Es gibt viele Gründe, Jan Böhmermann nicht lustig zu finden. Und es gibt viele Gründe, auch sein neues Rap-Video Ich hab Polizei mittellustig bis überhaupt nicht lustig zu finden, stattdessen aber pennälerhaft oder einfach albern. Die Internetmeteorologie wollte es allerdings so, dass seit vergangenem Freitag über eben dieses Video erhitzt diskutiert wird. Im Zentrum der Debatte steht nicht etwa die musikalische Qualität, sondern die Geste, die man hinter Böhmermanns Lied vermutet.


Es scheint plötzlich darum zu gehen, wer sich einen Kapuzenpulli anziehen und mit verschränkten Armen und eigenwilliger Syntax böse Gesten und Gesichtsausdrücke üben darf. Also darum, ob Böhmermanns Video nur den erfolgreichen Gangsterrapper Haftbefehl imitiert. Oder ob es Ausdruck des "Armutsrassismus" eines weißen Mannes aus der Mittelschicht sei, wie es im Kommentar des Hip-Hop-Magazins Splash steht – beziehungsweise eine "kulturelle Annexion", die immer dann stattfinde, wenn ebenjene "bildungsbürgerlichen" Menschen, die bei Knarren sonst bloß an ihre Altbaudielen denken, Gangsterrap bejubeln. 

Es geht jedenfalls schon lange nicht mehr um Humorkritik. Der Bayrische Rundfunk bezeichnete das Video in einem Kommentar als "Hohn" und als "Erlaubnis, Ausrede und Einladung für und an alle, die nichts mit Rap zu tun haben oder diesen Soziolekt nicht sprechen, sich doch auch einmal als Gangster zu maskieren." Der angesehene Hip-Hop-Fachjournalist Marcus Staiger schrieb in der Vice: "Das Bildungsbürgertum schlägt zurück: Jeglichen Inhalt in den Texten ignoriert ihr vollkommen und macht euch nur noch über die Form lustig." 

Ist Böhmermann nun über das Ziel hinausgeschossen? Oder sind es seine Kritiker?

In dem böhmermannkritischen Text im Splash-Magazin heißt es: "Der ironische Umgang mit Straßenrap ist ein Ausweg aus einem internen Dilemma, denn: sich Straßenrap zu verweigern ist unmöglich – sonst war’s das mit dem gesicherten Platz im Club der coolen Kids." Abgesehen davon, dass es weder ein Problem noch ein Dilemma ist, sogenannten Straßenrap einfach zu ignorieren, ohne um seine persönliche Coolness zu fürchten: Man kann Böhmermanns ironischen Umgang mit dieser Musik aus Geschmacksgründen verurteilen, so wie jedweden ironischen Umgang mit allerhand anderen Dingen auch.

Darf Rap nun Kunst sein oder nicht?

Allerdings ist die humoristische Annäherung ans Objekt ein durchaus legitimes Mittel der Kunstrezeption. Sie bedeutet nicht, dass zwangsläufig ein Milieu veralbert wird oder, wie im konkreten Fall, diese Musik vom gut situierten Mittelschichtmilieu vereinnahmt und damit ihrem ursprünglichen Habitat entrissen wird. Nein, diese Böhmermann-Kritik schlägt schon eine seltsame Volte: Einerseits verurteilt sie den vermuteten Dünkel einer Elite, die sich witzelnd über den Gangsterrap beugt. Andererseits stellt sie eine subkulturelle Hausordnung auf, die vorschreibt, wie man diese Musik zu hören und zu erzeugen habe, wenn man mitspielen möchte.      

Dabei ist Gangsterrap inzwischen Mainstream, ähnlich wie Peter Maffay oder Xavier Naidoo es schon lange sind. Das tut vielleicht weh, aber da müssen wir alle eben durch. Und mit der massenhaften Rezeption kommt eben nicht nur der subkulturspezifische, affirmative Umgang mit dieser Musik. Sie ermöglicht auch andere Zugangsformen, die jenseits der puren Identifikation liegen. Da hilft auch nicht der Hinweis des Bayerischen Rundfunks, der deutsche Gangsterrap habe sich mühsam in den Mainstream "gekämpft" – als folgten aus einer vermuteten Aufstiegsgeschichte dieser Musik plötzlich andere Umgangsregeln. Denn natürlich ist diese Musik genauso zum Diskurs freigegeben wie jedes andere massenkulturelle Phänomen auch. Das heißt zur Aneignung, Affirmation, zum Lob, aber auch zum Verriss und zur Parodie, ohne dass dahinter sofort eine soziale Diskriminierung gewittert werden muss. Was für Udo Jürgens und Coldplay gilt, gilt auch für Bushido und Haftbefehl, dessen eigenwilliger Sprachstil ja bis in die FAZ und ZEIT hinein als Literatur gefeiert wurde.  

Wenn man also die Sprache und Artikulation, wie Haftbefehl sie pflegt, als Kunst anerkennt, bedeutet das ebenfalls, dass sie genauso parodiert werden kann wie etwa Martin Mosebachs großbürgerliches, museales Sprachgetue, das er in seinen Romanen verbreitet. In beiden Fällen ist die Sprache nicht bloß soziokultureller Herkunftsnachweis: Es ist eine artifizielle Schöpfung. Womöglich übersehen das Böhmermanns Kritiker, wenn sie sagen, er veralbere nicht bloß Haftbefehls Sprachduktus, sondern damit auch das sogenannte Kanak-Deutsch einer Minderheit. Es sei gewissermaßen Klassenkampf von oben, in dem einer ohnehin schon minoritären Gemeinschaft und ihrer als authentisch zugeschriebenen Ausdrucksform des Gangsterraps wieder ihr sozialer und kultureller Platz zugewiesen werde.   

Diese Argumentation birgt mehrere Denkfehler. Zum einen erzeugt sie selbst eine homogene sprachliche "Unterschicht" (Vice), die nun gegen Böhmermanns Zugriff verteidigt werden soll, und vergisst dabei, dass der Verzicht auf Präpositionen und Bezüge ("Ich hab Polizei") längst in die gesamte Gesellschaft und ihre Umgangssprache eingezogen ist, worüber sich eigentlich nur noch der Verband für deutsche Sprache aufregt. Wer glaubt, Böhmermann trage hier einen Kulturkampf zwischen Bildung und Unbildung aus, begeht einen gedanklichen Kurzschluss. Er hat sich nicht über ungebildete Menschen lustig gemacht, sondern über eine sprachliche Kunstform, die auch bei Rappern mit Abitur nicht unüblich ist: "Du bist Boss, wenn du in den Kampf gehst, dein' Mann stehst", textet etwa Kollegah.

Ist doch nur Pose!

Zum zweiten reproduziert die Argumentation der Kritiker – wie im Splash-Magazin – mitunter die Klischees von sozialen Schichten, in diesem Fall der sogenannten Mittelklasse ("Gösser-Radler", "Weekday-Hosen"), die sie im anderen Fall wütend beklagen. Und zum dritten stellt sich die Frage, ob Böhmermann mit seiner Parodie dem Gangsterrap tatsächlich den Kunststatus absprechen will, wie Marcus Staiger im Vice-Magazin behauptet, oder ob sich diese Diffamierung nicht vielmehr erst in den gut gemeinten Versuchen vollzieht, den Gangsterrap gegen Böhmermann zu verteidigen. Mit dem Hinweis, Böhmermann belustige sich über eine tatsächliche "soziale Wirklichkeit", werden Realität und Rap in ein Eins-zu-Eins-Verhältnis gesetzt: Es wird alles Künstliche aus dem Genre suspendiert, das andernfalls so oft als Entschuldigung herhalten muss, wenn der Sexismus und die Gewaltdarstellungen der Texte vom ahnungslosen Feuilleton und besorgten Eltern angesprochen werden. Dann heißt es immer: Ist doch nur Pose! Ist doch Kunst!

Und man tat bisher gut daran, Haftbefehls Texte als solche zu begreifen, als mal virtuos mal weniger virtuos zur Scarface-Fantasie hinaufmultipliziertes Leben. Da können Sätze wie "Kopfschuss für den Officer, bevor er auf den Boden fällt, wenn ich Schrotflinte bang, Schlampe, will ich Tote sehen" als hyperbolische Koketterie mit Gangster- und Gewaltmythen aller Art stehen und nicht als kindisches, dummes Zeug.

Es ist eben diese Pose, die Jan Böhmermann sich in seinem Video zu eigen macht, während er im Text die Rollen vertauscht: Aus Gangstern wird die Polizei, sonst bleibt alles beim Alten, die Waffen, die Gewaltbereitschaft, die Allmachtsvorstellungen. Hinterher stehen sowohl die "Muskel-Ottos" mit ihren Butterfly-Messern schlecht da als auch die Freunde und Helfer. Beides wird gleich. Wer sich auf das Verwirrspiel der Sprechpositionen einlässt, kann hierin sogar feststellen, dass Böhmermann eher nach oben tritt als nach unten.