Wir leben in postironischen Zeiten, da nimmt die Ironie oft so viele Wendungen, dass man sie nicht mehr vom Ernst unterscheiden kann. Dem ehemaligen Big-Brother-Moderator Percy Hoven wurde das zum Verhängnis. Monatelang hat er einen YouTube-Kanal betrieben, in dem er als maskierte Kunstfigur Dr. Alfons Proebstl gegen Flüchtlinge, EU-Diktatur und Gender-Wahn polemisierte. Man kennt diese Thesen aus Dresden, Leipzig und anderen Trutzburgen des gedanklichen Hochbarock.

Die Augsburger Allgemeine kam Percy Hoven nun auf die Spur. Hoven entschuldigte sich in aller Form und erklärte, er habe lediglich aktuelle politische Diskurse satirisch überspitzen wollen. Die Überzeugungen seiner Kunstfigur entsprächen in keiner Weise seinen eigenen. Sein Auftritt bei einer Pegida-Demonstration in Dresden sei außerdem ein großer Fehler gewesen, "den ich zutiefst bedaure und gerne rückgängig machen würde, wenn ich könnte".

Lutz Bachmann hält Percy Hoven alias Dr. Alfons Proebstl am Ostermontag 2015 das Mikrofon. © Getty Images/Jens Schlueter

Der Fall erinnert an eine Episode aus dem ersten frostigen Pegida-Winter 2014: Damals hatte sich ein Demonstrant, der in einem Interview rechte Thesen verbreitet hat, als RTL-Reporter herausgestellt, der eigentlich nur auf Undercover-Recherche war, doch als ihm plötzlich jemand ein Mikrofon unter die Nase hielt, aus der Nummer irgendwie nicht mehr herauskam.

Nun ergeben zwei Fälle noch kein Muster, trotzdem wird es langsam Zeit, dass wir uns mit einem lang gehegten Verdacht beschäftigen: Dem Verdacht nämlich, dass Pegida mehrheitlich aus Medienpersonal und Satirikern besteht, die jeweils nur Parolen verbreiten, von denen sie glauben, dass sie den Meinungen aller anderen anwesenden Demonstranten entsprächen. Der Philosoph Robert Pfaller hat das Phänomen in seinem Buch Die Illusionen der Anderen beschrieben, in dem es um die Wirkungsmacht von Überzeugungen ging, die niemand tatsächlich selbst hat, von denen aber alle glauben, alle anderen hätten sie.

Diese Überzeugungen, schreibt Pfaller, könnten ganze Gesellschaften im Schwitzkasten haben, obwohl es sie, wie gesagt, in Wirklichkeit gar nicht gibt. Es ist wie im Mannschaftsport: Auch dort verhalten sich die Spieler nur deshalb, wie sie sich verhalten, weil sie zu wissen glauben, wie alle anderen sich verhalten werden. Und weil das so viel Spaß macht, hat Pfaller das Phänomen das "Lustprinzip in der Kultur" getauft.

Putin müsste Pegida verbieten

Vielleicht ist Pegida also das deutsche Pendant zu der Nationalbolschewistischen Partei Russlands, die der Avantgardist und Schriftsteller Eduard Limonow 1992 als Partei-Persiflage gegründet hat. Die Nationalbolschewisten stellten offensichtlich lächerliche Forderungen auf, zum Beispiel die Rückkehr zum Stalinismus. Außerdem führten sie ein Logo, das aussah wie eine Hakenkreuz-Flagge, nur dass in der Mitte statt des Hakenkreuzes das Hammer-und-Sichel-Symbol prangte. Und obwohl das alles so eindeutig unernst und bizarr und überzogen war, entwickelte sich die Nationalbolschewistische Bewegung innerhalb weniger Jahre zur wichtigsten oppositionellen Kraft in Russland, weshalb Putin sie 2005 mit einem Verbot belegte. Niemanden hat diese Erfolgsgeschichte mehr überrascht als Limonow, den Gründer selbst.

Auch bei Pegida werden sich deshalb möglicherweise eines Tages alle Beteiligten fragen, wie sie die frühen Hinweise auf eine ernst zu nehmende Satiregruppierung übersehen konnten: Die Pegida-Kandidatin für das Amt des Dresdner Oberbürgermeisters, Tatjana Festerling, schlug vor nicht allzu langer Zeit öffentlich vor, die Mauer wieder aufzubauen. Lutz Bachmann posierte auf seiner Facebook-Seite als Adolf Hitler – eine übersteigerte Ironisierung deutscher Bildwelten, die Jonathan Meese auch nicht besser hinbekommen hätte. Selbst der Name Pegida wirkt sehr viel stimmiger, wenn man ihn als Hommage an die türkische Supermarktkette EuroGida versteht, die in Berlin mittlerweile 13 Filialen unterhält, denn als jene lachhafte Abkürzung, die in den Medien kursiert. Und der Ableger in Freital hieß noch mal wie? Richtig: Frigida.

Es ist also nicht ganz ausgeschlossen, dass sich Pegida noch als satirische Polit-Performance von Matthias Lilienthal herausstellt. Bis dahin könnte man probeweise versuchen, sich von ihr nicht mehr so leicht erschrecken zu lassen. Judith Butler hat kürzlich gesagt, die beste Strategie gegen tatsächlichen Hass sei dessen Humorisierung. Die Neonazi-Modemarke Thor Steinar zum Beispiel hat genau in dem Moment ihren Schrecken verloren, als auf rechten Demos unentwegt der "Storch Heinar" aufgetaucht ist, eine Persiflage, die Studenten entwickelt hatten.

Pegida nimmt seinen Gegnern diese Arbeit tendenziell ab. Die Organisation blamiert sich regelmäßig selbst. Das ist nicht unbedingt eine gute Nachricht: Limonows Nationalbolschewisten haben gezeigt, dass man auch dann zu einer Oppositionspartei aufsteigen kann, wenn man so lächerlich auftritt, dass man jegliche Persiflage vorwegnimmt. Oder vielleicht: gerade dann.