Heinrich Heine und Ludwig Börne waren als Publizisten Stars ihrer Branche und gingen im Salon der Rahel von Varnhagen ein und aus. Wie erklärt man am besten so einen Salon? Man muss es sich wie die NDR-Talkshow ohne Fernsehkamera und Sitzen vorstellen. Man traf sich, zeigte seine Kunst und kommentierte das Zeitgeschehen. An die Stelle der Varnhagens sind die Barbara Schönebergers gerückt. Und an Stelle der Börnes und Heines Autoren, die als Zeitungskolumnisten Zubrot und Leserschaft dazu verdienen.

Heutzutage gehört in jede Fernsehrunde ein Zeitungskolumnist. Das ist relativ neu. In ganz frühen Fernsehzeiten traten keinen Leute auf, die für Zeitungen schrieben. Man war Filmdiva, Historiker oder Günter Grass. Nie war die Meinung eines Journalisten so gefragt wie heute. Aber auch diese Aufmerksamkeit kennt noch eine Steigerung. Was seit der Renaissance die Signatur des Malers war, ist bei den Publizisten ihr Autorenfoto. Der Mensch hinter dem Werk soll sichtbar werden. Bei einem Leonardo da Vinci oder Michelangelo kann man es ja noch verstehen, aber bei einem Journalisten? Ist es wirklich wichtig, wie sie aussehen? Ist es nicht vielleicht sogar hinderlich? Mit der Personalisierung von Journalisten steigt die Lust des Lesers, das Gelesene in Beziehung zum Äußerlichen zu setzen ("Gendergerechte Bezahlung? Am Arsch! Bei Ihrem Aussehen hat es eben nur zur Feministin gereicht!").

Irgendwann in diesem Jahr tauchte in den Artikeln des Nachrichtenmagazins Der Spiegel das Ich auf. Das gab es nie zuvor. Dass ein Redakteur in der ersten Person Singular eine Geschichte erzählt. Wenige Zeit später wurden Kolumnen im Blatt eingeführt. Die Kolumne ist wie der Kommentar eine Meinung. Stilistisch betrachtet hat die Kolumne aber mehr Freiheiten. Jede Spiegel-Kolumne ist mit einem gezeichneten Porträt des Kolumnisten geschmückt. So kann man Zeitung für Zeitung durchgehen und nachvollziehbar machen, wie aus den Autoren Ichs werden. Der neuste Schrei ist, dass man im Teaser eines Artikel schreibt: "Unser Autor erklärt, warum das Leben mit Kindern die Hölle auf Erden ist". Am nächsten Tag dann: "Unser Kolumnist antwortet unserem Autor von gestern und findet Kinder sind das Karamell des Universums!". Auch schön: "Die Opposition findet, die Kanzlerin spinnt. Wir finden: Tut sie nicht!" Das ist eine ganz neue Form, fast eine Art Wähwähwäh-Journalismus.

Die meisten Revolutionen dieser Art werden in der breiten Öffentlichkeit nicht kommuniziert, weil der ungeübte Leser sie ohnehin nicht bemerkt. Der Leser interessiert sich selten dafür, in welcher journalistischen Gattung er sich bewegt ("Betreff: Kolumne. Wann verschont uns der Schreiber endlich mit seiner Meinung?"). Jedes Medium tut gut daran, nicht jede typographische Neuerung und Layoutänderung zu kommunizieren. Was bringt es? Es ist doch nur der hilflose Versuch, sich selber wichtig zu machen. Der beste Weg für Medien im Gespräch zu bleiben, sind gute Medien.

In der Nachrichtensendung Tagesthemen tauchten ein Paar Beine im Studio auf. Es sah aus, als hätte irgendjemand bei Peek & Cloppenburg vergessen, die untere Hälfte einer Schaufensterpuppe wegzuräumen. Die Zeitungen meldeten ohne jegliche Sensibilität für genderfreie Sprache: herrenlose Beine aufgetaucht. Der ARD-Chefredakteur Kai Gniffke sprach von einer Panne. Eigentlich wussten alle, die sich hauptberuflich mit Nachrichten beschäftigen, dass es sich lediglich um die sehr unbedeutende Tatsache handeln konnte, dass man künftig die Beine der Moderatoren sehen würde.

Im Heute Journal hatte man vor einiger Zeit absurd viel Geld ausgegeben, damit die Nachrichtensprecher in der Kulisse irrlichtern können. Das sieht seitdem aus wie Science-Fiction für arme Galaktiker. War ja klar, dass die ARD mitziehen muss. Statt die Beine einfach zu zeigen, hat sich die Marketingabteilung des Senders das Bilderrätsel mit der vergessenen Puppe ausgedacht. Und als dann endlich der große Tag kam und Jan Hofers Beine gezeigt wurden, war die Überraschung enttäuschend. Denn es waren wirklich nur ein paar ganz normale Beine. Leider ist die Kameraeinstellung so schrecklich, dass die Männer und Frauen gnomhaft verkürzt aussehen und wirken, als hätten sie dickliche Waden obendrein. An die Damen möchte man den Rat geben, nie, wirklich nie einen Rock anzuziehen und Jan Hofer muss dringend Pumps unter der Anzughose tragen, um die Proportionen wieder herzustellen, die durch die Totale von schräg oben ruiniert wurden.

Dabei hätte es bleiben können. Aber nein! Die Tagesschau musste die Sache mit den Beinen natürlich kommentieren. In einem Video mit dem Titel Die neue Beinfreiheit tanzen die Tagesschau-Moderatoren cancan, am Ende folgt der claim:

Der ganze Mensch, die ganze Wahrheit: Tagesschau

Da fühlt man sich nach einem halben Jahrhundert Tagesschau ohne Beine natürlich um die Wahrheit betrogen. Und fragt sich überhaupt, was das denn ist, die ganze Wahrheit? Gibt es sie? Wäre nicht schon viel gewonnen, wenn die Nachrichtensendungen angesichts der Abbildung des vollständigen Moderators auch vollständiger wären? Wenn bei Kriegsmeldungen künftig auch die Börsenkurse von Rüstungsaktien erwähnt werden. Oder Flüchtlingszahlen gekoppelt wären mit der Nachricht, welche Länder noch nicht in die Treuhandfonds des UNHCR eingezahlt haben. Wenn man angesichts der Rumänen, die nach Deutschland zum Arbeiten kommen, die Namen der Konzerne erwähnt, die den Großteil der dortigen Agrarflächen kontrollieren. Nur so als Beispiel.

Abgesehen davon. Wie stehen wir als ZEIT ONLINE-Kolumnisten denn jetzt da? Ab nächster Woche werden wir hier an dieser Stelle auch den Fußboden zeigen, auf dem wir während des Fotoshootings standen, anschließend eine Polonaise tanzen und den claim veröffentlichen: "ZEIT ONLINE – hier fußt die Wahrheit!"