Noch bevor der Vorspann der heute-Sendung um 19 Uhr vorbei ist, zeigt das ZDF einen Mann, der an einem Klavier auf einer Straße mitten in Paris sitzt und spielt, vor der Konzerthalle Bataclan, wo am Vorabend 89 Menschen getötet wurden. Man hört die ersten Töne, erkennt die Melodie, und der Moderator sagt aus dem Off: "Und doch ein bisschen Hoffnung. Er spielt für Paris – und für uns alle. Imagine."

John Lennons Friedensballade liefert also den Auftaktakkord einer Nachrichtensendung. Das deutsche Fernsehen ist anders an diesem ersten Abend nach den Anschlägen von Paris.

Heute, Tagesschau, Sondersendungen, Plasberg, Tagesthemen, Illner: Wer am Samstagabend ein paar Stunden zusah, wie ARD und ZDF die Ereignisse vom Vorabend zu verarbeiten versuchten, traf auf eine merkwürdige Mischung aus Informationsvermittlung und Trauerritual, aus Bericht und Beschwörung.

Man kann fragen, ob das Klavier zum Sendungsauftakt sein muss und all der Pathos, der an diesem Abend zusammenkommt. Die Bilder der Rosen auf dem Straßenpflaster, "eine Stadt, belagert von Trauer und Terror", "Die ganze Welt trauert mit Frankreich", all diese Sätze, die ja richtig sind und die uns doch nichts Neues sagen. Von Gefühlen steht nichts im Sendeauftrag, Gefühle haben wir Zuschauer selbst. Die muss nicht Claus Kleber für uns ausagieren.

Kleber wandelt sich an solchen Abenden vom geschmeidigen Conferencier des Weltgeschehens zum Fernsehprediger. Der die Fragen der Zuschauer an sich selbst stellt und stellvertretend für sie die Unsicherheit durchlebt und dann die Hoffnung, und das alles in kompakten 30 Minuten heute journal. Als am Ende der Sendung wieder Imagine zu den Bildern der Pariser Trauer erklingt, hätte es einen kaum noch gewundert, wenn Kleber gesungen hätte. Und wir singen alle mit.

Zu früh für journalistische Routinen

In den antiken Tragödien repräsentiert der Chor häufig eine politische Gemeinschaft und hat die Funktion, das Geschehen auf der Bühne zu interpretieren und mit Gefühl und Deutung zu begleiten. Diese Rolle übernehmen an diesem Abend auch ARD und ZDF: Sie sind der Fernsehchor zu diesem Terrordrama. Claus Kleber ist der bundesdeutsche Chorleiter.

Ist das schlimm, ein journalistisches Versagen gar? Nicht unbedingt. Es ist ja wirklich eine schwierige Situation. 22 Stunden nach dem Anschlag nur die (wenigen) bekannten Fakten zu wiederholen. Es ist aber auch noch zu früh, um die Ereignisse schon einzuspeisen in die normalen Routinen, in die Realitätsverarbeitung, in der Fernsehpolitikjournalisten allzu geübt sind: Was "bedeutet" das nun für die Koalition? Wo bleibt der Streit zwischen Vizekanzler Gabriel und dem Bayern Seehofer, wie lange schweigt Merkel noch und wer aus der Opposition schimpft heute am schönsten?

Schweigen ist offenbar keine Option. Das wurde schon am Freitagabend klar, als Zuschauer auf Facebook und Twitter die Sender dafür beschimpften, weil sie nicht sofort die Fußballübertragung abbrachen und auf Terrordauerfernsehen umstellten. Der Nachrichtenredakteur Udo Stiehl hat erklärt, warum diese Erwartungshaltung unerfüllbar war. Weil erstens Fernsehen auch von Menschen gemacht ist, und zweitens die Ereignisse ja auch erst recherchiert werden müssen, bevor sie beschrieben werden können. Stiehl schrieb: "Bitte geben Sie uns doch die Zeit. Wir geben Ihnen dafür gesicherte Informationen."

Viele schräge Formulierungen und Worthülsen


Was also sendet man die all die Stunden? In der ARD ließ sich beobachten, wie das Programm ausfranst, je länger es dauert. Die Tagesschau um 20 Uhr war noch ein kleines, kompaktes, 15-minütiges Wunder. Wer die vorherigen 22 Stunden keinen Kontakt zu Medien oder Menschen hatte, erfuhr hier alles Wichtige. Die Sondersendung danach konnte das Niveau leider nicht halten. Ein schräger Satz folgte auf den anderen. "Mit ungeahnter Präzision und Koordination wurde fast zeitgleich an sechs verschiedenen Orten angegriffen", sagte die ARD-Sondersendung-Moderatorin Ellen Ehni. Was soll "ungeahnt präzise" sein am Kalaschnikow-Geballere in die Zuschauermenge eines Konzertes?

Die Angst unnötig steigern

Solche raunenden Formulierungen sind es, die die berechtigte Angst vor Terror noch unnötig steigern, indem sie ihn stärker machen, als er ist. Ebenso wie das Gerede von der "Hölle" und dem "Krieg", der nun herrsche. Im Bedürfnis, ihre Zuschauer emotional zu erreichen, schossen an diesem Abend viele in ihren Formulierungen über das Ziel hinaus. Es blieb dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche, Heinrich Bedford-Strohm, überlassen, in der Sondersendung von hart aber fair auf die Unverhältnismäßigkeit zumindest hinzuweisen: "Diejenigen, die Krieg erlebt haben in Syrien und anderswo, würden uns beschimpfen, dass wir uns anmaßen, bei unserer Lebensrealität von Krieg zu sprechen."

Das war dann auch so ziemlich die einzig wertvolle Stelle in dieser Talkshow. Denn sonst würgte Moderator Frank Plasberg seine Gäste immer dann ab, wenn diese sich gerade mühsam von Allgemeinplätzen in die Details vorgearbeitet hatten. Als der ARD-Terrorexperte Holger Schmidt gerade überlegt, wie es gelingen könne, den IS als die lebensfeindlichen Versager darzustellen, die sie sind, damit sie für Jugendliche nicht mehr so attraktiv sind, lässt Plasberg plötzlich ein paar Betroffenheitstweets und Mails vorlesen und schon muss die Runde von vorne anfangen.

Immer wieder werden an diesem Abend die O-Ton-Schnipsel von Horst Seehofer und seinem sächsischen Amtskollegen Stanislaw Tillich eingespielt. Die beiden sprechen sich darin dafür aus, die EU-Außengrenzen und auch die deutschen Grenzen besser zu kontrollieren. Ihre Forderung muss den gesamten Abend als Beleg dafür herhalten, dass sich schon jetzt Terrorschock und Flüchtlingspolitik auf das ungesündeste vermischen. Ob und wie solche Grenzkontrollen funktionieren könnten, was sie einerseits bringen würden und was sie für all die Flüchtlinge bedeuten würden, die ohne böse Absichten kommen, bleibt dabei unbesprochen. Seehofer hat "Grenze" gesagt, das reicht, um ein Schaudern durch die Fernsehsendungen zu schicken.

Reden über die Debatte statt echter Debatte


Die, deren Aufpeitschen befürchtet wird, das politische Spektrum ab Seehofer also und die sprachfähigen Unterstützer von Pegida und Co., sie treten in keiner der Sendungen live auf. Was die meisten Moderatoren nicht davon abhält, schon jetzt über den nächsten Koalitionsstreit zu reden. Wie sie überhaupt Realität erzeugen, indem sie diese heraufbeschwören. "Es wäre ein riesiger Propagandaerfolg für den 'Islamischen Staat'", sagt der ZDF-Terrormann Elmar Thevesen, und erzeugt so diesen Propagandaerfolg selbst. "Wird die Debatte jetzt neu befeuert?", fragt Claus Kleber zur Flüchtlingspolitik Bettina Schausten am Brandenburger Tor, und sie sagt, natürlich: "Ja, ich glaube, davon muss man ausgehen." So ersetzt das Reden über die Debatte die eigentliche Debatte. 

Eigentlich ist es ganz einfach: Eine Bereicherung sind an diesem Abend alle Beiträge und Gäste, die mehr wissen als der Zuschauer. Der ZDF-Bericht über die Radikalisierung in Pariser Banlieus und Gefängnissen war so eine positive Ausnahme: Sozialarbeiter und ein ehemaliger Mithäftling eines der Pariser Attentäter vom Januar berichten vom Weg in den Islamismus. Oder in der Sondersendung von Maybritt Illner der Terrorexperte und ZEIT-Redakteur Yassin Musharbash. Er und die anderen Gäste der Sendung, darunter der angenehm ruhige Justizminister Heiko Maas, zeigen unter Illners souveräner Leitung, dass es geht. Hier wird das erste Mal sachlich und intensiv der Gegner besprochen. Welche Strategien verfolgt der IS? Warum gerade Paris ("Weil sie die Gelegenheit hatten"), und wie viele Terroristen sind wohl unter den nach Deutschland Geflüchteten? Darauf gibt der ehemalige General Harald Kujat die trockene Antwort: "Ich weiß es nicht." Da ahnt man als Zuschauer, dass es nun gilt, genau diese Unsicherheit auszuhalten und nicht in Panik zu verfallen.

Ganz zum Schluss dieses Abends versucht sich das aktuelle sportstudio an seiner Deutung der Ereignisse. "Natürlich müssen wir uns die Frage stellen: Was bedeutet das für die Europameisterschaft?" Der erste Bericht beginnt mit dem immer falschen Satz "Nichts ist mehr so, wie es einmal war." Es ist zum Glück doch noch so viel, wie es vor Freitagabend war. Bald auch das deutsche Fernsehen wieder.