Natürlich hat man Volker Lösch geholt. Der Regisseur ist der Feuerwehrmann des deutschen Theaters. Man ruft ihn, wenn's brennt. In Stuttgart hat er ein Stück über die Bahnhofsproteste gemacht. In Hamburg hat er sich mit den Superreichen beschäftigt. Und in Dresden hat er vor Jahren Hartz-IV-Empfänger auf die Bühne gestellt.

Jetzt, wo jeden Montag Tausende Menschen für ein islamfreies sächsisches Abendland demonstrieren, ist er zurück in Dresden. Graf Öderland/Wir sind das Volk heißt das Stück, das er am Staatsschauspiel inszeniert hat. Er verknüpft darin Max Frischs Drama um einen gewalttätigen Gesellschaftskritiker mit einer Erzählung über die Menschen in dieser Stadt: Pegida-Anhänger, Pegida-Gegner und die große, schweigende Mehrheit.

Es ist kein normaler Theaterabend an diesem Samstag. Das merkt man an den Dutzenden Vorberichten und den vielen angereisten Kritikern, die auf einen Skandal warten. Man merkt es am Szenenapplaus, der immer dann einsetzt, wenn ein Darsteller besonders heftig über Pegida schimpft. Und man merkt es am Schluss: stehender Applaus, wie man ihn bei Theaterpremieren selten erlebt. Im Parkett und auf den Rängen erheben sich die Zuschauer. Aber was genau beklatschen sie? Vielleicht mehr die politische Position als das künstlerische Ergebnis.

Bürgerchor aus Laiendarstellern

Menschen in Alltagskleidern stehen auf der Bühne. Ein älterer Mann mit Schnauzbart und Schiebermütze, der aussieht wie ein Gewerkschafter aus dem vorigen Jahrhundert. Eine kleine, untersetzte Frau mit Brille. Ein bulliger Typ mit Glatze, den man sich gut auf einer Pegida-Demonstration vorstellen kann. Es ist ein Bürgerchor aus Dresdener Laiendarstellern. Gemeinsam schleudern sie Brand-Sätze ins Publikum: "Ich bin kein Nazi. Ich sehe einfach nur Deutschland in Gefahr." "Es wird Zeit für eine Verabschiedungskultur." Und: "Ab nach Auschwitz und Buchenwald! Da ist genügend Platz, die Öfen müssen nur angeheizt werden."

Es sind Ausschnitte aus Interviews, die der Regisseur und Journalisten mit Pegida-Anhängern geführt haben. Sie sind zu einem Crescendo des Hasses arrangiert. Auch optisch rüstet der Chor im Laufe des Abends auf. Irgendwann brüllen 30 Menschen von der Bühne herab, in Militärkleidung, mit Fackeln und Deutschlandfahnen. Eine Szene von überwältigendem Grusel.

Grelles Musical

Max Frischs Drama Graf Öderland erzählt von einem Staatsanwalt, der aus der Ödnis seines Lebens ausbricht. Er geht in die Wälder, haut mit seiner Axt jeden nieder, der sich ihm in den Weg stellt und versammelt ein Heer der Unzufriedenen hinter sich. Unzufrieden sind ja auch die Pegida-Anhänger. Aber aus anderen Gründen. Der Staatsanwalt wehrt sich gegen jede ideologische Vereinnahmung, Pegida dagegen schafft es, vermeintlich unpolitische Bürger zu ideologisieren. Der Staatsanwalt träumt in der stillstehenden Schweiz der fünfziger Jahre von einer neuen Freiheit, Pegida im sich verändernden Deutschland von einer alten Ordnung.

Die Öderland-Geschichte wird in Löschs Inszenierung zu einem grellen Musical. Der Staatsanwalt, gespielt von Ben Daniel Jöhnk, ist ein breitbeiniger Typ mit Ché-Guevara-Appeal, der sich endlich mal sexuell ausleben darf. Antje Trautmann macht die Ehegattin zur Protagonistin einer Boulevardkomödie. Und die Frau, mit der der Staatsanwalt den Aufstand anzettelt (Lea Ruckpaul), kommt nicht über eine erotische Fantasie hinaus. Um feine Figurenzeichnung soll es hier offenbar nicht gehen. Sondern um Vergrößerung und Klamauk.

Nur ab und zu gelingt die Tangente zur Gegenwart. Der Hellseher, der den verschollenen Staatsanwalt sucht, tritt als Soziologe Heinz Bude auf und verkündet seine These, wonach sich bei Pegida das Dienstleistungsproletariat mit den Selbstgerechten und Verbitterten zusammenschließe. Aber sonst wartet man allzu oft darauf, dass die Rahmenhandlung stillsteht und Platz macht für die Gegenwart.