Was wird in der Flüchtlingsfrage gerade gemahnt und gewarnt! Als gäbe es keine anderen Sorgen mehr. Sind alle übrigen Probleme eigentlich gelöst? Griechenland und die Banken, das Bildungsproblem, die Ausländermaut, das Betreuungsproblem für kleine Kinder? Alles nicht mehr relevant? Wo stehen wir, die Grenzzäune einmal beiseite gelassen, außenpolitisch? Wie wird mit der Ukraine umgegangen, der Türkei, China, Russland, Iran, Syrien, Irak, Afghanistan? Sind ein paar Hunderttausend Flüchtlinge zusätzlich in diesem Land wirklich eine derartige Katastrophe, dass alles andere keine Rolle mehr spielt? Nach allem, was man in den letzten Wochen hört, sind bislang nur Flüchtlinge von ihrer eigenen Problematik betroffen. Nicht wir, die deutsche Bevölkerung. Wenn man wirklich wollen würde, würde man sich in der Flüchtlingsfrage anders anstrengen. Anders helfen. Anders da sein. Logistisch, bürokratisch, politisch, finanziell. Man würde versuchen mehr Schutz zu gewähren, mehr Sicherheit, mehr Hilfe. Und nicht weniger.

 

Das neueste Beispiel in der Debatte darum, was man von den Flüchtlingen in Deutschland zu halten hat, zeigt eine Bochumer Polizistin, die gerade herumgereicht wird. Sie wiederholt von Sendung zu Sendung Beispiele aus ihrem vermeintlichen Alltag, die illustrieren sollen, wie schädlich sich "Migranten und Flüchtlinge aus dem muslimischen Kulturkreis" benehmen. Die Beispiele handeln immer davon, dass Muslime unverschämte Zeitgenossen sind. Egal ob sie geflohen oder hier geboren und aufgewachsen sind. Experten, die sich hauptberuflich mit dem Phänomen von Ausgrenzung gesellschaftlicher Gruppen auseinandersetzen, nehmen diese Polizistin genauso achselzuckend hin wie sie zuvor Publizisten und ehemalige Bundesbanker hinnahmen. Selten sieht man einen Gesprächsgast, der geduldig die Thesen der Polizistin Argument für Argument auseinandernimmt. In die Ecke gedrängt, gibt die Polizistin wenigstens zu, keine verlässlichen Zahlen zur Hand zu haben. Mit anderen Worten, man könnte genauso gut eine andere Polizistin in diese Talkshows setzen, die beharrlich behauptet, dass die liebenswürdigsten Tatverdächtigen Muslime seien. Man könnte auch Polizisten in solche Shows setzen, die davon erzählen könnten, wie manche Polizisten sich gegenüber Menschen benehmen, deren Namen etwas orientalischer klingen.

Die Stimme der Straße

Ein anderes Beispiel des warnenden und mahnenden Polizisten ist das CDU-Mitglied Rainer Wendt. Er ist Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft und ein gern gesehener Gast in Talkshows. Denn man hat in diesem Land immer noch ein hohes Vertrauen in den deutschen Sicherheitsapparat. Wie weit dieses Vertrauen in die Polizei nach dem Enttarnen des NSU und allerhand nicht geahndeter Straftaten gegenüber Flüchtlingen aufrechtzuerhalten ist, sei jedem Bürger selbst überlassen. Wendt jedenfalls wird in der Öffentlichkeit als Stimme der Straße wahrgenommen. Als jemand, der Nacht für Nacht Streife fährt und jeden Dealer, jede Nutte und alles Personal, das sich auf dem Bürgersteig oder im Hinterhofcasino herumtreibt, persönlich kennt. Wann er das letzte Mal auf Streife war, ist nicht bekannt. Zu allen anderen Fragen gibt er gerne Auskunft. Wann immer es beim Thema Sicherheit Unklarheiten gibt, hat Wendt Antworten. Zum Beispiel in der aktuellen Ausgabe des Compact Magazin.

Compact ist ein Magazin mit einer eindeutigen Ausrichtung. Wie kann man sie am besten erklären, ohne dass Chefredakteur Jürgen Elsässer einen mit Unterlassungsklagen überzieht? Sagen wir so. Wäre das Compact Magazin ein Schiff, es sähe aus, als hätte es Steuerbord massiv Schlagseite und würde zur Seite gekippt übers Meer fahren. Oder sagen wir anders: Wäre die Welt eine Scheibe, müsste man aufpassen, dass das Compact Magazin nicht rechts herunterfällt, so weit außen steht es schon. Für den Gewerkschaftsführer ist das Blatt offenbar ein Gesprächspartner auf Augenhöhe.