Ich rahme Bilder ein, Linoldrucke, die wir mit den Kindern gemacht haben. Jeden Samstag kommen Frauen und Kinder, und wir zeichnen auf Linoleum vor und schneiden dann die Druckstöcke mit scharfen Messern. "Nicht aufgeben" hat ein zehnjähriges Mädchen aus Albanien geschnitten, daneben eine Blume. "Zirkus work hard" schreibt ein vierzehnjährige Mädchen, dessen Schwester sich in der Zirkusschule bewirbt und jeden Tag mehrere Stunden trainiert, bis ihr alles weh tut. "Islam" steht auf einem anderen Blatt. Das ist der Vorname eines neunjährigen Jungen. Dann gleich drei Fußballfelder in grün und blau. Und mein Lieblingsbild. Zwei "Frauenoutfits". Eines ein kurzes Ausgehkleid, hohe Stiefel mit Absätzen und eine Damentasche. "Schön, und jetzt zeichne, was du selbst trägst", sagte ich zu Amina. Sie zeichnet sofort einen langen Rock und ein Kopftuch, das sich wie ein Schneckenhaus windet. "Und Schuhe dazu?" hake ich nach. "Ich trage Sportschuhe. Aber ich kann sie schlecht zeichnen." Ich male vor und Amina zeichnet ab. Amina ist schon volljährig. Sie ist seit ihrer Kindheit schwer krank. Wenn sie das Haus verlässt, dann um ins Krankenhaus zu fahren. Jeden zweiten Tag muss sie dorthin gebracht werden. In ihrem Heimatland würde sie nicht überleben, hier hat sie eine Chance. "Ich würde so gerne Deutsch lernen und dann im Kindergarten arbeiten", sagt sie mir. Trauriger kann es nicht sein. Zum Sprachkurs schafft Amina es nicht, sie ist zu schwach dafür, von einer Ausbildung kann sie nur träumen.

Ich nagle die Rahmen an die Wand. Olga und Anna kommen. Wir gehen in den Keller, den Spendenraum aufräumen. Gestern hat jemand darin so herumgewühlt, dass der Raum zu einem Müllberg wurde. Wir schieben Regale zusammen, sortieren grob die Kleidung, was die Menschen alles so bringen, viel Schrott ist dabei, tragen Kartons hoch und runter und den Müll raus. Der Klassenraum muss auch noch fertig gemacht werden. Es stehen Wasserkrüge und Gläser herum, der Boden ist mit Kreide beschmiert, das Spieleregal haben die Kinder auf dem Boden ausgeräumt. Am Mittwoch waren über 150 Menschen zum Deutschstammtisch hier. Andere Sprachkurse in der Stadt suchen nach Schülern, und wir platzen jeden Abend aus allen Nähten. Die Leute kommen gern zu uns.

Ich schaue auf die Uhr: Ich bin zu spät. Heute ist Eröffnung im Gorki-Theater, ich muss noch die letzten Dinge in der Ausstellung aufbauen und sollte wirklich früher da sein. Ich greife nach meinem Mantel und springe auf die Straße. Ich bin verstaubt und rieche nach Schweiß. Meine Ausgehjacke habe ich zu Hause vergessen. Mist. Ich renne. Der Bus fährt heute nur bis zum Hauptbahnhof. Ich wechsle in die S-Bahn, den Rest gehe ich zu Fuß.

Handeln statt Debattieren

Vor dem Eingang werde ich gefragt, ob ich von der Presse sei. Nein, ich bin von den Künstlern. Lächeln, ich werde reingelassen. Die Halle füllt sich schnell. Ich laufe durch. Ich erkenne ein paar Gesichter. Einigen lächele ich entgegen, den anderen gehe ich aus dem Weg. Sie mir auch. Ich setze mich auf eine samtbezogene Bank. Neben mich möchte sich noch jemand setzen, ich erkenne den Mann und begrüße ihn. Er schaut stumm. Wir waren vor ein paar Wochen in derselben Fernsehsendung und haben uns beim Warten in der Maske ausführlich unterhalten. Ihn interessierte unsere Initiative, besonders, dass wir keine staatlichen Förderungen beantragen, konnte er kaum glauben. Wir machen das aus Prinzip nicht. Er selbst leitet eine große staatliche Stelle und wollte bald mal bei uns vorbeischauen. Jetzt erkennt er mich nicht.

Sekt wird vorbeigebracht. "Danke nein", sagt einer der Kuratoren, "ich habe mir heute vorgenommen, mich nicht zu früh zu betrinken." Ich nehme mir gerade das Gegenteil vor. Das Betrinken muss heute schnell und schmerzfrei gelingen, immerhin habe ich nur gefrühstückt. Ich trinke drei Gläser Sekt nacheinander. Shermin Langhoff hält die Eröffnungsrede. Sie stellt alle Kuratoren namentlich vor und sagt, dass sie keine Kuratoren seien, sondern Organisatoren. Noch so ein Wort, das sich offensichtlich abgenutzt hat. Shermin sagt, dass fast dreißig Künstlerinnen am diesjährigen Herbstsalon teilnehmen, eigentlich sogar mehr, fast fünfzig. Die Namen der Künstlerinnen werden nicht genannt. Dann wird die Sponsorenliste aufgesagt. Zum Schluss hofft die Intendantin, dass die gezeigten Arbeiten nicht nur zu intellektuellen Debatten führen, sondern auch in Handlung übergehen.

Die Menschen strömen in die Hallen. Ich überlege, was ich jetzt machen soll. Mir fällt ein, dass ich die Einladung zum Herbstsalon an niemanden verschickt habe. Ich habe einfach nicht daran gedacht. Ich pflege meinen Verteiler nicht. Ich schaue in die Menschenmenge. Keiner da, mit dem ich den Abend verbringen möchte. Ich gehe in den Raum mit meiner Arbeit. Die Menschen bleiben lange vor der Wandzeichnung stehen und lesen die Texte. "Hast du das tatsächlich alles von Hand geschrieben?" werde ich von einem Kurator gefragt. Jetzt reicht es mir. Ich muss zur Toilette und mein Handy klingelt. Terroranschläge in Paris.