früh angesetzt werden. Denn es gehört ebenfalls zum Kernbestand der westlichen Freiheitswerte, nicht alles, was falsch ist (oder was eine Mehrheit falsch findet), zu verbieten. Freiheit, so wie wir sie demokratischerweise verstehen, beinhaltet ganz zentral das Recht von Individuen und Minderheiten, Dinge anders zu machen als die Mehrheit. Wenn wir also nicht einfach gegen alles, was wir aus ethischen Gründen ablehnen, sofort ein Gesetz machen, dann nicht, weil wir unsere "westlichen" Werte relativieren. Sondern ganz im Gegenteil, weil wir ihnen treu bleiben.

Vielleicht ist es auch typisch protestantisch von mir (wir Lutherischen haben es ja sehr mit dem Gewissen), aber ich will nicht, dass ein jüdischer oder muslimischer Mann mir die Hand gibt, weil irgendeine Verordnung zur Durchsetzung der deutschen Leitkultur ihm das vorschreibt. Sondern ich will, dass er das freiwillig tut, dass er einsieht, dass das richtig ist. Deshalb bleibt mir nichts anderes übrig, als ihm zu vermitteln, warum mich sein Verhalten ärgert, warum es meiner Ansicht nach falsch ist und dem guten Zusammenleben schadet. Und dieses Bemühen meinerseits hat wiederum nur dann eine Aussicht auf Erfolg, wenn ich weiß, warum er es ablehnt, Frauen die Hand zu geben. Woher diese Regel kommt, der er da folgt, was ihr Sinn ist. Denn nur dann besteht eine Chance, dass ich Argumente finde, die ihn vielleicht überzeugen. Übrigens ist dafür der Austausch mit jüdischen oder muslimischen Feministinnen ganz hilfreich, die haben nämlich diese Diskussionen meistens schon lange geführt, und jede Kultur und Religion lässt sich viel besser und effektiver von innen heraus kritisieren und verändern als von außen.