Der französische Philosoph André Glucksmann gehörte neben Bernard-Henri Lévy und Pascal Bruckner zu den französischen Neuen Philosophen, die in ihren Anfängen in Deutschland eher skeptisch rezipiert wurden. Dabei bezeugte Glucksmann, ein entschiedener Interventionist und von der Idee des gerechten Kriegs überzeugt, durch sein Engagement für die vietnamesischen boat people eine Haltung, die Frankreich angesichts der europäischen Flüchtlingskrise heute gut zu Gesicht stünde. Seinem Land und der Welt ist dieser unentwegte Interventionist  jetzt im falschen historischen Augenblick verloren gegangen.

Geboren wurde Glucksmann am 19. Juni 1937 als Kind ostjüdischer Kommunisten in Boulogne-Billancourt. Seine Eltern hatten sich in den zwanziger Jahren in Palästina kennengelernt, waren später nach Europa zurückgekehrt, hatten sich in Deutschland dem kommunistischen Untergrund angeschlossen und waren 1936 vor den Nationalsozialisten aus Deutschland nach Frankreich geflohen. Der Vater starb nach dem Einmarsch der Deutschen bei der Überfahrt des Ärmelkanals durch einen Torpedoangriff auf sein Schiff; die Mutter schloss sich der Résistance an. Die Okkupation Frankreichs hat Glucksmann als auf dem Land verstecktes Kind unter dem Decknamen Joseph Rivière überlebt.

Die Geburt des Dazwischengehers

Am Ende des Kriegs, bei einer Feier, die den Frieden begrüßte, beharrte der achtjährige André darauf, seine Kriegserlebnisse nicht zu vergessen, und warf einen Schuh mitten in den Empfang der Familie Rothschild. In einem Interview anlässlich seines 70. Geburtstags bezeichnet er diese Episode als einen Knotenpunkt seines Lebens. Sie war die Geburtsstunde des Dazwischengehers. "Im Jahr 1945 so zu tun, als sei nichts geschehen", sei ihm wie eine Verstümmelung seiner Erlebnisse erschienen. Er glaubte weder damals noch 1989 an das Vorübergehen oder gar das Ende der Geschichte. Den Fall der Mauer, über den er für Le Monde aus Berlin berichtete, erlebte er als ein Wiedereintreten in die Geschichte und widersprach damit vehement Francis Fukuyama. (Wut eines Kindes, Zorn eines Lebens. 2007)

Pascal Bruckner bezeichnet ihn als einen Mann auf der Lauer. Das Bild bringt die Sprungbereitschaft zum Ausdruck, den Interventionismus eines Menschen, der sein Überleben unentwegter Wachsamkeit verdankt. Dass das Gute zu finden sei, bezweifelte Glucksmann, zu gewiss witterte er die Gefahren des Bösen. Sein Überlebensprinzip bestand eher darin, gegen das Schlimmste gewappnet zu sein.

Bis zum Schluss wütete der Todkranke gegen das Verbrechen der Gleichgültigkeit: "Nichts Unmenschliches ist uns fremd", schrieb er im Februar dieses Jahres im Philosophie Magazin, "auch wenn uns diese Lektion im Halse stecken bleibt. (…) Es nützt nichts, die Augen abzuwenden. Wir verstehen es nicht, uns über das Gute zu verständigen, aber können uns gegen das Böse wappnen."

In den 1980er Jahren, mitten in den deutschen Nachrüstungsdebatten, stritt er sich mit deutschen Pazifisten. "Was hättet ihr 1943 gemacht, wenn ihr über Vernichtungswaffen verfügt hättet? Hättet ihr sie den Warschauer Juden gegeben?" Da lag Glucksmanns eigene Wende, die Abkehr vom Marxismus und Maoismus, schon fast ein Jahrzehnt zurück, nachdem er Solschenizyns Archipel Gulag gelesen und sein eigenes Buch Köchin und Menschenfresser – über die Beziehung zwischen Staat, Marxismus und Konzentrationslager geschrieben hatte. Mit dem Buch war er dem deutschen Historikerstreit fast ein Jahrzehnt voraus und funkte zugleich der deutschen Rückbesinnung auf den Kulturbruch des Nationalsozialismus dazwischen, was erklärt, warum Autoren wie Lothar Baier und Jean Améry so irritiert über Glucksmann im Merkur schrieben.

Vater aller Dinge

Nur wenige Jahre nach dem Buch Köchin und Menschenfresser waren in Deutschland Klaus Theweleits Männerphantasien erschienen, weswegen es auf der anderen Seite des Rheins so befremdete, wenn ein Überlebender der Shoah Ernst von Salomon zitierte ("Der Große Krieg ist vorbei, aber die Krieger sind noch da.") und an Heraklits Satz vom Krieg als "Vater aller Dinge" erinnerte. Als "Kind deutscher Kultur" fand er auf beiden Seiten des Rheins immer wieder seinen Platz als dissenting voice zwischen allen Stühlen der französischen und deutschen intellektuellen und politischen Debatten.

Zugleich engagierte sich Glucksmann für die entrechteten boat people, für Bosnien, Ruanda, für die Tschetschenen. Er argumentierte gegen Gerhard Schröder und Jacques Chirac und plädierte für einen Kriegseintritt Frankreichs gegen Saddam Husseins Irak. Es wäre dennoch verfehlt, ihn als einen Geistesverwandten der amerikanischen Neokonservativen einzuordnen. Ihnen muss dieser Interventionist des Überlebens immer unheimlich gewesen sein. Sein Bild des Intellektuellen gleicht einem, auf den keiner bauen kann. Er war ein Prophet des Desasters.

Lust auf Katastrophen

Dass er zeitlebens als Davongekommener auf der Lauer war, schärfte Glucksmanns Sensorium für den aufsprießenden Hass in den Banlieues der großen Städte. Er beschrieb den Hass gegen den Westen, gegen Israel, die USA, auf Juden, Frauen und auf gleich welche Minderheiten als Rückkehr einer elementaren Gewalt. Sie entwickele sich in drei Stadien: anfänglichem Selbstmitleid, dann dem Hass auf die anderen und im dritten Stadium dem Weltenbrand, der Lust auf Katastrophen des Untergangs.

In diesen Tagen der nächsten europäischen Krise findet der Hass auf andere gesellschaftliche Kohorten zurück auf die andere Seite des Rheins, richtet sich nun als Projektion gegen Flüchtlinge. In der Nacht zu Dienstag ist André Glucksmann im Alter von 78 Jahren gestorben. Sein absolutes Gehör für falsche Töne hätte dieses "Kind der deutschen Kultur" vielleicht auch dieses Mal nicht auf die Seite des Kampfes für das Gute geführt, gewiss aber Ressourcen für den Kampf gegen das Böse mobilisiert.