Ich hatte als kleines Mädchen Angst vor dem Schulausflug in die Kölner Innenstadt. Unser Fußweg zur Bundesgartenschau im Rechtsrheinischen sollte vom seinerzeit musicaltheaterverschonten Breslauer Platz über die ihrerseits noch liebesschlossfreie Hohenzollernbrücke führen, also über den Rhein. Ich hatte Angst vor dem Abwärtssog des breiten braunen Stromes. Ich war nicht schwindelfrei. Das sagte ich unserem Heimatkundelehrer. Die Klasse schmiss sich weg vor Lachen, vor allem die Jungs konnten sich kaum beruhigen, aber Herr Rosenow verstand.

Heike-Melba Fendel ist Autorin und Inhaberin der Künstler- und Veranstaltungsagentur Barbarella Entertainment. Sie lebt in Köln und Berlin. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Hilmar Traeger

Als die versammelte 3a die Brücke mit den donnernden Zügen erreichte, nahm er mich zu sich und hielt meine Hand. Er war mein erster Bodyguard und nichts, wirklich nichts konnte mir passieren auf dem Weg zur anderen Seite. – "Everybody is afraid of something", sagt Kevin zu Whitney in Bodyguard.

Auf der Kölner Hohenzollernbrücke beschützen inzwischen geschätzte 40.000 Liebesschlösser die ewige Liebe derer, die sie dort angebracht haben. Die Gitterfläche entlang des nördlichen Gleisbettes der Eisenbahnbrücke, die vom Hauptbahnhof zum opulenten Sendezentrum der RTL-Group führt, ist von ihnen blickdicht versiegelt. Entsprechend viele Schlüssel wurden von den Liebenden in den einst ökologisch mühsam wiederbelebten Rhein geworfen. Die einen nennen es Schrott im Flussbett, die anderen romantische Liebe. Auch Liebende sind nicht schwindelfrei. In Köln schon gar nicht.

Premiere im Musical Dome

Whitney Houston wollte Kevin Costner ewig lieben. Bodyguard, der Film, und I Will Always Love You, der Song, waren Riesenhits in den neunziger Jahren, als man Erfolge noch so nannte. Die gezielte Selbsttäuschung, die suspension of disbelief, im Kino gelernt und im Fernsehen vergröbert, findet im Musical die Stätte der endgültigen Verdrängung.

Ein prägnantes Synthetikungetüm gleich neben dem Kölner Dom böte die perfekte provisorische Spielstätte für sein Musical namens Gambler, dachte sich ein Alsdorfer Unternehmer in den neunziger Jahren. Die Stadt Köln war zügig überzeugt, der sogenannte Musical Dome binnen sechs Monaten errichtet und der Unternehmer kurz darauf pleite. Sein Musical Dome jedoch war gekommen, um zu bleiben. Längst ist die provisorische Riesenhitbehausung am Rhein ein echtes Kölner Wahrzeichen, ganz wie die nach Ewigkeit heischenden Liebesschlösser in fußläufiger Nähe.

Die knatschblaue, stahlumflochtene Riesenraupe dürfte bereits deutlich länger auf dem ehemaligen Parkplatz am Hinterausgang des Kölner Bahnhofs stehen, als die Beziehungen jener dauern, die "Kevin liebt Ute" in dunkelrotem Nagellack auf mit rosa Flitter dekorierte Billigschlösser geschrieben haben.

Seit November flittert Bodyguard – Das Musical auf der Showbühne des Musicaltheaters. Täglich um halb acht und samstags und sonntags zusätzlich um vier Uhr strömen Glamour-Hit- und Gänsehaut-affine Bustouristen in die Geborgenheit im Ritual. Sie alle kennen das Motiv auf dem rheinwärts über dem Eingang montierten Großposter: Ein starker Mann trägt eine äußerst erschöpfte Frau in seinen Armen, wie Helfer die aus Seenot geretteten Flüchtlinge unserer Tage. Der Mann sieht beinahe aus wie Kevin Costner 1992 auf dem berühmten Kinoplakat, und auch die Frau mit dem gesenkten Kopf in dem albernen Lederoutfit ist Whitney Houston täuschend ähnlich.