Odessa ist ein ganz besonderer Ort, das sagt einem jeder Taxifahrer. Sie erklären dir, dass die Stadt schon immer weltoffen und kosmopolitisch gewesen sei. Dass in der alten Zeit jeder Odessit fünf Sprachen beherrschte. Und sie heißen dich auf ganz spezielle Weise willkommen. Ein Taxifahrer wies meine Schwester und mich vor ein paar Jahren zurecht, weil wir beide uns anschnallten. Nur Amerikaner und Europäer täten so was – Leute, die keine Ahnung vom Leben hätten. Als er hörte, dass wir auf dem Weg zu einem Schriftsteller waren, den wir noch nicht kannten, wurde seine Sorge um uns existenzieller. "Ein Fremder?", fragte er besorgt. Keine Angst, sagte meine Schwester, er ist verheiratet. "Ach, und ihr?" Plötzlich schien seine Sorge in Enthusiasmus umzuschlagen – vielleicht war das die große Chance für eine von uns. "Kümmert euch nicht um seine Frau", sagte er, als wir unser Ziel erreicht hatten. Er drehte sich noch einmal zu uns um. "Viel Glück", rief er. "Möget ihr Ehemänner mit Autos finden."

Sally McGrane kommt aus Berkeley in Kalifornien und lebt seit mehr als zehn Jahren in Berlin. Sie ist Journalistin und schreibt unter anderem für die "New York Times" und den "New Yorker". Ihr Spionageroman "Moskau um Mitternacht“ ist im März 2016 im Europaverlag erschienen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Julia Fischer

Im März dieses Jahres flog ich wieder nach Odessa. Dieses Mal war ich mit einem Dichter und Psychiater verabredet. Es war Boris Chersonskij, ein bekannter Befürworter einer unabhängigen demokratischen Ukraine. Zwei Jahre sind seit meinem letzten Besuch vergangen. Damals im Mai war die Urlaubsstimmung perfekt gewesen. Der Privatstrand Elite hatte gerade eröffnet, die Plastikliegestühle standen schon draußen, man spürte die Vorfreude auf den jährlichen Andrang der Sommertouristen in Odessa. Ich frage mich, wie es dieser stolzen, bröckelnden Küstenstadt seither ergangen ist. Der Taxifahrer, der mich vom Flughafen in die Stadt fährt, klingt nicht besonders positiv. Seit die Kämpfe im Osten begonnen haben, erklärt er, komme niemand mehr her. Der vergangene Sommer sei der schlimmste gewesen, den er erlebt hat. "Es ist schrecklich", sagt er. "Odessa ist eine Touristenstadt. Aber jetzt sehen die Leute fern, und wenn sie von Bomben und Gefechten hören, denken sie, das wäre hier. Dabei ist es in Odessa vollkommen friedlich."

Im Kurhotel Weiße Akazie, einem Hochhaus aus der Breschnew-Ära für etwa tausend Gäste, scheinen sie ziemlich glücklich zu sein, mich zu sehen. Abends zähle ich acht erleuchtete Fenster – wenigstens bin ich nicht ganz allein. Am nächsten Tag muss Boris zu einem Patienten. Seine Frau Ljuda, der Fotograf und ich fahren ins Zentrum. Wir wollen in der offiziellen Wohnung des Dichters nach dem Rechten sehen, denn dort ist gerade eine Bombe hochgegangen. Boris’ Exfrau wohnt noch immer dort, zum Glück wurde niemand verletzt, genau wie bei den anderen Anschlägen. Es war eine von den paar Explosionen, die sich in diesem Winter gegen pro-ukrainische Gruppen richteten. "Boris macht sich keine Sorgen", sagt Ljuda nervös, während sie sich eine Zigarette anzündet. "Aber ich sehe diese jungen Kerle, die nicht aus der Stadt sind. Sie laufen herum, als hätten sie noch nie eine Ampel gesehen. Es ist, als würden sie auf Befehle warten, von irgendjemandem. Es ist unheimlich."

Keine Touristen im Frühjahr

Wir gehen zu Fuß zum Jüdischen Museum Odessa, einem kleinen privaten Ausstellungsort, der von ihrem Freund Michail Raschkowetzki geleitet wird. Als er uns durch die Räume einer gemütlichen Altbauwohnung führt, erzählt er, dass sein Museum "der Abwesenheit" gewidmet sei. Er zeigt auf einen Silberlöffel, der an der Wand hängt. Wie fast alle Ausstellungsstücke kam er eines Tages mit der Post. Ein Mann aus San Francisco hatte ihn geschickt. Sein Großvater hatte den Löffel eingesteckt, bevor er emigrierte: Jetzt sind er und eine Tuschezeichnung die einzigen Erinnerungen an ein Café in Odessa, das in den zwanziger Jahren eine beliebte Intellektuellenkneipe gewesen ist. Mischa zeigt auf die Fotos von Odessas jüdischem Friedhof, der in den Siebzigern planiert wurde, und auch er sagt, dass er sich Sorgen mache, weil keine Touristen kommen. Sein Museum ist auf die Spenden der Besucher angewiesen.

Selbst in tristen Tagen hat die Stadt ihren Zauber. Ich beschließe, im Sommer zurückzukommen. Am Flughafen nimmt mich derselbe Taxifahrer mit. Die Sonne brennt, und er lächelt. Die Touristen seien wieder da, sagt er. Die Hrywnja sei abgestürzt und die Krim sei keine Option mehr. Also macht in diesem Jahr die ganze Ukraine Urlaub in Odessa. Die Weiße Akazie ist komplett ausgebucht. Die Strände sind voll, die Imbissstände machen gute Geschäfte mit Eis und Bier. In den Fußgängerzonen der Innenstadt drängen sich tief gebräunte lachende Familien in Urlaubsstimmung. Man sieht Mädchen in Bikinioberteilen mit Matrosenstreifen, glänzende Heliumballons und abendliches Ponyreiten. Eine Zeitlang miete ich mich bei der Familie eines anderen Dichters ein. Ihre zwei Teenager gehen abends mit mir aus, zeigen mir griechische, französische und italienische Architektur, die Straßenmusiker und beleuchtete Brunnen. Es ist wieder Leben eingekehrt in Odessa. "Wir lieben unsere Stadt", erklärt Alissa. Und Rodion zeigt auf die Süßigkeitenverkäuferinnen – junge Frauen in historischen Kostümen mit Reifröcken, die abends mit Bauchläden voller Lutscher durch die Stadt schlendern.