Das Hochglanzmagazin Playboy möchte in Zukunft auf die Darstellung hüllenloser Körper verzichten. Wie zuerst die New York Times berichtete, werde das Magazin ab März 2016 Frauen zwar noch in "provokativen Posen", aber eben nicht mehr komplett nackt zeigen. Den vermeintlichen Grund lieferte der Playboy-Geschäftsführer Scott Flanders gleich mit: Durch die riesige pornografische Konkurrenz im Netz sei die hergebrachte Geschäftsidee einfach nicht mehr zeitgemäß.

Wenngleich der Strategiewechsel, der vom Playboy-Gründer Hugh Hefner persönlich abgesegnet wurde, zunächst nur die amerikanische Ausgabe betrifft, bleibt es für das ikonische Magazin ein Kulturbruch. Nachdem unzählige Kommentatoren bereits witzelten, dass all denen, die immer vorgaben, das Heft ja nur wegen der guten Artikel zu kaufen, jetzt ja tatsächlich nichts anderes übrig bliebe, steht indes die Frage da: Was bedeutet nun dieses Ende der Nacktheit? Die Antwort hängt in diesem Fall maßgeblich davon ab, welche Perspektive der Betrachter einnimmt.

In seinem 2011 erschienenen Buch Wofür es sich zu leben lohnt hat der österreichische Philosoph Robert Pfaller bemerkt, dass die "westliche Gegenwartskultur, die sich selbst doch als besonders aufgeklärt und postmodern-lustbezogen versteht, seit Beginn der neunziger Jahre in eine Tendenz zu Lustfeindlichkeit und Prüderie verfällt". Denkt man exemplarisch an das einstige "Nipplegate" oder an zeitgenössische US-Spielfilme, in denen ein leidenschaftlicher Kuss ja meist buchstäblich schon das höchste der Gefühle darstellt, scheint diese Beobachtung zunächst tatsächlich nicht unplausibel. Reiht sich der Playboy mit seiner neuen Strategie also nun in diese Entwicklung ein?

Porno und Prüderie

Verfolgt man Pfallers These weiter, so könnte man auf deren Grundlage indes zu einem ganz anderen Schluss kommen. Die zeitgenössische Prüderie, so Pfaller, existiere zunächst nämlich nur in Bezug auf die gleichzeitige Omnipräsenz ihrer Kehrseite, der enthemmten Pornografie, die sich im Netz, aber auch in der Werbung und der Popkultur Bahn bricht.

"Je mehr die Gesellschaft als ganze ihre kulturellen Bezüge zur Sexualität verliert, desto drastischer sind die Bilder davon, die ihren Bühnen erscheinen." Wo also Porno und Prüderie als dialektisches Pärchen auftreten, bleibt vor allem die Erotik außen vor. Und genau deshalb, sagt Pfaller, "fungiert der Porn-Pop als Stütze für die erotische Verelendung der postmodernen Kultur".

Obwohl stets umstritten blieb, ob der Playboy im engeren Sinn pornografisch sei, stand das Heft, historisch gesehen, eher auf der Seite des Porn-Pop als auf der Seite der Erotik. Zumindest dann, wenn man ersteren über die radikale Ausstellung, die totale Transparenz des Körpers definiert, die im Gegensatz zur Erotik keinen verhüllten Rest, keinen Raum für das Phantasmatische mehr lässt. Der Playboy war also stets in dem spezifischen Sinne obszön, dass er den exponierten Körper völlig konsumierbar machte. Oder wie der Philosoph Byung-Chul Han in seinem Essay Transparenzgesellschaft schreibt: "Obszön ist die Hypervisibilität, der jede Negativität des Verborgenen, des Unzulänglichen und des Geheimnisses fehlt. […] Obszön ist die pornographische Zur-Schau-Stellung des Körpers und der Seele."

Feministische Akzente

Vor diesem Hintergrund ließe sich die Entscheidung des Magazins,keine hüllenlosen Körper mehr zu zeigen, in der Tendenz also womöglich weniger als Ausdruck einer neuen Prüderie sehen, sondern eher als Rückbesinnung auf die Erotik verstehen. Als latenter Versuch, die soziale Polarisierung von Pornografie und Prüderie zu überwinden.

Von einer feministischen Perspektive sieht der Sachverhalt wiederum anders aus. Auf den ersten Blick könnte man nun nämlich vermuten, dass die Entscheidung des Playboy, zumindest implizit, auch als Reaktion auf die langjährige feministische Kritik verstanden werden kann, sodass das Magazin also nicht mehr das sexistische Leitmedium schlechthin sein will, welches für die patriarchale Verdinglichung des weiblichen Körpers steht. Immerhin versucht der Playboy schon seit einiger Zeit, vermeintlich feministische Akzente zu setzen. So hat er etwa nicht nur an die American Civil Liberties Union, eine liberale Bürgerrechtsorganisation, gespendet, um Kindertagesstätten zu finanzieren, sondern punktuell auch vermeintlich feministische Inhalte und Themen ins Heft gehoben.