Das letzte Mal hatten wir uns, die wir sonst meist zusammen gelacht haben, auf einem Begräbnis gesehen. Es war im September 2014, wir folgten dem Sarg unseres Freundes Gert Voss, der, wie bei allen großen Schauspielern der Wiener Burg, ein Mal um das Theaterhaus getragen wurde. Luc Bondy ging schwer, ein wenig humpelnd, doch aufrecht. Dann sank er in den Sessel im Bus, der den engeren Kreis der Trauergäste auf den Wiener Zentralfriedhof brachte.

Dort konnte Luc Bondy kaum noch stehen und musste sich bei der Grabrede von Hermann Beil selber hinlegen. Auf ein Stück Wiese, nahebei. Da lächelte er wieder, wirkte fast wie ein später Sommergast, allein der Picknickkorb und der Sonnenhut fehlte, und er sagte nur entschuldigend: "Mein Rücken!"

Tatsächlich war der Tag nicht nur wegen des Abschieds von Gert Voss voller Schwermut, ihn quälte das eigene, längst marode Gebein. Bondy war mehrfach am Rückgrat operiert worden, in ihm steckten Schrauben und Schienen – in ihm, der schon als fünfundzwanzigjähriges Junggenie des Welttheaters gegen Hodenkrebs und Jahre später nochmals mit einem Tumor kämpfen musste und dabei in seinen Inszenierungen und bei jedem persönlichen Treffen doch immer voller Charme und Lebensheiterkeit wirkte. Wie ein Schmetterling, der weiß, was angesengte Flügel sind, und der dennoch anderen voranfliegt, leuchtend, graziös.

Ein sanfter Rebell

Er war körperlich eher klein, und als er noch Locken hatte, zwirbelte er sie beim Reden gern mit den Fingern, um die er auch Schauspieler, Frauen und Freunde wickelte. Denn Luc Bondy war ein großer Verführer. Mussets Man spielt nicht mit der Liebe, das war 1977, nach einem Erfolg mit Else Lasker-Schülers Wunderstück Die Wupper, seine zweite Inszenierung in Berlin, noch an der damals jungen alten Schaubühne am Halleschen Ufer. Und er spielte fast immer mit der Liebe, im Theater wie im Leben, aber das Spiel nahm er ernst.

Als Sohn des einst sehr berühmten Zürcher Literaturkritikers François Bondy (eines gebürtigen Berliners) und Enkel des Regisseurs und Autors Fritz Bondy alias N. O. Scarpi wuchs er in der Schweiz und in Frankreich auf, in einer bildungsbürgerlichen jüdischen Familie mit zehntausend Büchern, von denen er zunächst kein einziges las. Luc war als Kind legasthenisch, später ein sanfter Rebell. Nicht politisch. Lieber Drogen, Mädchen, Alkohol, Musik. Auch die Literatur, die er dann zu lieben begann, sollte möglichst kurz sein, poetisch dicht, Gedichte eben. Später verwandelte er Dramen von Marivaux, Molière, Ibsen, Tschechow, Beckett und auch Yasmina Reza: in Theaterdichtung und subtilstes Spiel.

Mit zwanzig lernte er an der Pariser Schauspielschule des Pantomimen Jacques Lecoq die gleichsam musikalische, wortfreie Geste, arbeitete ab Ende der 60er Jahre als Regieassistent am Hamburger Thalia Theater – und wurde über Nacht ein Star. In München, am damals etwas verschnarchten Residenztheater, gelang ihm mit Edward Bonds merkwürdigem Drama Die See auf der großen Bühne 1973 mit 25 Jahren ein Riesenstreich. Schauspieler wie Siegfried Lowitz und Walter Schmidinger waren da sehr spooky, ganz geisterhaft gut. Luc Bondy konnte Akteure schon früh zum Schweben bringen und schaffte es, dass man als Zuschauer gleichfalls in oszillierende Zwischenzustände geriet. Dass man beim Denken zu fühlen und beim Fühlen zu denken glaubte.