Der tote Junge am Strand, die Erstickten im Lastwagen: Der Schlepperberuf hat ein Imageproblem. Unter anderem diesem Aspekt widmet sich vom 16. bis 18. Oktober die 2. Internationale Schlepper- und Schleusertagung (ISS) an den Münchner Kammerspielen. Klingt krass, ist aber Satire. Durch das "Mittel der Zuspitzung" solle ein Beitrag zur aktuellen politischen und gesellschaftlichen Debatte geleistet werden, heißt es auf der Webseite der Kunstaktion

In Bayern hat die Ankündigung für Empörung gesorgt. Innenminister Joachim Herrmann nannte das Projekt, das als Teil des Open Border Kongresses vom Bund und der EU gefördert wird, "fehlgeleitete Politpropaganda". Wer Flüchtlingen helfen wolle, dürfe die "menschenverachtenden Methoden der Schleusermafia" nicht verharmlosen. Hier spricht der neue Intendant der Münchner Kammerspiele, Matthias Lilienthal, über Ansätze und Ziele der Aktion.

ZEIT ONLINE: Herr Lilienthal, ein internationaler Schleuserkongress in München – was soll das?

Matthias Lilienthal: Der ISS ist Teil des Open Border Kongresses. Dort soll diskutiert werden, wie grundsätzlich mit der Flüchtlingssituation umgegangen werden kann. Die Idee ist, darauf aufmerksam zu machen, dass unsere Haltung in der Frage bigott ist.

ZEIT ONLINE: Was genau finden Sie bigott?

Lilienthal: Wir heißen Menschen, die begründet fliehen, einerseits willkommen. Andererseits geben wir ihnen aber keine andere Möglichkeit zu uns zu kommen, als sich der Schleuser zu bedienen. Und das wird kriminalisiert. Das ist Bigotterie.

ZEIT ONLINE: Viele Schleuser sind tatsächlich kriminell.

Lilienthal: Ich finde kommerzielle Schleuser widerlich. Aber es gibt auch Menschen, die an den europäischen Grenzen mit ihrem Privatauto Flüchtlinge mitnehmen. Das ist aber gesetzlich verboten. Wer das tut, macht sich strafbar: Ganz gleich, ob es sich um Kriminelle mit wirtschaftlichen Interessen oder um idealistische Helfer handelt.

ZEIT ONLINE: Das klingt so, als ob das Thema auf der Tagung nicht nur satirisch, sondern durchaus ernst behandelt werden soll.

Lilienthal: Wir wollen erstens darauf aufmerksam machen, dass es politisch fragwürdig ist, dass Schleuser mit einer Mindeststrafe von drei Monaten bedacht werden sollen. Zweitens wollen wir darauf hinweisen, dass Schleuser in der deutschen Geschichte schon mal eine ganz andere rechtliche Lage und auch eine andere Bezeichnung hatten. Am Ende haben aber auch die Fluchthelfer in der DDR Menschen aus kommerziellen Gründen über Grenzen geschmuggelt. Drittens wollen wir aber auch konkrete Vorschläge machen. Zum Beispiel soll es eine App geben, die Flüchtlinge von den Schleusern unabhängiger macht.

ZEIT ONLINE: Idealisieren Sie die Schleuser von heute nicht, wenn Sie sie mit den Fluchthelfern von damals gleichstellen?

Lilienthal: Ich stelle sie nicht gleich. Wir versuchen nur, die einseitige Sichtweise zu verändern. Die Schleuser sind nur ein Symptom, sie sind nicht die Ursache.

ZEIT ONLINE: Das Thema ist sehr politisch. CSU-Politiker stellen ihre Motive infrage. Die Frage steht im Raum: Darf Kunst das?

Lilienthal: Für mich ist das eine vordringliche Aufgabe der Kunst. Das Theater ist ein Labor für urbane Lebensformen. Es ist mein Job, mich mit ethischen und ästhetischen Fragen auseinanderzusetzen. Solche Themen gehören absolut dazu. Anders kann Kunst und Theater nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland nicht gedacht werden.

ZEIT ONLINE: Insbesondere Bayerns Innenminister Joachim Herrmann ist empört. Hat eine Kunstaktion in Bayern schon funktioniert, wenn die CSU sauer ist?

Lilienthal: Nein, die Aktion wäre ein Erfolg, wenn zum Beispiel die App zustande käme und Schleuser ihre Funktion verlieren würden. Die CSU hat damit nichts zu tun. Wir hoffen auch auf eine Diskussion darüber, wie die EU-Außengrenzen gestaltet werden können, ohne dass die Menschen größte Gefahren auf sich nehmen müssen. Auch Herr Herrmann wäre sicher froh, wenn es für syrische Flüchtlinge Möglichkeiten gebe, ohne Schleuser nach Deutschland kommen zu können.

ZEIT ONLINE: Die CSU wirft Ihnen auch Zynismus vor. Ist der Vorwurf angesichts der vielen Toten nicht zutreffend?

Lilienthal: Der Ankündigungstext ist zugegeben sehr sarkastisch. Er ist vor dem Lkw-Vorfall in Österreich veröffentlicht worden. Das Projekt ist aber nicht im Geringsten zynisch gemeint. Es ist der Versuch, die Schwierigkeiten und das Dilemma aufzuzeigen, denen sich die Menschen auf ihrer Flucht gegenübersehen.

ZEIT ONLINE: Was ist die Alternative zum kriminellen Schleusergeschäft?

Lilienthal: Wir plädieren mit der Aktion für eine Legalisierung. "Schafft legale Einreisemöglichkeiten von Damaskus nach München" – so lautet im Kern unsere Forderung. Damit ist die Hoffnung verbunden, dass die Bundesrepublik die jetzt gezeigte Willkommenskultur langfristig übersetzt. Man sollte den Flüchtlingen sagen: "Kommt und bleibt, solange ihr wollt." Es sollte keine Abschiebungen geben, wenn sich etwa die Lage in Syrien irgendwann wieder verbessert hat. Wer Jahrzehnte hier war, sollte bleiben dürfen.

ZEIT ONLINE: Rechte verkaufen die Tagung nicht als Satire, sondern als öffentlich geförderter Auswuchs "des Gutmenschentums". Hat die Aktion durch eine solche Instrumentalisierung nicht den gegenteiligen Effekt?

Lilienthal: Dass sich Rechte darüber entsetzen, ist kein Argument gegen die Aktion. Im Gegenteil.

ZEIT ONLINE: Sie wollen das Vorhaben also trotz aller Kritik durchziehen?

Lilienthal: Definitiv. Es gibt Widerstand gegen das Projekt, etwa eine Unterschriftenaktion aus dem Umfeld der Jungen Freiheit. Dadurch fühle ich mich nur bestätigt.